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Der Wiener Kadmon aka Allerseelen veröffentlicht seit 1989 Material, das sich musikalisch an den Rändern von Post-Industrial-Distorsion und elektrifizierter Folklore abarbeitet. Dass eine Auseinandersetzung mit Nietzsche, frühem Ernst Jünger, Guido von List, der Thule-Gesellschaft und anderen esoterisch-heidnisch angehauchten Vereinigungen auch als protofaschistisches Liebäugeln im Dienste einer Simplifizierung und gleichzeitig »Mystisierung« des Lebens missinterpretiert werden kann, ist bei diesem Projekt volle Absicht. Eine »Death Disco« für HJ-Sympathisanten: Allerseelen fällt eben genau nicht in die Falle einer Musik für radikalisierte Pfadfinder sondern erdet in dieser VÖ seine Vorstellungen einer »Industrial Folklore« in ziemlich einfache Rhythmusloops und griffige Melodien, die aus dem österreichischen, italienischen und spanischen Raum kommen und in ihrer Einfachheit an elektrifizierte Springlieder à la Dead Can Dance erinnern. Edelweiß ist eine Zusammenstellung mittlerweile schwer zu beziehnden Materials aus den Jahren 2000-2005. Die weitgehend wie sonst auf anderen Releases bis zum Abwinken vorgetragenen, martialischen Dahinklöppeleien und Marsch-inspirierten Hornsignale werden bei Allerseelen wohltuend außen vorgelassen. Während die Instrumentierung auf »Edelweiß« OK ist, Rockiges mit Rituellem zusammengeht, wird beim Gesang öfters Klischee gefahren, wenn die auf martialisch gemachte, sprechgesanglich triviale Stimme Kadmons in Deutsch singt und die weiblichen Parts in Spanisch vom romantischen Gestern künden. »Edelweiß« ist eine Hommage an die Berge, verhaftet im Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts, als diese als mythisch überhöhte Orte von einer bürgerlich geprägten Gesellschaftsschicht für Körperertüchtigung und fatale Freiheitsfantasien eingemeindet wurden. Das kämpferische »Auffi muaß i auf’n Berg« zeitigte schon damals alpine Okkupationsgedanken, die von separatistischen, rassisch motivierten Ausschließungsmechanismen geprägt waren. Schließlich waren die österreichisch-bayrischen Alpenvereine eine der ersten Einrichtungen, die sich bereits in den frühen 1920er Jahren als »Judenfrei« deklariert hatten. Wieder mal eine höchst problematische Angelegenheit also, in die sich Allerseelen da begibt. Es geht indes nicht um reaktionäres Liedgut und der Heraufbeschwörung einer »konservativen Revolution«, auch wenn das Viele auf beiden Seiten des politischen Lagers gerne so hätten. Vielleicht so: Während Allerseelen von den meisten ariosophisch und/ oder kryptofaschistisch interpretiert wird, was ja auch kein Wunder ist bei der Vielzahl an kruden, stumpfsinnigen und sublimierten VÖs ähnlicher Provenienz, sieht sich die Band selbst wahrscheinlich noch am ehesten in der Anthroposophie aufgehoben. Ein beinahe typischer Fall für eine Divergenz zwischen Form und Inhalt: Allerseelen war indes immer schon mehr eine musikalische Manifestation denn eine Band, mit vielen Abstrichen eine Art österreichischer Boyd Rice. Mit Sicherheit einer der anspruchsvollsten Acts auf diesem Gebiet.

www.geocities.com/ahnstern

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Home / Rezensionen

Text
Heinrich Deisl

Veröffentlichung
22.05.2006

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