Foto: © Philippe Gerlach

Charlemagne Palestine ~ Eskapaden und Exerzitien

Charlemagne Palestine ist als Multimediakünstler und Musiker mindestens so exzentrisch wie sein Name klingt. Dass er auch ein charmanter und charismatischer Geschichtenerzähler ist, durfte skug bei einem Gespräch anlässlich seines Eröffnungskonzerts des Berliner Club Transmediale Festivals miterleben.

Charlemagne Palestine kommt die Treppen des Hotels herunter, knallig-bunt gekleidet, eine Kojoten-Pelzmütze auf dem Kopf. »Sie kommen aus Wien! Ich und meine Frau besuchen diese Stadt sehr oft«, lächelt er. Palestine war das erste Mal in den 1970er Jahren dort, um mit Hermann Nitsch und Otto Mühl an Happenings und aktionistischen Konzerten teilzunehmen. Damals setzte er noch gerne seinen Körper ein. Er warf sich während seiner Musikperformances gegen Wände oder spielte so exzessiv am Klavier, dass seine Hände zu bluten begannen. So zumindest erzählt es die Legende. Zudem hatte der Klaviererzeuger Bösendorfer seinen Hauptsitz in Wien. Der Imperial-Flügel war das Instrument, das Palestine erleuchtet hat, wie er meint. Es verfügt über eine Oktave mehr Tasten und erzeugt besonders ausgeprägte, lange nachklingende Obertöne. Auf einem solchen entstand mit »Strumming Music« 1974 eines der bekanntesten Werke Palestines – ein Stück, das durch exzessive Repetition von zwei, manchmal auch mehreren Tönen einen endlosen Oberton-Drone erschafft. Egal ob auf dem Klavier, der Orgel, dem Carillon oder mit der Stimme: stets ist Palestine auf der Suche nach dem spektralen Kontinuum, dem »Golden Sound«.

Zwischen Minimalismus und spektralen Klängen
Charlemagne Palestine ist »einer von früher «, wie er sagt. Er wird heute zu den amerikanischen Minimalisten gezählt, einem Begriff, mit dem er sich nie wirklich identifizieren konnte. »Meine Konfigurationen sind flüssig. Es geht um Sinnlichkeit, um Körperlichkeit. Minimalismus war ja eigentlich eine Strömung aus der konzeptuellen Kunst. Wir Musiker nannten die Richtung damals Trancemusik.«

In den 1960er Jahren war er Teil der New Yorker Künstlercommunity und machte Bekanntschaft mit Tony Conrad, Phill Niblock, Yoshi Wada oder Morton Subotnik. Als Sohn jüdischer Immigranten – seine Eltern waren kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von Belarus nach New York gezogen – hatte er seit seinem achten Lebensjahr im Chor der Synagoge gesungen. Er schulte seine Stimme an den oft stundenlangen Rezitativen. Die Klangfarbe und das hypnotisierende Timbre seiner Stimme begeisterten schon damals, so auch Pandit Pran Nath, bei dem Palestine kurz Unterricht nahm. »Der Grund, warum er es liebte, mich singen zu hören, war dieser »jüdische« Klang meiner Stimme, der aus der Tradition sakraler jüdischer Musik kam. Wenn du in einer Synagoge singst, hast du durch deine Stimme auch zu Gott gesprochen. Es war ein heiliger Gesang.«

Charleworld: Vom Body-Art-Künstler zum Schamanen
Palestine, der sich nie als aktiv praktizierender Jude verstand, erfindet schließlich seine eigene Religion. Er wird zum Schamanen. »Ich denke, den wichtigsten Einfluss auf mich hatte Moses Asch. Asch zog als Audio-Ethnomusikologe um die Welt und machte an den entlegensten Orten Tonaufnahmen der Riten, Gesänge und Tänze von Völkern, die mittlerweile zum Teil schon verschwunden sind. Aus diesen Aufnahmen entstand die Sammlung Folkways (heute: Smithsonian Folkways). Ich habe diese Zeugnisse das erste Mal in der Bibliothek von New York gehört. Das war ein absolut einschneidendes Erlebnis. Man konnte auf einmal einen Schamanen aus Tibet hören. Unvorstellbar!«

Inspiriert von der Mystik archaischer Riten, taucht Palestine tiefer in die Welt der Mythologie ein. Er erfindet seine eigenen Rituale und verknüpft sie mit seinen Performances. Er umgibt sich dafür mit einer ganzen Kosmografie, die sich zwischen Profanem und Sakralem, zwischen Kitsch und Transzendenz einnistet. Die Gottheiten oder Totems seiner Welt sind Teddybären und andere Kuscheltiere. »Jede mystische Kultur hat ihre magische Welt. Darin gibt es Gottheiten und göttliche Wesen. Das können Monster, Tiere, Geister und sonstige Kreaturen sein, von denen wir nur träumen können. In frühen Kulturen waren diese integriert in die sichtbare und unsichtbare Welt, denn die meisten archaischen Kulturen waren animistisch. Und ich war es als Kind auch, wie alle Kinder Animisten sind. Dann aber, an einem gewissen Punkt in deinem Leben, verbietet dir die westliche Gesellschaft, das weiter auszuleben. Als ich jung war, habe ich diesen Ûbergang sehr bewusst miterlebt.« Charlemagne Palestine spricht von der Zeit, in der Kinder ihrer Stofftiere entwöhnt werden. Für ihn sind Teddys nie bloß Projektionsflächen für Emotionen gewesen. Vielmehr speichern sie diese und werden von ihnen beseelt. »Ich habe schließlich diese Vorstellung der animistischen Kulturen übernommen und in mein Leben integriert. Irgendwann stieß ich auf den verrückten Zufall, dass ich nur einen Kilometer entfernt von dem Ort geboren wurde, an dem der Teddybär erfunden wurde. Und das auch noch von einem jüdischen Ehepaar aus Belarus – sie hätten meine Verwandten sein können! Ich fühlte mich also auf eine ernsthafte Art mit dem Teddybär verbunden. In meinem Kopf war er eine jüdisch-animistische Erfindung.« Palestine sammelt nun schon seit Jahrzehnten nicht nur Teddybären, sondern alle möglichen Plüschtiere. »Man bezeichnet mich als Onkel dieser magischen Tiere aus der Kindheit. Ich habe mittlerweile ein enormes Studio voller Plüschtiere – ein riesiges Waisenhaus.«

Transzendenz und Reproduktion
Die Idee von Unmittelbarkeit, geteiltem Erleben und direkter Erfahrung ist ein wichtiger Faktor von Palestines Performances, die in ihren besten Momenten rituell-gemeinschaftlichen Trance-Séancen gleichen. Umso mehr mag es verwundern, dass er in den letzten Jahren vermehrt zu digitalen Tools greift und manche Drones, die er seinen Vokalstücken unterlegt, per Mausklick abspielt. Es drängt sich die Frage auf, ob sich das ekstatische oder transzendentale Moment seiner Performances auch über reproduzierende Tonträger vermitteln lässt. Palestine überlegt: »Nun, es stimmt, ich habe früher gedacht, dass man wirklich anwesend sein muss. Aber jetzt lerne ich eine neue Generation kennen. Junge Menschen auf der ganzen Welt kommen auf mich zu und erzählen mir, sie hätten meine Aufnahmen gehört, und ich kann in ihrem Gesicht lesen, dass sie verstanden haben, worum es mir geht, und dass dieser Moment übertragbar sein kann. Heutzutage gibt es ein ganz anderes Bewusstsein von Musik als damals.« Wie seine Freunde hatte auch Charlemagne Palestine als junger Musiker Kompositionen von John Cage, Karlheinz Stockhausen oder Luciano Berio gehört. Im Gegensatz zu Philipp Glass oder Steve Reich, die sich vor allem als Komponisten verstanden, hatte er jedoch nie großes Interesse, seine Stücke zu transkribieren. »Ich fand Notationen unverständlich. Wenn man ein Stück wie »Strumming« notieren will, gibt es nur folgende Möglichkeiten: entweder man notiert die Handvoll Noten, die vorkommen, und fügt an, dass man diese für eine Stunde in einer bestimmten Abfolge spielen soll, oder man schreibt wirklich 17.800 Noten aufs Papier. Dann hatte ich zudem die Idee, dass man die Noten vielleicht ganz unten aufs Papier setzen könnte und oben eine Notenwolke hinzeichnet, weil es ja tatsächlich eine Klangwolke ist, die man hört. Ich habe auch probiert, meine Sounds durch ein Oszilloskop zu spielen, die Resultate zu fotografieren und dann abzuzeichnen. Oh, ich habe wirklich viel versucht, um eine passende Methode zu finden. Aber Noten haben nichts mit Erfahrung zu tun. Sie waren mir immer im Weg. Denn wenn man auf der Bühne steht, ist es kompliziert, sich auf die Noten zu konzentrieren und im gleichen Moment Aufmerksamkeit für das aufzubringen, was zwischenmenschlich, zwischen dem Publikum und dem Aufführenden, passiert. Es ist wie im Schauspiel – man muss seine Zeilen auswendig können. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich auch Schauspieler bin. Ich bin nicht diese Art von Musiker, der es notwendig hat, Musik vom Papier zu lesen. Nichtsdestotrotz ist es interessant, dass unglaublich viele Musiker zu der Zeit – und ich kenne sie gut – diese ungeheuer langen Notationen anwandten. Aber das hatte nie die gleiche Art von Poesie«, meint Palestine bestimmt. »Die Leute damals fanden, dass meine Performances zu den eindrucksvollsten der Avantgarde gehörten, weil sie so elektrisiert, so körperlich waren. Ein Mitgrund war sicher, dass es keine Noten gab, die zwischen mir und der Musik standen. Außerdem liebe ich es, mit dem Unerwarteten zu spielen. Das Publikum und ich haben einen einmaligen Moment geteilt.«

»The Cat Came back / He Just Couldn’t Stay Away«*
Charlemagne Palestine zog sich schon früh von der institutionalisierten Kunstwelt zurück, die sein Schaffen lange als Outsider- Kunst abgetan hatte, während Künstler wie Jeff Koons oder Mike Kelley, die zum Teil auf ein ähnliches Vokabular zurückgriffen, bald als Stars gefeiert wurden. »Bereits als junger Künstler war ich bei einer Galerie unter Vertrag, aber sie haben mich schon nach kurzer Zeit hinausgeworfen. Sie mussten sich zwischen mir und Jeff Koons entscheiden. Koons hatte danach eine Million Dollar und ich eine Million Probleme. Man muss nicht Einstein sein, um zu wissen, für wen man sich da entscheidet «, meint Palestine, der mittlerweile darüber lacht. Aber eine gewisse Enttäuschung ist seiner Stimme anzuhören.

Er hatte lange überlegt, ob er tatsächlich wieder zurück in die Öffentlichkeit will. »Aber die Menschen! Sie sind gekommen und haben mich rumgekriegt«, meint Palestine. »Ich wollte nicht zurück. Ich war so gemein zu ihnen, habe sie beschimpft und geschrien, sie sollen mich in Ruhe lassen. Ich habe gebrüllt – jetzt kommt ihr und wollt mich sehen? F*ck you! Ich habe alles versucht, aber sie haben nicht locker gelassen und es am Ende geschafft. Jetzt sagen alle, »Oh, der ist toll dieser Typ! Er war von Anfang an dabei«.« In den letzten Jahren sind unzählige Releases auf Labels wie Alga Marghen oder Subrosa erschienen. Viele davon sind Kollaborationen mit Musikern wie Michael Gira, Tony Conrad oder Z’ev. Auch einige Reissues und Bootlegs sind darunter.

Als die abschließende Frage nach Plänen und anstehenden Projekten kommt, seufzt Charlemagne Palestine auf. »Da gibt es so vieles! Gerade läuft eine Ausstellung von mir in der Sonnabend Galerie in New York. Diese »shmankyshpanky« Galerie zeigt eine Retrospektive meiner Body-Art-Videos und -Filme. Außerdem habe ich eine riesige Soundinstallation für die diesjährige Whitney Biennale angefertigt. Dann ist auch vor kurzem ein Film über mich erschienen. Die Leute von Subrosa haben mich dafür zwei Jahre lang an verschiedene Orte begleitet und mich immer genau zwischen 17.30 und 19.30 Uhr zu meinem Leben befragt. In dieser Zeit trinke ich für gewöhnlich Whisky. Der Film heißt also »Whisky Time«. Und es wird ein Buch zu meinen Performances und Videos erscheinen namens »Running n‘ Chanting n‘ Falling n‘ Ranting«.«

* Charlemagne Palestine in: »Halana Magazine«, Vol. 1, 1997, S. 51.


Aktuelle Releases
Charlemagne Palestine/Z’ev: »Rubhitbangklanghear Rubhitbangklangear«
(Sub Rosa)
Charlemagne Palestine: »Two Electric Sonorities« (Alga Marghen)
»Running n‘ Chanting n‘ Falling n‘ Ranting« (CD+Buch, Filipson Editions)
»Whisky Time: A Portrait Of Charlemagne Palestine« (Guy-Marc Hinant/Dominique Lohlé, 2013)