fotos © Michael Goldgruber
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Brasentina im Wiener Ragnarhof, 22. 1. 2010

»Das Üsterreichische ist fremder als das Exotische«. Multibundesländerische Transkultur auf österreichisch. Üsterreich leicht angefremdet und nicht angefremdelt.

Pianist Thomas Castaneda läuft mit dicken blauwei&szlig gestreiften Küchenhandschuhen herum, um seine Finger aufzuwärmen. »Muss ja cool sein, aber mir ist kalt«, lacht er im Ragnarhof in Wien Ottakring. Holzboden, hohe Räume, dunkelroter Satinvorhang – an der Bar zapft Deutschprofessor Mathias im Anzug das kalte Bier. »Der Tango ist ein umtriebiges Wesen, er hat es bis nach Finnland geschafft und kürzlich erst nach Landeck. Aus diesem Anlass spielen wir euch den »Landecker Tango«, tönt es von der Bühne und Sängerin Maria Craffonara legt sich ins Zeug: »Warum denkst du nit?! Du kannst mich nicht einfach so behandeln. Hör auf damit!« Die urfesche, muskulöse Sängerin und Geigerin schreibt ihre Texte selber. »Ja, la&szlig‘ mich in Ruh‘! Ich bin net schwach. Kann auch ohne di den Tag und auch die Nacht genie&szligen.« Jede Nummer der Band Brasentina ist anders. Akkordeonist Nikola Zaric spielt, seitdem er sieben Jahre alt war, »serbische oder jugoslawische, kroatische und bosnische Volkslieder«. Ist ja nicht immer so einfach mit der nationalen Unterscheidung, die erst nach dem Krieg begann – vor allem wenn man in Wien geboren ist und von »den besten« zwei Serben Wiens Unterricht erhielt. Auch Zaric ist Anzugträger. Besitzer eines wunderschönen glänzenden Akkordeons mit Knöpfen auf beiden Seiten. »Ich spiele alles und wenn ich alles spielen kann, kann ich mich spezialisieren« spricht das 17-jährige Talent.

DWR_background_white_1.jpgEin Hauptproblem mit so genannter »World Music« ist es meiner Meinung nach, dass oft nichts Interessantes mehr über bleibt, wenn zu transkulturell gespielt wird und ein lauwarmer, manchmal sogar esoterischer Klangteppich entsteht. Dass aber auf der anderen Seite exotistische Einzelteile, Elemente, die die ZuhörerInnen erkennen und einordnen können in ihre jeweils musikalischen Mottenkisten, geliebt werden. Wenn die bedient werden, singen oder schunkeln die jeweiligen Landesangehörigen mit. Um stante pede im nächsten musikalischen Klischee zu landen. Brasentina geht nicht in diese Fallen. Obwohl alle drei MusikerInnen virtuose Musikakademie-Besucher mit musikalisch zuordenbarem Hintergrund sind, verweigern sie den exotistischen Zugang auf folkloristische Balkan-Musik, sexualistierten Macho-Tango oder ladinische ?bertreibungen. »Ist ladinisches Volk anwesend?«, fragt Maria kokett. »Das nächste Lied ist in meiner Muttersprache.« (Es gibt übrigens nur noch 30.000 LadinerInnen.) Thomas lehnt sich zurück, spielt ohne Hinzuschauen, wiegt sich auf seinem Hocker wie ein Rocker. »Ja, glaubst du denn, du kannst mich einfach so behandeln! Ich sag’s dir jetzt …, nit anders …«. Das Schwierige ist wohl das Üsterreichische. Hier in dieser Musik wird Üsterreichisches verfremdet und die ZuhörerInnen, die ansonsten der ländlichen Tradition österreichischer Musik entwachsen sind, wundern und freuen sich über eine Polka. Polka mit Geige? Geht schon. Wie unverkrampft in Zeiten des angeblichen »Culture Clash« voll »kulturellem Erbe«, »gewachsenen Traditionen« mit diesen ganzen fremden österreichischen Kulturen und unserer Polka-Parallelgesellschaft umgehen? Üsterreich leicht angefremdet, nicht angefremdelt. »Üsterreich ist für die Leute fremder als das Exotische«, sagt Maria später. »Die Nähe zum Balkan ist ja in Wien eher gegeben als zu Tirol.«

Es ertönt ein Laut, den man nicht einordnen kann, ist das ein Instrument, eine Stimme? Maria hält einen undefinierbaren Ton, der im Raum schwebt. Ähnlich der gro&szligen Aziza Mustafa Zadeh aus Baku, die Oberton singen kann, im Wiener Konzerthaus vor ein paar Jahren, füllt Maria Craffonara den Raum bis an den Plafond und die Wände und singt. Das soll ein Jodler sein, erklärt sie später. Für mich nicht zu erkennen, aber das »Gesangs«, »Gesinge«?, diese Singerei würde sicher von einem Berg zum anderen tragen. Der Text dazu ist wieder kämpferisch feministisch, na servas. »Des brauch i net, mog i nit, soll so nit sein.« Und später: »Ganz allein, weil ganz allein nicht einsam hei&szligt, sondern mit sich selber im Reinen.« Thomas steckt seine Nase in die Luft und spielt mit Hall, Nikola legt wilde Läufe auf seinen Knöpfen hin, gibt irrsinnig schnelle Balkanansätze vor. »L’Amor!« Es klingt schon wieder so, als ob sie was dagegen hätte! Lieder wanderten und wandern ja schlie&szliglich auch weit herum in der Gegend. Zirkusartige Anflüge wie in einem Fellini-Film. Weiter gewandert. »Amol geht’s noch!«-Rufe wie auf dem Fu&szligballfeld. Diese Band ist mit sich selbst im Reinen. Steht noch am Anfang, aber das Ganze ist ausbaufähig. Nino Rota sollten die spielen, zumindest eine Nummer. Und auf der Bühne eines Theaters auftreten.

 

anm:
Das Trio Brasentina hat sich im September 2011 in  Donauwellenreiter umbenannt.

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Text
Kerstin Kellermann

Veröffentlichung
31.01.2010

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