Photo by Alfred Kenneally on Unsplash
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Die Entdemokratisierung des Musikjournalismus

Das Musikmagazin »Pitchfork« wird in das Männermagazin »GQ« integriert. Die Entscheidung mag ökonomisch Sinn machen, aber ist ein Schlag ins Gesicht von Kulturjournalist*innen und Musikliebhaber*innen weltweit.

Am 17. Jänner 2024 wurde bekannt, dass das Männermagazin »GQ – Gentlemen’s Quarterly« sich eines der größten Musikjournale, »Pitchfork«, einverleiben würde. Ein Journalist teilte eine E-Mail dazu auf X fka Twitter. Darin schrieb Anna Wintour, Global Chief Content Officer der »Pitchfork«-Mutter Condé Nast, man würde »die Teamstruktur von ›Pitchfork‹ entwickeln«. Worin besteht diese Entwicklung? Zunächst, so fand AP News wenig später heraus, in der Entlassung von zwölf Mitarbeiter*innen. Vielleicht nicht zufällig waren acht davon Teil der Gewerkschaft von »Pitchfork«. 

Die Angelegenheit ist eine Farce. Laura Snapes hat es im »Guardian« auf den Punkt gebracht: »›Pitchfork‹ in ein Männermagazin einzugliedern, zementiert die Wahrnehmung, dass Musik eine männliche Freizeitbeschäftigung ist. Und sie unterminiert den Fakt, dass es Frauen und nicht-binäre Autor*innen waren – Lindsay Zoladz, Jenn Pelly, Carrie Battan, Amanda Petrusich, Sasha Geffen, Jill Mapes, Doreen St Félix, Hazel Cills; die furchtlosen Editionen von Jessica Hopper und die letzte Chefredakteurin Puja Patel, um nur eine Handvoll zu nennen – die die Seite in den 2010er-Jahren transformierten. Es suggeriert auch, dass Musik nur eine weitere Facette von Konsum-Lifestyle sei.« Zeit, Totenlieder auf ernsthaften Musikjournalismus anzustimmen? Vielleicht.

Was Musikjournalist*innen den Schlaf raubt

Die Enthüllungen haben Kulturjournalist*innen weltweit erschüttert. Denn sie gliedert sich in eine Reihe von anhaltenden Kämpfen. Jeder von ihnen kann uns Schreiberlinge wachhalten:

  1. Die Auflösung von »Pitchfork« ist Teil einer allgemeineren Krise des Journalismus. In Österreich wurden zuletzt die »Wiener Zeitung« und das »Biber« Magazin eingestellt. »tag eins« hat sein Crowdfunding-Ziel verfehlt und muss in reduzierter Form weitermachen. »ZackZack« ist in Gefahr und ersucht um Unterstützung. In den USA ist es nicht besser.
  2. Der prekäre Status von Musikjournalismus geht einher mit einer allgemeinen Krise der Musikindustrie. Streaming-Gigant Spotify entließ im Dezember 17 Prozent seiner Mitarbeiter*innen, bei Bandcamp waren es sogar die Hälfte. »Investitionen« kommen zunehmend von Lifestyle-Firmen. Konzerne kaufen Festivals, Produktionstools oder Medien auf, um sie gemeinsam mit Mode oder Wellness-Angeboten zu verkaufen. George Howard, Professor für Musik-Business in Berkeley meint dazu: »Es wird zunehmend schwerer, festzustellen, wo die Musikindustrie beginnt und aufhört.«
  3. Musikmagazine zementieren (oft ungewollt) Geschlechterverhältnisse. Bei aller Diversität war »Pitchfork« seit jeher auf Männer ausgerichtet. 2014 waren 88 Prozent der Leserschaft männlich. Als Condé Nast die Website ein Jahr später übernahm, gab der CEO als Hauptgrund an, dass die Firma dieses »überaus leidenschaftliche Publikum an männlichen Millennials« für sich gewinnen wolle.

Das Erschreckende ist also, dass Condé Nast wohl nicht aus Böswilligkeit agieren. Ihre Entscheidung beruht auf einem Kalkül. Die Autorin Robin James hat in ihrem lesenswerten Newsletter herausgearbeitet, dass es wenig mit dem tatsächlichen Konsumverhalten von Männern und Frauen zu tun hat. »Der einfachste und effektivste Weg, die Vibes von Aktieninhaber*innen auf der Sonnenseite zu halten, ist es, bestehende Biases zu Geschlecht, Rasse, Sexualität, Nationalität, Religion etc. zu bespielen. In einer Kultur, wo (weiße cis-hetero) Männer stereotypisch als glaubwürdiger, intelligenter, stabiler und schlichtweg ›besser‹ als andere Bevölkerungssegmente gelten, können sich Führungskräfte auf patriarchale Vorstellungen stützen.« Aktienmärkte sind berechnend und idiotisch gleichermaßen. Offen gestanden, ich weiß nicht, was man solchen Haien entgegensetzen kann. Doch vielleicht ist es nicht völlig verkehrt, uns über die eigene Rolle zu verständigen.

Warum Musikjournalismus?

Zunächst: Musik ist mehr als Lifestyle. Musik ist eine Form demokratischer Selbstverständigung. Sie begeistert und lädt ein, zusammen zu wirken. Texte regen an, darüber nachzudenken, wer wir sind und wie wir sein wollen. Musik zwingt ihre Hörer*innen, sich zur Gesellschaft zu verhalten. Sind wir Teil einer Szene oder des Mainstreams? Feiern wir gemeinsam auf Festivals? Brauchen wir Rückzugsräume, Subkulturen oder Gegenentwürfe?

Musikjournalismus hat die Aufgabe, diese Fragen explizit zu machen und zu begleiten. Beispielsweise Rezensionen. Seien wir uns ehrlich: Wer nach Musikempfehlungen sucht, ist mittlerweile mit Algorithmen besser beraten. Doch ein Review ist mehr als ein Urteil. Es buchstabiert aus, wie es zu diesem Urteil gekommen ist. Dies erlaubt Leser*innen, kritisch Bezug zu nehmen und die eigene Meinung in Worte zu fassen. Eine Meinung zu Musik artikulieren, heißt, sich dazu zu verhalten, nach welchen Kriterien man Musik beurteilt. Es heißt, sich dazu zu verhalten, was man von Musik will und wie man sie in einer Gesellschaft verortet. »Pitchfork« war hier teilweise vorbildlich: So hat das Alternativ-Magazin in den letzten Jahren den heiligen Gral gegenwärtiger Popmusik, Taylor Swift, wiederholten Re-Reviews ausgesetzt. Aus einer privaten Vorliebe wird so eine Reibefläche von Subkultur, die sich gegenüber alternativen Künstler*innen wie Anohni, Angel Olsen oder Yves Tumor behaupten muss. Journalismus wie Condé Nast als Lifestyle-Beratung zu verbrämen, heißt, Musik auf ein Statusmerkmal zu reduzieren. Es heißt, aus demokratischer Selbstverständigung Elitenbildung zu machen. 

In »GQ – Gentleman’s Quarterly« haben anti-demokratische Kräfte jedenfalls willige Erfüllungsgehilfen gefunden. Im Dezember musste der Trump-Supporter Georges Santos den US-Kongress wegen Betrugsvorwürfen verlassen. »GQ« fiel dazu nichts Besseres ein, als eine Laudatio auf dessen Kleidungsstil zu veröffentlichen. Und das soll nun die Heimat eines alternativen Musikdiskurses sein? Ganz unbegründet ist das Kalkül von Condé Nast leider nicht. Musik ist ein Statusmerkmal, vor allem für Männer. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es nichts, was Festivals von Wellness-Hotels unterscheidet: Beides sind legitime Investitionen. Auch Journalismus muss sich an Markt und Sponsoren anbiedern, um für den Mainstream relevant zu bleiben. Wie damit umgehen?

Schreiben heißt Konflikte austragen

Einen Anstoß bietet Jean-Paul Sartre. In »Was ist Literatur?« argumentierte dieser, Schriftsteller*in sein hieße, sich mit einem »ursprünglichen Konflikt« auseinanderzusetzen. Denn Schreiben habe keinen klaren ökonomischen Nutzen. Bei Werbetexten lässt sich eine Gewinnmarge berechnen. Aber bei einer Reflexion über den Gehalt einer Kunstszene? »Ihr Kaufwert wird willkürlich festgesetzt.« Denn »nur die herrschenden Klassen können es sich leisten, eine so unproduktive Tätigkeit zu vergüten, und wenn sie es tun, ist es zugleich Taktik und Missverständnis.« Autor*innen zu finanzieren, ist reiner Luxus. Sartre schreibt deshalb Schriftsteller*innen ein ähnliches Kalkül zu wie Aktienhaien. Sie seien »ein Parasit der herrschenden ›Elite‹.«

Die Aufgabe von Autor*innen liegt nicht darin, zu Marktschreier*innen des unabhängigen Journalismus zu werden. Es sei mühselig, auf allgemeine demokratische Werte zu pochen. Man könne nur strategisch agieren. »Selbst die Freiheit ist nichts andres als die Bewegung, durch die man sich ständig losreißt und befreit. Es gibt keine gegebene Freiheit; man muß sich den Leidenschaften, der Rasse [ethnischen Zugehörigkeit], der Klasse, der Nation abgewinnen und mit sich die anderen Menschen gewinnen.« Journalismus ist nicht nur ein Wirtschaftszweig. Es ist der ständige Versuch, seine Grundlagen zu überschreiten. Darin bestehe sein demokratischer Charakter: »Die Kunst der Prosa ist mit dem einzigen System solidarisch, wo die Prosa ihren Sinn behält: der Demokratie. Wenn die eine bedroht wird, ist es auch die andere.«

Schreiben ist demokratisches Engagement

Hast auch du Lust bekommen, dich an diesem Diskurs zu beteiligen? Fehlen dir bestimmte Künstler*innen auf skug? Oder findest du, wir tun anderen Unrecht? Die Schreibwerkstatt »untergründlich divers« unterstützt dich dabei, deine Überlegungen zu artikulieren und zu veröffentlichen. Beim nächsten Termin am Mittwoch, dem 31. Jänner 2024 im t/abor wenden wir uns Rezensionen zu. Du erhältst Tipps, Tricks und Snacks. Freier Eintritt, kein Vorwissen notwendig!

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