Crackle, Noise & und andere Abseitigkeiten

MICHEL WAISVISZ, Leiter des Amsterdamer STEIM-Instituts und Weggefährte von Laurie Anderson und Steve Lacy, legt sein erstes Album seit 1978 vor. Die sorgfältig editierten Live-Mitschnitte von »In Tune« (Sonig/Roughtrade) sind erstaunlich vielseitig, von Blasmusik bis Dub reichen die Einflüsse. Und darin liegt wohl auch das größte Problem des Albums: Bewusst beiläufige Sound-Fragmente vermögen streckenweise zwar zu beeindrucken, ein durchgehender roter Faden ist allerdings nicht erkennbar. Bisweilen wirken die Interludes so, als versuche sich ein Geknebelter Luft zu verschaffen. Mit einem Wort: Anstrengend. ARIEL PINK schmeichelt mehr mit »Worn Copy« (Paw Tracks/Cargo), 17 Songs in 70 Minuten. So klang wohl manches Outtake, das es nicht auf Shuggie Otis-Alben schaffte. Unfertig, aber nicht uninteressant. Als Referenzen nennt der Promo-Text The Cure, Stevie Moore und Amon Duul. Noch Fragen? Heroinspaziert! Nüchtern betrachtet drängen sich dann aber doch eher The Who mit zu viel Hall und ohne wirkliche Song-Idee auf. Oder aber eine indisponierte, von der Spülung der Container-Toilette übertönte Beatles-Coverband im Woodstock-Vorprogramm. Eine Platte wie ein obskures 60er-Relikt, das man auf dem Flohmarkt ersteht und das einen irgendwann – spät entdeckt – einfach nicht mehr loslässt. Ob freiwillig oder unfreiwillig komisch, lässt sich größtenteils nur erahnen und ist auch unerheblich, denn so viel Wahnsinn verdient unseren vollen Respekt. Wie auch »Free Pulse« Häpna/Mego/M.Dos). In der Musik sei Zeit wichtiger als Sound, behauptet das italienische Impro-Kollektiv SINISTRI (formerly known as Starfuckers), das sich hier der minimalistischen Dekonstruktion von Jazz-, Rock und Jazzrock-Themen unter besonderer Berücksichtigung gängiger Blues-Skalen verschrieben hat. Lässig hingeworfene Skizzen, die ohne viel Gelehrsamkeit auskommen und dem Musik-Faktor Zeit wenn auch nicht unbedingt neue – Zeit mal Zeit ist schließlich immer noch Mahlzeit – so doch durchwegs spannende Dimensionen abgewinnen. Eine rundum schöne Sache. Ein zähnefletschender deutscher Schäferhund auf dem Album-Cover von ENDUSERs »Run War« (Ad Noiseam/Target) verspricht: Jetzt soll er endlich kommen, der wirklich unbarmherzige Stuff. Und dann das: Mittelmäßiger Jungle-Rap gefolgt von einem zugegeben nicht unspannenden Björk-Remix und dem größten popkulturellen Missverständnis der letzten Jahre: Uptempo-Ragga als Feigenblatt für orientierungslose Groove-Bolzerei ohne jegliche Roots. Damit nicht genug: Auf »Dissing Monks« werden sogar gregorianische Choräle bemüht. Enigma lassen grüßen. Wer weiß, vielleicht macht Michael Cretu ja auch bald in Deutsch-Ragga. Gut, bei einer Nummer wie »Stronger« von Lamb kann man in einem für dieses Genre äußerst behutsamen Remix eigentlich nichts falsch machen. Spätestens mit »Blastin’Muthafuckaz« ist es dann aber endgültig vorbei mit der vorübergehend guten Laune, denn nicht nur der Titel erinnert an Goldies mit Jähzorn gerittene Drum’n’Bass-Attacken der Mittneunziger. Durchwachsen. Und jetzt also wirklich: Noise in Reinkultur. Und überall dort, wo derzeit Regler gedreht werden als gäbe es kein Morgen, hat der scheinbar unermüdliche Martin Siewert seine Hände im Spiel. Auf EVOLs »Magia Potagia« (Mego/M.Dos) beim Mastering. Drei etwa 20-minütige dem digitalen Experiment algorhytmischer Komposition verschriebene Tracks. Wer’s mag … DAVE MILLAR, der bereits durch eine EP, vor allem aber durch einen exzellenten Anna Kaufen-Remix auf sich aufmerksam machte, legt nun sein Debüt »Mitchells Raccolta« (Background/Neuton/Ixthuluh) vor. Minimalistische, dubbige Techno-Polyrhythmik trifft auf ambiente Lo-Fi-Ästhetik. Nicht nur für vom Tanzgott verlassene Clubs, sondern auch für die Sperrstunde im eigenen Schlafzimmer bestens geeignet. Jan Jelinek tanzt mit seinen Farben unter deiner Decke um die Wette. Selten ist man derart würdevoll abstrakt entschlummert. Vom Feinsten und überhaupt großartig!