Jeremy Rose Quartet © Xavier Plus

Ein Spektakel im Wiener Reigen … und keinen interessiert’s!

Das Trio des famosen australischen Saxofonisten Jeremy Rose gastierte mit dem US-Gitarristen Kurt Rosenwinkel am Freitag, dem 9. November 2018 im Wiener Reigen – und brillierte vor einem nahezu leeren Saal. skug war dabei und ist wütend.

In der australischen Jazzszene und darüber hinaus ist der in Sydney geborene Saxofonist und Komponist Jeremy Rose bereits ein Fixpunkt. Mit seinen verschiedenen Projekten wie The Vampires (die 2016 ein phänomenales Album mit dem Gitarristen Lionel Loueke veröffentlichten) oder dem Earshift Orchestra ist er ständig in wechselnden Ecken und Enden des Jazz unterwegs. Mit seinem Quintett veröffentlichte er im Juni 2017 die CD »Within & Without«, für die es heuer, etwas verspätet, eine Release-Tour durch Europa gab. Teil dieses Quintetts ist auch der 1970 in den USA geborene Gitarrist Kurt Rosenwinkel, der seit seinem Einstieg in die Szene während der 1990er an der Seite von Gary Burton, Paul Motian, Chris Potter, Brian Blade und vielen mehr zu hören war und als Sideman und Bandleader eine markante, virtuose musikalische Sprache entwickelt hat, die im Munde vieler junger Jazzgitarre-Student*innen und -Fans ist. Abzüglich des Pianisten Jackson Harrison tourte diese Band also mit Jeremy Rose (Tenorsaxofon), Andreas Lang (Bass), Tobias Backhaus (Drums) und Kurt Rosenwinkel (Gitarre) durch größere und kleinere Städte Europas und erlebte dabei in Wien wohl ihre größte Ernüchterung.

Großes Konzert vor kleinem Publikum
Freitag, 9. November 2018, 20:00, Wien Penzing, Reigen. Neben mir selbst nehmen beim Betreten der mit einigen Tischen und Stühlen ausgestatteten Konzerthalle einige wenige Jazzliebhaber*innen der hartgesottenen Type Platz. Vom Wiener Publikum ist man Last-Minute-Auftauchen ja gewohnt. Wer gute Plätze will, braucht zumeist nicht mehr als eine Viertelstunde vor Beginn anzukommen. In diesem Fall aber macht sich schnell der schauderhafte Gedanke breit: Da kommt niemand mehr. Ein knappes Dutzend Leute sitzen also über den Raum verteilt an ihren Tischen, als Jeremy Rose und Co. die Bühne betreten. Und sie legen los, und wie. Das erste Stück ist eine zügig swingende Eigenkomposition von Rose und sogleich schwingen er und Rosenwinkel sich in solistische Höchstformen auf, die über die gesamte Länge des Konzertes nicht nachlassen soll. Besonders aber köchelt an diesem Abend Kurt Rosenwinkel. Jedes Solo des Gitarristen ist ein Meisterwerk in Sachen Aufbau, Spontanität und Ideenreichtum, die wenigen Anwesenden machen ihrer Begeisterung immer wieder durch entsprechende Ausrufe Luft. Das gesamte Konzert an sich zählt wohl zu einem der Highlights des Jahres, ein Gipfeltreffen der musikalischen Ideen, der Verbindung von Traditionsbewusstsein mit den Errungenschaften der jüngeren Jazzer*innen-Generationen. Wie kommt es also, dass die einzige Beeinträchtigung dieses ansonsten äußerst anregenden und bewegenden Konzertabends das nicht vorhandene Publikum ist? Hört man sich unter jazzorientierten Stundent*innen um, so fällt der Name Kurt Rosenwinkel nicht selten, auch Jeremy Rose ist hierzulande kein Unbekannter. (Eine Masterclass, die die Band am Vortag in Linz gab, war sehr gut besucht.) Am Samstag gastierte das Jeremy Rose Quartett in Frankfurt im Jazzkeller und es wird berichtet, dass dort mit 150 Besucher*innen wirklich niemand mehr hineingepasst hätte.

Mangelndes Interesse oder fehlende Kommunikation?
Woran ist es also in Wien gescheitert, noch dazu an einem Freitag? Zum einen lag das sicher an mangelnder Publicity seitens der Veranstalter*innen. Beim Verlassen des Lokals nach Konzertende waren vor der Tür ein paar verwirrte Student*innen anzutreffen, die erst ein, zwei Stunden zuvor von dem Konzert erfahren hatten und es eigentlich sehen wollten, rechtzeitiges Erscheinen aber unmöglich schaffen konnten. Andererseits scheint es in Österreich und ganz besonders im kulturverwöhnten Wien ein allgemeines Desinteresse an internationalen Acts feinster Güte, aber mittleren Bekanntheitsgrades zu geben. Konzerte österreichischer Up-and-Coming-Acts oder bereits etablierter Formationen sind löblicherweise meist zumindest halbwegs gut besucht, manche sogar sehr gut. Schmerzhaft schwach besucht waren, zumindest im Vergleich zum geschichtsträchtigen Status dieser Musiker, beispielsweise Konzerte von Fred Hersch mit Ralph Alessi, Peter Erskine mit Kenny Werner (!), Gilad Hekselmann mit dem Kristof Bacso Trio, Jasper van’t Hof mit Heinz Sauer und vielen weiteren bis hin zum niederschmetternden Erlebnis vom letzten Freitag.

Jazzliebhaber*innen of Vienna, unite and take over!
Das Problem liegt dabei aber nicht darin, dass man diese Leute hierzulande nicht kennen würde. Jazzklavier-Student*innen sind die Namen Fred Hersch und Kenny Werner durchaus geläufig, ebenso wie Peter Erskine aus jedem Schlagzeugunterricht und -studium kaum wegzudenken ist. Eine handfeste Diagnose zur Ursache dieses Phänomens zu stellen, ist wohl schwierig, wenn nicht gar unmöglich, ebenso wenig lässt sich »die Lösung« dafür finden. Ein Ansatz wäre jedenfalls mit Sicherheit das Hinarbeiten auf ein verdichtetes, zwischenmenschliches Kommunikationsnetz, die Weitergabe von Informationen und Empfehlungen auch außerhalb der vermeintlichen Interessensgebiete der Zielgruppe und stärkere Präsenz der Konzert-Locations, Labels und Veranstalter*innen in sozialen Netzwerken sowie in Medien außerhalb ihres Fachbereichs. Denn besonders Locations, in denen Jazz nicht das dominierende Konzertgenre ist (wie eben beispielsweise im Reigen) erreichen dann über ihre einschlägigen Szene-Sites und -Zeitschriften nicht das sicherlich vorhandene und höchstwahrscheinlich interessierte oder zumindest begeisterungsfähige Publikum.

Natürlich ist so etwas schnell gesagt und selten getan, aber dieser Artikel versteht sich nicht als Anschuldigung oder Aufruf, sondern als Feststellung eines Problems, das nicht nur die Jazz-Nische betrifft, sondern unter dem Kunstschaffende aus aller Herren Länder im Endeffekt zu leiden haben. Und wer möchte schon gerne in einer Stadt leben, die sich langsam aber sicher einen Ruf als »Tough Crowd« erarbeitet …

Links:
http://jeremyrose.earshift.com/
http://www.kurtrosenwinkel.com/