Die ganze Wahrheit über die 24 Lügen pro Sekunde

Eine beinahe komplette Geschichte des Films liefert Mark Cousins mit »The Story of Film«. skug hat sich durch 915 Minuten Film gekämpft, von den Gebrüdern Lumière bis zu Christopher Nolans »Inception«.

»Endlich« muss man zunächst sagen, denn »The Story of Film« von Mark Cousins füllt tatsächlich eine seit langem bestehende Lücke, über die schon Jean-Luc-Godard anlässlich seines Beitrags zum 100. Geburtstag des Kinos im Jahr 1995 meckerte. Die damalige Lösung, beauftragt von der BBC, waren vor allem nationale Kinohistorien. Das zeitigte sehr unterschiedliche Resultate. Stephen Frears warf einen ebenso trockenhumorigen wie wehmütigen Blick auf das britische Kino im Schatten Hollywoods. Stanley Kwan nutzte den Auftrag, um eine subjektive Bestandsaufnahme des asiatischen Gay- und Transgenderkinos zu präsentieren. Oshima Nagisa wiederum folgte dem japanischen Ehrenkodex und präsentierte in 55 Minuten praktisch jeden Film von praktisch jedem japanischen Regisseur (zum Großteil nur in Standbildern!) – offenbar um bloß keinen Kollegen vor den Kopf zu stoßen. Eine Tortur. Jean-Luc Godard verweigerte sich der gestellten Aufgabe (was sonst?) und lieferte stattdessen ein Epitaph zum 100. Geburtstag des Kinos. Aber es gab noch Scorsese, diesen begnadeten Streber, der ein großartiges Panorama des amerikanischen Films entwarf. Und als Fleißaufgabe auch noch eine hingebungsvolle Geschichte des italienischen Neorealismus. Davor kann man bis heute nur den Hut ziehen. Trotzdem war diese Jahrhundertkinoreihe insgesamt nur teilweise befriedigend, vor allem weil sie die bestehende Lücke noch verdeutlichte.

Umfassend ohne Amerika
Nun also füllt der Ire Mark Cousins diese Lücke, auf fünf DVDs, 915 Minuten lang. Die gute Nachricht: Cousins »Geschichte des Kinos« ist wirklich umfassend und vor allem global. Der Beginn des modernen afrikanischen Kinos, das lateinamerikanische Kino, das indische Kino (von »Hindi-Cinema« zu »Bollywood«), das lange Zeit abgewürgte chinesische Kino … es ist alles da – und eben nicht wie üblich nur das europäische und amerikanische Kino. »Unverzichtbar« möchte man jubeln, aber es gibt auch eine Reihe von Einbußen. Zunächst ist anzumerken, dass Cousins Historie bis in die späten 1940er tatsächlich ausgewogen verläuft, aber mit der Verschiebung auf den globalen Blickwinkel wird der Einfluss Hollywoods auf das Notwendigste reduziert, mit dem Hinweis darauf, dass die Traumfabrik viel zu viel eskapistische Routine geschaffen habe. Das mag stimmen und ist auch als Intention durchaus sinnvoll, aber streng genommen ist Cousins Zusammenschau ab den 1950ern überwiegend eine »Geschichte des dritten Kinos«. Gemeint ist jenes »third cinema«, das sich als dritter Weg zwischen Unterhaltungsspektakel und Kunstfilm versteht. Engagiertes Kino, das mehr sein will als bebilderte Sozial- und Politik-Issues. Beispiele dafür gibt es viele, von Abbas Kiarostami über Béla Tarr bis Souleymane Cissé. Aber es gibt viel mehr Beispiele, wo das nicht geklappt hat. Wo das engagierte Filmemachen in engagierte Langeweile mündete. Nicht selten rühmt Cousins Beispiele des »third cinema« für einen cineastischen Pioniergeist, der tatsächlich woanders längst stattgefunden hat. Das ist zwar verständlich, hat aber doch ein Hauch von tendenziöser Gewichtung.
Hinzu kommt, dass Cousins eine leicht streberhafte Offscreen-Bebilderung hinzufügt. Immer wieder wird der Fluss der Originalszenen unterbrochen von Aufnahmen aus der Gegenwart bzw. ehemaligen Lokalschauplätzen. So erfahren wir ganz nebenbei, dass Cousins für dieses Projekt um die ganze Welt gereist ist. Oft auch wiederholt Cousins gerade erläuterte filmische Techniken etwas oberlehrerhaft mit eigenen Einstellungen. Aber immerhin gibt es eine Reihe von Interviews mit noch lebenden Filmemachern bzw. ehemaligen Weggefährten. Etwa mit der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion, die beiläufig erwähnt, dass nur drei Prozent aller Filmschaffenden weiblich sind. Ein Wahnsinn eigentlich, diese Zahl.

No perverts guide
davies_distant.jpgEin weiterer Wehmutstropfen ist, dass Cousins zwar chronologisch und zugleich thematisch geordnet vorgeht (der »Film Noir« in den 1940ern, die goldene Ära des Melodrams, die europäische »Nouvelle Vague« etc.), desgleichen werden aber einzelne Stränge durchaus subjektiv verfolgt. Er springt vom »Dritten Mann« zu »Taxidriver« und von Howard Hawks zu David Lean und von dort wiederum zu Lindsay Anderson und Sergej Eisenstein. Manchmal ist das stimmig, vor allem, wenn die Originalregisseure selbst den Hint geben, wie Paul Schrader, der Cousins gesteht, dass er sich gleich zweimal auf das Ende eines Films von Robert Bresson bezogen hat. Manchmal aber wird klar, dass auch Cousins nicht alles gesehen hat – was ja unmöglich ist. Vor diesem Hintergrund sind seine sieben Punkte zur Genialität von Hitchcock mehr als bestreitbar, genauso wie seine Kurzanalyse von David Lynchs »Mulholland Drive«. Man würde ihm diesbezüglich gerne »The Perverts Guide to Cinema« von Slavoj Žižek auf die Nase drücken, diesen großartigen Filmessay, der klar macht, was für einen Spaß man mit dem Kino haben kann, wenn man den geheimen, verborgenen, traumlogischen Aspekten seiner Bilderwelten folgt. Aber Cousins Blick auf das Kino ist nicht pervers, sondern sehr normal bzw. auch ein wenig normativ. Und er hat offenbar seine Themen: der Begriff »Tiefenschärfe« fällt etwa 175mal, als wäre das moderne Kino ohne Tiefenschärfeeinstellungen nicht denkbar. Nicht nur bei der Analyse von Terence Davies‘ Meisterwerk »Distant voices, still lives« zeigt sich, dass Cousins Film vor allem als Synthese von Kameraführung und (sozialem) Content versteht. Aber gerade »Distant voices, still lives« beweist, dass die Synthese mit dem Ton bzw. der Musik integraler Bestandteil der Filmkunst ist. Nur so zum Beispiel. Die Geschichte des Kinos ist eben noch umfassender, noch komplexer als es Cousins darstellt. Kino ist subjektiver, widerständiger, radikaler, verweigert sich allzu gerne diversen Schubladen. Lange ist darum die Liste der Regisseure und Filme, die trotz 915 Minuten nicht vorkommen oder viel zu wenig gewürdigt werden (von John Cassavetes bis Martin Scorsese, von Fritz Lang bis Rainer-Werner Fassbinder, ganz zu schweigen von all den subversiven Filmkünstlern, die das Kino hervorgebracht hat).

Trotzdem unverzichtbar
Aber klar, bei einem derart enormen Unterfangen muss mit Verlusten gerechnet werden. Es ist vermutlich unmöglich ein Werk zu schaffen, das so besessen in seinen Details und seiner Hingabe zum Medium ist, wie etwa die Essays von Scorsese oder Žižek, und das zugleich den umfassenden Anspruch von Mark Cousins erfüllt. Dennoch ist »Die Geschichte des Kino« als unverzichtbares Standardwerk einzuordnen. Für Kenner ist es eine Dokumentation zum Vertiefen und Auseinandersetzen, zum Ärgern mitunter auch, aber trotzdem bereichernd. Für Einsteiger sind die fünf DVDs ein Füllhorn an Möglichkeiten, in die Geschichte des Kinos einzusteigen. Wer Film wirklich liebt, schaut sich diese Geschichte der 24 Lügen pro Sekunde an.

Mark Cousins: »Die Geschichte des Kinos«
StudioCanal/Arthaus, 5 DVDs, erschienen Ende März 2013 

Bidlegende:
Foto1: Buster Keaton, »Der Kameramann« © MGM
Foto 2: Terence Davies, »Distant voices, still lives« © BFI