Decoder Ensemble

»Decoder Ensemble«

Ahornfelder

Es geht nichts über eine so richtig knackige Einspielung zeitgenössischer Musik. Halt, schon falsch! Denn der Begriff an sich, »zeitgenössisch«, den darf man sich ja eigentlich nicht anders als in ver- gilbten Buchstaben und mit reichlich Staub an der Oberfläche vorstellen. Den muss man erst mal wegpusten. Decoder, das aus Hamburg stammende Ensemble für aktuelle Musik, macht das schon in der Selbstbeschreibung, da eben nicht von zeitgenössischer, sondern schlicht von aktueller Musik die Rede ist.
Und schon ist eine Generalhürde weg, schon sind die Musikgenres zum Jagdterrain erklärt und vor undezenter Konkretheit muss man sich auch nicht fürchten. Gleich die erste Komposition, »Nischen- musik mit Klopfgeistern« von Gordon Kampe, macht das exemplarisch vor: ein hysterisches Mini- dramolett, in dem es allen ironischen Ernstes um Poltergeister, Glossolalie und zickige Emanationen geht. Auf »Superimpose V – Sugar, Maths and Whips« von Alexander Schubert wird es noch besser, denn der junge deutsche Komponist veranstaltet eine Art Contemporary-Hardcore. Man stelle sich mehrere Notenblätter vor, ein komponiertes Stück Hardcore (irgendwo zwischen Postpunk und Metal), ein Stückchen Free Jazz, ein munterer Hauch Elektroakustik und ein paar Takte Spätromantik. Dann zerknülle man diese Notenblätter zu einem hübschen Papierknäuel, welches nun in genau dieser Form vom Ensemble zu vertonen ist. Das Resultat: ein herrlich entstaubter Kammerkonzert- Pogo. Auch »Flug P« von Burkhard Friedrich (mit Jahrgang 1962 der betagteste Komponist in diesem Reigen) ist die pure Hörfreude und klingt ein bisschen nach dem Motto »Bolero goes noise«, aller- dings mit diversen kompositorischen Spielereien. Friedrich mixt Tape und Live-Performance ebenso wie Kammerkonzert mit Loop & Jingle, ohne dabei auf nötige Atemlosigkeit zu vergessen. »Asesino sin razón« (Mord ohne Grund) von Jorge Sánchez-Chiong verliert angesichts der drei vorangegangen Leckerbissen einiges an Attraktivität, vor allem weil wir hier wieder mehr bei »zeitgenössischer«, aber eben nicht unbedingt »aktueller« Musik sind. Mit mehr Kontur und verspielteren Details präsentiert sich »Fred Ott’s Sneeze« von Leopold Hurt, aber auch hier sind wir näher am Erwartungsgemäßen – verglichen etwa mit dem Schlussstück »Like my Domination« von Andrej Koroliov. Hier springen Hysterie und Noise wieder herzhaft ins Konzertbesuchergesicht, das sich eigentlich mehr auf einen gediegenen Abend im Stadtpark beim Pavillonkonzert gefreut hätte. Daran schuld ist angeblich Michel Foucault, denn dessen Buch »Ûberwachen und Strafen« versteht Koroliov als Subtext für eine delirierende Noise- und Splatter-Attacke, die irgendetwas mit gesellschaftlicher Unterdrückung, Repression, gewetzten Messern und Sado-Maso-Phantasien zu tun haben soll. Inhaltlich geht das wohl eher am Kern der Foucaultschen Machtanalysen vorbei, aber es gibt ja auch so etwas wie das Recht der freien Interpretation. Der Hörgenuss von »Like my Domination« gewinnt jedenfalls nicht viel durch diesen Bezug, eher im Gegenteil.
Dennoch: Unterm Strich ist die Werkschau des Decoder Ensembles der seit langer Zeit erfreulichste Beweis dafür, wie aktuell und geil zeitgenössische Musik sein kann.