Die fetten Jahre sind vorbei

Die drei Anfangzwanziger Jan, Peter und Jule sind »Die Erziehungsberechtigten«. Einzuordnen irgendwo zwischen Globalisierungsgegnern und Postautonomen lehnen sie sich auf ihre eigene verspielte Weise gegen Politik und Gesellschaft auf, bis sie aufgrund einer Kette von Ereignissen unversehens zu Entführern eines reichen Industriellen werden. Aus Spiel wird Ernst, ein Gefühlskonflikt kommt hinzu und alles ändert sich.

Ganz am Anfang ist zu »Die fetten Jahre sind vorbei« zu sagen: Es ist eine lange Geschichte. Genauer gesagt dauert sie 124 Minuten, von denen die drei Hauptdarsteller sicher zwei Drittel in suchender Ratlosigkeit verbringen. Diese Ratlosigkeit und der Versuch, sich irgendeiner Sache bedingungslos zu widmen und dann doch nicht so genau zu wissen, ob und wie, dominieren die Stimmung des Films. Leider erkennt man dabei nicht genau, ob das auch so beabsichtigt ist, oder ob der Versuch, den unendlichen Idealismus der drei jungen Menschen, sowie ihren Hass auf »das System« darzustellen, manchmal doch  nicht so gelungen ist wie erwünscht.

Zuerst einmal greift der Film einige der gängigsten Twen-Lebensromantik-Klischees von heute auf. Da ist die heruntergekommene, untapezierte, irgendwo im Osten Berlins platzierte WG von Jan und Peter, da sind die Turntables in Peters Zimmer, da ist der alte VW-Bus, mit dem herumgefahren wird. Manche Szenen wirken in ihrer Ausgelassenheit wie antikapitalistische Versionen von »Reality Bites«. Die Darsteller wirken zwar irgendwie isoliert, sind aber in diesem Rahmen extrem normal. Unangepasstheit verkommt zum romantisierten Widerstands-Chic.

Dabei beginnt die Geschichte recht vielversprechend. Die »Erziehungsberechtigten« und ihre subversiven Einbrüche in Jachtbesitzer-Villen, bei denen sie nichts stehlen, nur durcheinander bringen und ihre Botschaften hinterlassen, lassen eine intelligente Story erahnen, die etwas Bestimmtes aussagen will und kann. Aber dann beginnt auch schon die Verschwommenheit von ernstzunehmender Berufung und etwas radikaleren Jugenddummheiten. Wir befinden uns in einer Zeit lange nach dem Anarchismus, im gesättigten Anfang des 21. Jahrhunderts, wo nicht mehr so klar ist, wer sich gegen was noch auflehnen kann, weil der Großteil doch ganz zufrieden oder zu beschäftigt ist. Nennenswerte Hausbesetzer- oder Autonomenszenen existieren nicht mehr. Allerdings spricht es für Regisseur Hans Weingartner, dass er seine Darsteller nicht Aktionen und Einstellungen kopieren lässt, die vor 30 Jahren schon mal da gewesen sind. Keine Neo-Baader-Meinhof-Gruppe also, und keine Jungkommunisten. Aber wie gesagt, den Soft-und-subtil-Terrorismus mit der von innen beginnenden Läuterung der Gesellschaft als Ziel nimmt den Darstellern dann auch keiner ab. Eher die jugendliche Sinnsuche gepaart mit jugendlicher Wut. Und im Laufe der Handlung wirken die drei immer mehr wie eine Bande Teenager, die sich hoffnungslos übernommen hat und mit trotzigem Blick, aber erleichtert nach der erwachsenen Hand greift. Weingartner meint selbst, dass es schwierig ist, irgendeine politische Idee zu finden, der man sich überzeugt anschließen und die man bedingungslos unterstützen kann. Nur besteht diese Schwierigkeit nicht in der »Angst, sich zu sehr unterzuordnen und nicht wirklich frei leben zu können«, wie er Julia Jentsch sagen lässt, sondern darin, dass es an annehm- und durchführbaren Konzepten mangelt. Gegen Neoliberalismus, gegen Kapitalismus, für einen Schuldenerlass für die Dritte Welt, gegen den fernsehglotzenden Wohlstandsdurchschnittsbürger, gegen den Welthunger, für den Widerstand und gegen die CDU geht zwar alles in eine ähnliche Richtung, ist aber als Ideen- und Aktionspool zu ausufernd. Ganz realistisch reüssiert Weingartner weiters, dass es der politischen Veränderung heutzutage an Reibungsflächen und Gruppendynamik fehle, nur scheitern seine Darsteller eben nicht nur daran, sondern auch an der Tatsache, dass sie alles, wogegen sie sich auflehnen, gar nicht genau kennen, bestaunen und schlussendlich sogar davon profitieren.

»Das System«, in der Gestalt des reichen Managers Hardenberg, ist allerdings die interessanteste und witzigste Figur im Spiel. Von Anfang an, also auch zum Zeitpunkt seiner Entführung hat er die Situation in der Hand und wird immer noch mehr zu deren Beherrscher. Und väterlich-gutmütiger Sympathieträger mit norddeutschem Mutterwitz ist er auch noch. Trotzdem erfüllt er ebenfalls ein romantisches Jugendklischee, wenn er, in der Einsamkeit der Tiroler Bergwelt und weitab von Firma, Villa und Mercedes, in Erinnerungen schwelgt. Beginnend mit seiner Sechserwohngemeinschaft zu Studentenzeiten, in der gemischtgeschlechtliche freie Liebe praktiziert wurde, zieht er am Joint und redet von seinem guten Freund Rudi Dutschke und der SDS. Schließlich durchläuft er einen wahren Läuterungsprozess vor dem Hintergrund eines Berge- und Seenpanoramas und merkt plötzlich, dass »sein Geld ein Gefängnis ist und er damit eigentlich nichts anfangen kann«. Weiters folgen »arm, aber glücklich« sowie ein Brachialhieb auf die CDU, und die Person Hardenberg rutscht immer mehr ins Pathetische ab, gipfelnd in seinem schlussendlichen Aufstieg zum Gönner und Financier der »Erziehungsberechtigten«. Ganz im Sinne von »den Feind bekämpft man am Besten von innen« wird er das souveränste Mitglied der Gruppe.
Eigen ist auch, wie die »Erziehungsberechtigten« ihre Gefühle füreinander handhaben. Jule wechselt den Mann, aber dies führt nicht, wie eigentlich anzunehmen ist, zum Zerbrechen der Gruppe oder zumindest zu einem längerfristigen Zerwürfnis. Im Gegenteil, alle werden dadurch ein Stück reifer, gezeichneter und mehr denn je bereit, zusammenzuhalten, vor allem innerhalb der Männerfreundschaft. Das ist zwar so sehr nett, fraglich ist nur, ob Themen wie Liebe und Eifersucht in einem Film, der doch einen gewissen Realitätsanspruch besitzt, auf diese Weise gehandhabt werden können. Am Ende merkt man nicht mehr, wer mit wem zusammen ist und die Idee der Gruppe wird über persönliche Gefühle des Einzelnen gestellt, was wohl einen (über Nacht vollzogenen) Prozess des Heranreifens der Protagonisten übermitteln soll. Und wieder ist man sich nicht sicher, für wie glaubwürdig das nun zu halten ist. Im Zusammenwirken mit der Schlussszene, die eine in ihren Vorstellungen homogene Gruppe mit einer grauen Eminenz im Hintergrund (sozusagen einem System-Deserteur) auf dem Weg zu ihrer nächsten Mission zeigt, erscheint es eher so, als hätte Weingartner auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht auf Verluste versucht, ein Happy End durchzuboxen.
Vielleicht ist es aber genau das, was den Film doch schön macht. Es ist kein politisch-düsterer Film im Sinne von Christian Petzolds »Die innere Sicherheit« oder Volker Schlöndorffs »Die Stille nach dem Schuss«. Aber man mag die Stimmung, sie erinnert an »Good bye Lenin« von Wolfgang Becker. Auch mag man die Kameraführung und vor allem die Darsteller. Auch wird es an keiner Stelle langweilig und die Klischees hat man ebenfalls irgendwie gerne. Das Problem ist nur, dass »Die fetten Jahre sind vorbei« wahrscheinlich nicht nur ein netter Film hätte werden sollen …                

www.diefettenjahre.at
Regie: Hans Weingartner (D, 2004)
Darsteller: Daniel Brühl (Jan); Julia Jentsch (Jule); Stipe Erceg (Peter); Burghart Klaussner (Hardenberg)
Vertrieb: Filmladen Filmverleih GmbH,  www.filmladen.at
Offizieller Kinostart in Österreich: 26. 11. 2004  (Viennale-Vorstellung: 25. 10. 2004)


Möge die Macht mit uns sein

»Der Mandchurine Kandidat« ist das Remakes von »The Mandchurian Candidate« von John Frankenheimer (1962). Regisseur dieser Adaption ist Jonathan Demme , spätestens seit »Das Schweigen der Lämmer« ein renommierter Name im Filmzirkus. Demme verlegt die Verschwörung des Originals in die Gegenwart. Die Bedrohung der kommunistischen Gefahr ist einer innerlichen Bedrängnis gewichen.

Die Vernichtung der Demokratie durch konspirative Kräfte im Inneren soll verhindert werden. Einzig Major Bennet Marco (Denzel Washington), Golfkriegsveteran, stellt sich dem Kampf. Sein Gegner ist niemand geringere als der zukünftige Präsidentschaftskandidat, sowie sein ehemaliger Kampfgenosse Raymond Shaw und allen voran seine übermächtige Mutter (hervorragend Meryl Streep), die in ödipaler Manier über den Sohnemann wacht. Shaw gilt als hochdekorierter Kriegsheld. Bennet dekonstruiert Stück für Stück das Heldenepos und legt den Albtraum einer ferngesteuerten Manipulation offen. Paranoia als Drive vieler 50’er B-Movies  wird von Demme übersetzt in den Albtraum Amerika, das machthungrig nach einer Herrschaft der (finanzkräftigen) Elite strebt und hierbei über Leichen geht. Gehirnwäsche als Mittel zum Zweck. Ein Biochip, der uns hypnotisch dem Ziel näher bringen soll, wo die finanziellen Profite, welche beispielsweise die Waffen- und Ölindustrie mit sich bringen, nie versickern und Konzerne wie Mandchurian Global das Sagen haben.

Fazit: ein spannender, gut bestetzter und ausgezeichnet inszenierter Blockbuster im besten Sinne, der so manche Wendung mit sich bringt. Ein Politthriller, der uns das Fürchten lehrt, denn nichts ist beunruhigender als die vermeintliche Realität. Parallelen zur amerikanischen Wirklichkeit sind offenkundig. Man erinnere sich hierbei nur an den einflussreichen Haliburton-Konzern von Dick Cheney und wer garantiert uns, dass es nicht George Walker Bush ist und nicht Raymond Prentiss Shaw, der ferngesteuert das Weltgeschehen im Interesse der Mächtigen lenkt?

Mit Tocotronic gesagt: »Der Kampf den wir führen muss weitergehen»
gegen »die Bruderschaft der dunklen Macht.«

Der Mandchurian Kanidat (R: Jonathan Demme, USA 2004) startet am 11. November in den Kinos. Schwer zu empfehlen ist aber im übrigen auch John Frankenheimers gleichnamiges Original.»Split Reality«