Chapo102 © Robert Lüthje

Die Kehrseite der Medaille

Mit seinem ersten Soloalbum schafft Chapo102 das, wofür andere Rapper oft Jahrzehnte brauchen. »COUNTRYCLUB« bietet einen intimen Einblick in die ambivalenten Tiefen seiner Persönlichkeit und beweist wahre Größe in der Offenbarung der eigenen Verletzlichkeit.

Oftmals haben es Musiker*innen nicht leicht, wenn sie sich an ungewohnten Sounds probieren. Gerade im Rap hat Authentizität einen so hohen Stellenwert, dass die Reaktionen auf Experimente unberechenbar sind. Chapo102 lässt sich davon scheinbar nicht beirren und zeigt sich in seinem Soloprojekt von einer Seite, die man von einem Mitglied der 102 Boyz nicht unbedingt erwartet hätte. Deren Auftreten ist gezeichnet von sympathisch-prolliger Selbstinszenierung und einer eindeutigen Diskografie. Doch in der Crew war es von Beginn an üblich, dass nicht jeder Tonträger als feste Gruppe aufgenommen wird und einzelne Mitglieder sich beliebig ausprobieren. So hat Chapo102 beispielsweise schon 2019 die »Mischkonsum EP« herausgebracht. Sein aktuelles Album unterscheidet sich allerdings deutlich von allem, was 102 je produziert haben. Während deren bisheriger Sound die passende Untermalung für ein rücksichtsloses, feucht-fröhliches Partywochenende bot, wirkt »COUNTRYCLUB« daneben wie 34 Minuten Psychokater. Ein ehrliches Geständnis über die Gedanken, die auftauchen, wenn gerade niemand da ist.

Baby, I don’t need you tonight

Das Alleinsein bildet insgesamt ein wichtiges Thema auf dem Album. Zwar beginnt es mit dem Titel »1998«, einem rührenden Track über Chapos Werdegang und die Bedeutung, die seine Crew dabei für ihn hat. Der Ton der darauffolgenden Titel wird jedoch deutlich düsterer und betont die Hürden von Liebesbeziehungen, von Nähe und Distanz, dem Wunsch nach Freiraum und dem nach Geborgenheit. Dabei sticht »FALLEN« besonders heraus. Dieser Track vermittelt ein bitterlich schmerzendes Gefühl, einen Hilferuf aus der von Drogen motivierten Ohnmacht über sich selbst. Bevor die Hörer*innen aber in einen Sumpf der reinen Depression stürzen, gibt es glücklicherweise auch heitere Titel. Diese sind auf dem Album gut platziert, sodass eine harmonische Balance von Stimmungsbildern geschaffen wird. »MEIN TEE WIRD LANGSAM KALT« hat großes Potenzial zum Sommerhit, ist mit einem Indierock-Beat unterlegt und wird neben Stacks102 vom perfekten Schwiegersohn der Deutschrap-Szene, Longus Mongus, unterstützt. Dieser Titel betont die popkulturellen Einflüsse Chapos, die sein Album widerspiegelt.

Trage eine Unterhose, ja, in deiner Lieblingsfarbe

Auch darüber hinaus beweist Chapo102 stellenweise Humor neben den insgesamt doch sehr persönlichen und zerrissenen Gefühlswelten. So bildet »MANEATER« ein zeitgemäßes Äquivalent zum Klassiker »Du trägst keine Liebe in dir« von Echt und beschreibt ein Phänomen, das an seine heutigen soziologischen Parameter gebunden ist. Dieser Faktor gilt für das gesamte Album: Es wäre fast möglich, eine gesamte Milieustudie auf der Grundlage von »COUNTRYCLUB« zu verfassen. Das Album ist modern, weist einen hohen Identifikationsgrad auf und trifft den richtigen Nerv zur richtigen Zeit. Und während es für einige Künstler*innen üblich ist, sich für Ausflüge in andere Genres die jeweilig passenden Featuregäste zu suchen, bleibt Chapo102 in seiner Zusammenarbeit mit Rappern wie KASIMIR1441, badchieff und Co im Deutschrap-Kontext eingebettet. Durch all das gelingt ihm ein hervorragendes Album, ein Beweis der künstlerischen Bandbreite und der immerwährenden Authentizität. Ganz ohne Andreas Bourani!

Chapo102: »COUNTRYCLUB« (Jinx Music)

Link: https://www.instagram.com/chapo102