Krohn Jestram Lippok

»Dear Mister Singing Club«

Distillery

Kreativ sein können, wie Stefan Döring, wie Bert Papenfuß, wie Jochen Berg – Dichter der Ost-Berliner Szene vom Prenzlauer Berg in den 1970ern, den 1980ern, Künstlern jenseits der Sprache der Dichtung, eines inhalt- und sprachkritischen Substreams unter und neben der offiziellen DDR-Literatur, heute tot oder enttarnt oder Herausgeber minimalauflagiger Anarchiepoesieperiodika oder Kneipenbesitzer – jedes gelbe Blatt von der Kastanienallee die S1 runter bis zum Wannsee könnte man beschreiben, bemalen mit Bildern von Sprache … Alexander Krohn, damals Pankower Anarchoszene, Ronald Lippok und Bernd Jestram, einst Mitte-Punk-Künstler (und heute gemeinsam Tarwater, schwere, postrockig-melancholische Elektroniker), haben sich schon vor Jahren zusammengetan, um dem Klang jener Worte neue Klänge hinzuzufügen, um dem seitlich vorbeirauschenden, schräg aus der Zeit gefallenen Charme, dem Witz (dem man die verschütt gegangenen Referenzen anmerkt, nicht einmal zu seinem Nachteil) eine neue Matratze unterzulegen und eine Tasse heißen, schwarzen Kaffee daneben. Als »Dear Mister Singing Club« und unter schönem Cover (by Ronald Lippok) ist das Projekt nun auf Krohns Label Distillery veröffentlicht worden. Klingt ein bisschen wie eine herbstliche Kalenderbildversion von The Notwist auf ironisch, melancholisch und verspielt, erinnert sprachlich entfernt an die Flowerpornoes und lässt Erdmöbel noch gestriger wirken, als sie sich selbst sehen wollen, kurz: A rare gem, der jeden, der ihn aufliest, glücklich macht.