Broadcast

»Maida Vale Sessions«

Warp

Die Zeit heilt manche Wunden. Der Tod einiger Menschen hinterlässt jedoch eine Lücke, über die man immer wieder stolpert. Die Realität erholt sich nie vollends davon. In der Musik sind das Namen, die, wenn sie mal wieder auftauchen, das Gefühl geben, die Welt wäre eine andere, sogar eine bessere, hätte es das Schicksal nicht so schlecht mit ihnen gemeint. Oder sie hätten mit ihrer Kunst schlicht etwas Trost gespendet. So wie Trish Keenan von Broadcast, die viel zu früh von der Bildfläche verschwand, was der melancholischen Musik im Nachhinein noch ein trauriges i-Tüpfelchen verpasst. Nun veröffentlicht Warp erfreulicherweise drei Platten der Band, von der eine ganz besonders ist. Neben der EP »Mother Is the Milky Way« von 2009 und den beiden Volumes von »Microtonics« von 2003 und 2005 – jetzt auf einer Scheibe gemeinsam versammelt –, einer moody Ansammlung moogiger Songs, bekommt die Welt erstmals die »Maida Vale Sessions« zu hören, eine Zusammenstellung aus Aufnahmen verschiedener Radio-Sessions, u. a. welcher mit John Peel. Und das überrascht und erfreut zugleich: Es ist vielleicht das Beste der Band-Diskographie überhaupt, voller Adaptionen, die die Schönheit der Songs von den Alben nochmal übertrumpfen. Jede Version ist die jeweils schönste. Keenans Stimme klingt wie stets nicht penetrant, aber zugleich eindringlich, wie eine Umarmung der besten Freundin. Ihre Texte sind kryptische Anklagen, wehmütig, mal scheint sie glatt zu weinen. Selbst dann, wenn die instrumentelle Begleitung vordergründig und experimentell ist, bleibt das Ergebnis leicht und betörend. Bei der Version von »Come On Let’s Go« springt in einer besseren Welt die Platte und hört nie mehr auf, beim Walzer »Look Outside« erkennt man, es fließen nur bei Barbaren keine Sehnsuchtstränen, und bei der besonders langsamen Version von »Long Was the Year« bleibt die Zeit glücklicherweise kurz stehen und Trish Keenan weilt wieder unter uns. Was für ein Segen.