Brutalismus 3000

»Eros Massacre«

Brutalismus Rec.

»Nu Gabber Post Techno Punk«, so die Bezeichnung des Genres, das Brutalismus 3000 verkörpern. Ohne Frage, es ist harte, schnelle Musik, die sie produzieren. Musik, die die Essenz jener Einflüsse einfängt, die die Großstadt und ihre Subkultur ausstrahlen. Das Berliner DJ-Duo erobert die Rave-Szene seit 2020 im Sturm. Ihr Debüt bei HÖR Berlin erschien während des Lockdowns und hat heute fast eine halbe Million Aufrufe. Ein spektakulärer Auftritt, der eine unbeschreibliche Sehnsucht nach engen Tanzflächen und grellem Strobo auslöst. Eine Stunde Spielzeit ist gefüllt mit eigens produzierten Titeln, die so vielversprechende Namen tragen wie »Satan was a Babyboomer«, »No Sex with Cops« oder »Ich hab meine Tage im Berghain«. Mit der Wiederbelebung der Clubs steht ihr Name unter anderem in Line-ups des französischen Harddance-Labels Possession, internationale Gigs stehen vor der Tür.

Am 29. April 2022 erschien nun ihre dritte EP »Eros Massacre«. Theo Zeitner steht am Mischpult, Victoria Vassiliki Dallas gibt dem Ganzen eine Stimme. Die Lyrics, entweder auf Deutsch oder Slowakisch, werden meist verzerrt und mit einer ungreifbaren Wut über die Tonspuren gekrächzt. Auf vorherigen EPs waren die Themen noch etwas politischer und schossen auf zynische Weise gegen das Establishment, während der Fokus bei »Eros Massacre« mehr auf einer inneren Zerrissenheit und Parodien über Großstadtbobos zu liegen scheint. In Kombination mit hohen bpm und einer Mischung aus tiefen Bässen und schrillen Tönen ist das Hörerlebnis ehrlich nicht für Kaffee und Kuchen bei den Großeltern geeignet. Trotzdem sollte man es nicht wagen, die Stücke als reine Ruhestörung abzutun.

Gerade der erste Track »Atmosféra« entlockt in seiner Tanzbarkeit noch ein ganz wertvolles Gefühl. Die Melodien sind ausladend und von einer melancholischen Schönheit, ein Ausatmen und Loslassen, Euphorie und Ekstase – natürlich das, was man um vier Uhr nachts empfinden will, wenn man unter fremden, verschwitzten Gesichtern tanzt – doch auch außerhalb dieses Kontexts funktioniert und berührt das Stück. Eine gute Spur härter wird es mit »Blade«. Die ersten 40 Sekunden steigert sich Victoria in ein immer aggressiveres Schreien, bis sie von röhrigen Acid-Sounds eingeholt wird und der Track wieder etwas Bodenhaftung gewinnt. Diese geben fortlaufend den Takt an und wirken wie eine Hommage an 1990er-Techno-Hits, angepasst an die eigene Punk-Attitüde.

Den Höhepunkt der EP bildet der dritte Titel, »Crash96«, Er ruft Bilder einer anarchistischen Jugend hervor, von verschlissenen Lederjacken und engen Kellerräumen, von übersteuerten Mikrophonen und Moshpits. In fünfeinhalb Minuten werden die Zuhörenden herausgefordert und überrascht, mitgerissen und förmlich in die Knie gezwungen. Wie so oft verbinden Brutalismus 3000 wirklich jede ihrer drei bis fünf Stilrichtungen in abgestimmter und innovativer Symbiose. »Bitchboss« und »Romantika« wirken darauffolgend schon harmlos. Humorvoll und akkurat verweist das Duo auf den Selbstzentrismus des Großstadtmilieus; auf die Abgestumpftheit derer, die sich ihr Ego durch die Nase ziehen. »Romantika« verführt zu einem Crystal-Castles-Vergleich, doch würde das bloß die Originalität von Brutalismus 3000 degradieren. Mit jedem veröffentlichten Tonträger und jedem Set, das sie zum Besten geben, beweisen sie ein außerordentliches Talent und Gespür für Timing, Komposition, Emotion und Zeitgeist; erzeugen Klänge, die bis in die innersten Tiefen vordringen und jede Zelle des Körpers besetzen. Sie sind die Avantgarde der Clubkultur.