Distels

»Distels«

Almost Halloween Time Records / Feeding Tube

Es wird ja gerne vergessen oder sogar unterschlagen, dass der Nichtberufsmusiker der popkulturelle Normalfall ist. Das gilt auch für die Nichtberufsmusikerin – und hier haben sich zwei zusammengefunden, die schon lange in unterschiedlichsten Bands und auch solo Musik machen. Annelies Monseré (u. a. Luster) und Steve Marreyt (u. a. Silvester Anfang, Het Interstedelijk Harmonium Verbond); erwachsene Menschen, die nach Feierabend unverdrossen und unaufgeregt ihre musikalische Nische ausbauen – mithin ein Schutzraum gegenüber dem allgemein um sich greifenden Wahnsinn, aber eben auch eine realistische Variante des Altwerdens, ohne im Eigenheim suizidal vor sich hinzugammeln. Über die Postadoleszenz und Midlife-Crisis hinaus bringt dann die anhaltende und vertiefende Auseinandersetzung mit Popkultur zumeist mit sich, dass man anfängt, sich für Musikstile zu interessieren, die dem eigenen Teenager-Selbst noch mehr als suspekt erschienen wären: Progressive Rock zum Beispiel oder Folk Music, die nur als Private Press Release veröffentlicht wurde. Man entdeckt Sibylle Baiers »Color Green« Album oder »Pole« von Besombes Rizet und für den Fall, dass das Haus brennt, steht außer Frage, dass außer der »Anthology of American Folk Music« von Harry Smith nichts weiter unbedingt vor den Flammen gerettet werden muss. Solche Neigungen als frühvergreist, weltflüchtig oder gar regressiv zu brandmarken wäre – einfach gesagt – ziemlich dumm, verkennt ein solches (Vor-)Urteil doch die Schönheit und Widerständigkeit, die sich in kultureller Praxis entfalten kann, die jenseits von Zeitgeist und kommerziellen Erwartungshaltungen zur Entfaltung kommt (und zumeist – eben deshalb – auch für spätere Generationen noch von Bedeutung sein kann). Das Hinabsteigen in Archive, das Erstellen von Registern, die Rettung von dem, was dem Vergessen anheim zu fallen droht: sinnstiftende Tätigkeiten, Community-Building – nicht selten die Aufgabe von beseelt bis besessenen Laien-Historiker*innen, die nach Einbruch der Dunkelheit (die Kinder schlafen) ihren Vorlieben nachgehen. Und diese Bemühungen der Vergegenwärtigung von kostbarer Vergangenheit kommt eben auch im Musikmachen selbst zum Ausdruck, und damit wären wir wieder bei Annelies und Steve, die auf »Distels«, ihrem ersten gemeinsamen Album, ihrer Liebe für britische Folk Music Ausdruck verleihen. Spätgeboren und gut informiert wissen beide natürlich um die Sekundarität ihrer eigenen musikalischen Produktion – sie ziehen aber erfreulicherweise keinen doppelten Boden in ihre Musik ein, versuchen nicht, irgendwie clever Meta-Folk zu machen, sondern haben ein ganz wunderbares kleines Album aufgenommen, das sich an historische Vorbilder (Pentangle, Shelagh McDonald oder Peter Bellamy) zwar anlehnt, aber seinen eigenen Ausdruck in der Interpretation von sechs britischen Traditionals/Folk-Songs findet. Ihre leicht vernebelte Version von »Willie O’ Winsbury« (auch bekannt als »Procession« aus dem Film »The Wicker Man«) versucht gar nicht erst, mit der virtuosen Version Pentangles mitzuhalten, stattdessen kann man hören, wie sich der eigene musikalische Background in den Versionen manifestiert: der Drone, wie Marreyt ihn bei Het Interstedelijk Harmonium Verbond spielt, hüllt Monserés zarte Stimme ein; eine Stimme, die gegenüber der glasklaren, glockenhellen Stimme von Jacqui McShee verhaltener und dunkler klingt. So erhalten all die Interpretationen einen gewissen Folk-Horror-Touch, und – voilá! – schon findet sich das Nischenprojekt im Zeitgeist aufgehoben wieder, denn Filme wie »Midsommar« oder »The Witch« – die wiederum im Schatten von »The Wicker Man« stehen – erfreuen sich ja derzeit einiger Beliebtheit, und wer mit dieser Art von Filmen etwas anfangen kann, der sollte sich vielleicht das Album der »Distels« einmal anhören.