»The bus came by and I got on, that’s when it all began«, tönt es in »That’s It for the Other One« von Grateful Dead. Bob Weir war nicht nur Rhythmusgitarrist der Rockband aus San Francisco, sondern veröffentlichte auch etliche Alben mit Nebenprojekten, zum Beispiel Bobby and the Midnites oder Kingfish. Seit dem Tod von Lead-Gitarrist Jerry Garcia 1995 war er darüber hinaus zentral für die Nachlassverwaltung der Band sowie für den Fortbestand der Szene, die sich rund um die kalifornische Gruppe gebildet hatte – unter anderem mit Nachfolgeprojekten wie Further, The Other Ones, The Dead und zuletzt Dead & Company. Inklusive Weir verstarben nun in etwas mehr als einem Jahr drei zentrale Figuren in der Geschichte von Grateful Dead. Am 2. November 2025 erlag Donna Jean Godchaux, die von 1972 bis 1979, einer zentralen Ära der Band, Sängerin war, einem Krebsleiden und am 25. Oktober 2024 verstarb Gründungsmitglied und Bassist Phil Lesh. In Würdigung dieser Musiker*innen ist der vorliegende Text ein Versuch, einen Nachruf auf Bob Weir mit einer sehr persönlichen Annäherung an das Phänomen Grateful Dead zu verbinden.
Von der lokalen Folk-Band zur Hausband der Acid Tests
1947 geboren war Bob Weir das jüngste Gründungsmitglied von Grateful Dead. Als 16-Jähriger lernte er 1963 den damals 21-jährigen Jerry Garcia kennen und sie gründeten Mother McCree’s Uptown Jug Champions. Unter diesem Namen noch tief in der Coffee-House-Folk-Kultur der Zeit verwurzelt, verwandelte sich die Gruppe nicht zuletzt unter dem Einfluss der Beatles in eine elektrische Band, zunächst unter dem Namen The Warlocks. Die Zusammensetzung der Gruppe ergab eine wilde Mischung an Einflüssen, die im lysergischen Schmelztiegel der Gruppenimprovisation zu einem komplett neuen, unverwechselbaren und ur-amerikanischen Musikgenre wurden. Nebem dem Bluegrass-besessenen Garcia und dem Folkie Weir waren da noch Phil Lesh, der Trompete und Komposition studierte, in der neuen Band kurzerhand den Bass übernahm und Elemente von Free Jazz und Avantgardemusik in den Sound einbrachte, der Blues-Sänger und Organist Ron »Pigpen« McKernan und der R’n’B-Drummer Bill Kreutzmann.
Noch unter dem Namen The Warlocks wurde die Gruppe zur Hausband bei den von Schriftsteller Ken Kesey und seinen Merry Pranksters organisierten Acid Tests, einer Reihe von Events, die maßgeblich zur Verbreitung der damals noch relativ unbekannten Substanz LSD in der kalifornischen Kunst-Community beitrugen, gleichzeitig bahnbrechende Neuerungen in verschiedenen Kunstformen inspirierten und gewissermaßen als einer von mehreren Startschüssen für die gesamte Counter-Culture der 1960er- und die Hippie-Ära verstanden werden können. Eine Namensgleichheit mit einem Vorgängerprojekt von The Velvet Underground führte schließlich zur Umbenennung in Grateful Dead und zum Start einer Musikkarriere, für die es kein vergleichbares Beispiel gibt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurden Grateful Dead zu einem unermüdlichen Tour-Mechanismus, dem eine loyale Heerschar von Fans, die Deadheads, folgten.
Die bewusste Hingabe an die kollektive Improvisation, das vergängliche Element der Kreation im Augenblick, führte dazu, dass jedes Konzert anders war und gehört werden musste – sei es live oder auf den Tonaufzeichnungen, die von nahezu jedem Auftritt gemacht wurden. So entstand eine eigene Sub-Szene an Deadheads, die Taper*innen. Wurden diese Aufzeichnungen der Auftritte anfangs noch illegal angefertigt und verbreitet, entschied sich die Gruppe in einem so genialen wie für die restliche Musikindustrie unverständlichem Zug, dies zu erlauben, und schuf eine eigene »Taper Section« hinter dem FOH-Soundboard. Diese Aufnahmen wurden zum besten Marketing-Material der Band, die zum Großteil auf die üblichen Mechanismen der Musikindustrie wie Singles und Musikvideos verzichtete. Gleichzeitig werden offizielle Soundboard-Mitschnitte nach wie vor regelmäßig veröffentlicht und sind oft binnen kurzer Zeit ausverkauft, so zum Beispiel in der viermal jährlich erscheinenden Reihe »Dave’s Picks« oder auch in edlen, limitierten Box-Sets, die zum Beispiel die Aufnahmen kompletter Touren versammeln oder auch Snapshots verschiedener Ären der Bandgeschichte bieten.
Die immer größer werdende Zahl an Deadheads, die der Band nachreisten, führten zum Bedarf nach größeren Venues und Soundsystemen. Mit Owsley Stanley III, der zuvor als einer der größten und legendärsten LSD-Produzenten der Bay-Area in Erscheinung getreten war, als visionärem Tontechniker entwarf die Gruppe eine PA, die neue Maßstäbe in der Live-Technik setzen sollte. Owsley wandte die gleichen Prinzipien der größtmöglichen Reinheit, die ihm seinen guten Ruf bei Acid-Heads beschert hatte, nun auch auf Tontechnik an und wollte eine möglichst verzerrungsfreie und natürliche Klangwiedergabe schaffen. So ging 1973 die »Wall of Sound« in Betrieb, eine aus mehreren hundert Einzellautsprechern bestehende Anlage, die allerdings auch ihre logistischen Probleme mit sich brachte und die Gruppe fast in den finanziellen Ruin trieb, weshalb sie bereits 1974 wieder eingemottet wurde.
Musikalische Wagnis und Freiheit als höchster Grundsatz
Ein wichtiger Faktor, weshalb die Musik dieser Band so eine unvergleichliche Zugkraft entfaltet, ist meiner Meinung nach, dass sie durch ihre Verwurzelung in der kollektiven Improvisation ganz unmittelbar ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Die musikalischen Exkursionen der Dead blieben fast nie auf der sicheren Seite, es bestand immer die Möglichkeit, dass der musikalische Zug entgleist, was auch oft genug geschah. Die musikalischen Sackgassen, Fehler und vergessenen Textzeilen gehören für mich aber auch absolut zwingendermaßen zur Gestalt der Grateful Dead. Das Musikmachen ohne Sicherheitsnetz bietet die Möglichkeit für echte, transzendente Erfahrungen, jedoch nur, wenn auch die Möglichkeit des Scheiterns besteht. Oft koexistieren beide Erfahrungen im gleichen Konzert oder sogar im gleichen Song. Gleichzeitig liefern die Songs aber auch so etwas wie eine sichere Basis, zu der man zwischen dem freien Erkunden des Tonmaterials zurückkehren kann. So entstand bei den Konzerten der Grateful Dead eine narrative Dynamik, die in ihrer Veränderlichkeit und Formbarkeit psychedelischen Zuständen nicht unähnlich ist, was wiederum dazu führte, dass Konzerte der Gruppe von vielen Fans gerne als perfektes Setting für derartige Erfahrungen genutzt wurden.
Weir verkörperte diese Herangehensweise auf eindrucksvolle Weise. Bis zuletzt vermittelte er in seinen Auftritten das Gefühl von musikalischer Risikobereitschaft oder, wie er gerne scherzte, »tragedies narrowly averted«. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte er eine völlig originelle Herangehensweise an die Rolle der Rhythmusgitarre im Bandgefüge. Eigenen Aussagen zufolge orientierte er sich mehr an der linken Hand von Jazz-Pianist McCoy Tyner als an anderen Gitarristen. Mit wechselnden Akkord-Shapes, die den ganzen Gitarrenhals nutzten, setzte er rhythmische Akzente und ahmte so die aus dem Jazz bekannte Begleittechnik des »Comping« nach. Zusammen mit Phil Leshs ungewöhnlicher, selten die Eins betonender Herangehensweise an das Bassspiel, Jerry Garcias Leads, die Inspiration sowohl aus modalem Jazz, vor allem dem Spiel des Saxofonisten John Coltrane, als auch aus der akkordbasierten Tradition des Bluegrass-Banjo-Spiels schöpften, und dem tänzerischen, leichtfüßig-groovigen Schlagzeugspiel von Kreutzmann ergab dies einen Grundsound, der dem keiner anderen Rockband glich.
Über die Jahre und Jahrzehnte veränderte sich dieser stetig, unter anderem durch den Einfluss der vielen wechselnden Keyboarder, begonnen vom Blueser Pigpen, der 1973 an den Folgen seiner Alkoholkrankheit verstarb, über den Avant-Garde-Pianisten Tom Constanten zu Keith Godchaux, der die Ära der 1970er-Jahre mit seinem lyrischen Klavierspiel prägte, Brent Mydland, der in den 1980er-Jahren eine kräftige Rockstimme sowie Hammond-Orgel und Synthesizer-Sounds einbrachte, den oft unterschätzen Vince Welnick, der eine Vielzahl an MIDI-Sounds beisteuerte und die letzten Jahre der Band vor Garcias Tod begleitete, den zweiten Drummer Mickey Hart, der einen musikalischen Background in der Marschmusik hatte und später viele ethnomusikalische und experimentelle Elemente in den Dead-Kosmos brachte, sowie die Sängerin Donna Jean Godchaux, die in den 1970er-Jahren die stimmliche Bandbreite der Gruppe erweiterte und einige eigene Songs beitrug.
Bob Weirs Beiträge zum Song-Repertoire von Grateful Dead
Weir zeichnete auch für viele denkwürdige Songs aus dem Repertoire der Grateful Dead verantwortlich. Wie Garcia kollaborierte er in den frühen Jahren mit dem Lyriker Robert Hunter. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden unter anderem die Klassiker »The Greatest Story Ever Told«, »One More Saturday Night« und »Sugar Magnolia«. Zusammen mit Mickey Hart zeichneten die beiden auch für »Playing in the Band« verantwortlich, das zu einem der Signature-Songs der Band und einer Startrampe für ausufernde Jams wurde. Die auf dem »Pacific Northwest ’73–’74 The Complete Recordings« Box-Set enthaltene Version vom 21. Mai 1974 im HEC Edmundson Pavillion in Seattle gehört für mich persönlich zu einem der besten Beispiele für die improvisatorische Größe der Band und beinhaltet einige der intensivsten düster-psychedelischen Musikpassagen, die mir bekannt sind. Mit einer Länge von mehr als 45 Minuten führt der Jam durch mehrere eigenstände Teile, die von harmonisch bis dissonant und von zurückhaltend, zart und leise bis zu chaotisch, laut und brutal reichen.
Ein weiterer früher Höhepunkt von Weirs Songwriting ist das von ihm und Kreutzmann verfasste »The Other One«, einer der wenigen Songs mit Lyrics von Weir selbst. Genauer gesagt handelt es sich dabei um »The Faster We Go, The Rounder We Get«, den dritten Teil der Song-Suite »That’s It For The Other One« vom zweiten Album der Band »Anthem of the Sun« von 1968. In Live-Auftritten verzichtete die Band bald auf die anderen Teile und die Sektion von Weir und Kreutzmann blieb als »The Other One« in den Set-Lists übrig. Textlich behandelt der Song unter anderem die Verbindung der Gruppe zur Beat Generation in Form von Neal Cassady. Cassady hatte Jack Kerouac als Vorbild für Dean Moriarty in seinem Roman »On the Road« gedient, später war er ein Teil der Merry Pranksters rund um Ken Kesey und kam so auch in das Umfeld der Grateful Dead, fungierte unter anderem als ihr Fahrer bei frühen Auftritten in der Bay-Area und war eine Zeit lang WG-Kollege von Bob Weir.
1971 begann Weir, anstatt mit Robert Hunter mit seinem Freund John Perry Barlow zu schreiben. Barlow war Poet und Rinderzüchter und wurde später als libertärer Aktivist für Netzfreiheit und Gründer der Electronic Frontier Foundation bekannt. Gemeinsam verfassten sie viele der Songs, die 1972 auf Weirs erstem Soloalbum »Ace« veröffentlicht wurden und in das Live-Repertoire von Grateful Dead eingingen, darunter »Mexicali Blues«, »Black Throated Wind« und »Cassidy« . Viele dieser Songs spielten mit einer Cowboy-Ästhetik, die neben Jerrys Bluegrass- und Folk-Einflüssen gut in die vor allem auf den beiden Beststeller-Alben »Workingman’s Dead« und »American Beauty« eingeschlagene Richtung passte. Die psychedelischen Experimente der Vorgängeralben traten hier etwas in den Hintergrund, live blieben die langen, explorativen Jams aber erhalten. Diese Kombination trug maßgeblich zu der damals explodierenden Popularität der Band bei. Generell veränderte sich der Sound der Gruppe nie radikal, wurde aber laufend durch neue Einflüsse erweitert. Alben wie »Wake of the Flood« und »Blues for Allah« weisen deutliche Elemente von Jazz-Rock auf, »Terrapin Station« spielt, vor allem bei dem Titeltrack, mit Prog-Elementen und Orchestrierung, auf »Shakedown Street« machte sich sogar der Einfluss von Disco bemerkbar.
Neben seinen eigenen Songs übernahm Bob Weir live auch viele Cover-Versionen von Country-, Rock’n’Roll- und Blues-Klassikern wie etwa »El Paso«, »Me and My Uncle«, »Little Red Rooster«, »Around and Around« oder »Not Fade Away«. In seinen eigenen Kompositionen machten sich viele unterschiedliche musikalische Interessen, ein Hang zu ungewöhnlichen Taktarten und ein im Laufe der Jahre immer größerer gitarristischer Anspruch bemerkbar. Einige Highlights in seinem Schaffen sind meiner Meinung nach »Weather Report Suite« von »Wake of the Flood«, das instrumentale Stück »Sage and Spirit« von »Blues for Allah«, »Estimated Prophet« von »Terrapin Station«, ein Reggae-esker Song im 7/4-Takt, der sich mit fanatischem Fantum beschäftigt, das meist im Duo in Setlists vorkommende Gespann »Lost Sailor« und »Saint of Circumstance«, ursprünglich vom Album »Go To Heaven«, oder auch das nie auf einem Album veröffentliche »My Brother Esau«, das sich unter anderem mit dem Vietnamkrieg auseinandersetzte. Wenn auch kein persönlicher Favorit von mir, so verkörpert »Hell In a Bucket« vom 1987er-Hitalbum »In the Dark« perfekt den hedonistischen Zeitgeist der Reagan-Ära. Zu dem Song gibt es auch eines der wenigen Musikvideos der Band, das auf jeden Fall ein amüsantes Dokument zur Reaktion der Band auf die MTV-Ära ist.
Bob Weir als Nachlassverwalter und Bandleader
Nachdem Jerry Garcia 1995 an Herzversagen starb, war unklar, ob und wie es mit der Band weitergehen würde. Es gab teilweise Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedern, wie man mit dem musikalischen Nachlass umgehen solle, immer wieder aber auch Projekte, die mehrere oder alle der noch lebenden Mitglieder versammelten. Persönlich hatte ich das große Glück, 2009 The Dead mit Weir, Lesh, Hart, Kreutzmann sowie Jeff Chimenti am Klavier und Warren Haynes an der Gitarre auf dem Rothbury-Festival in Michigan sehen zu dürfen. 2015 gaben Weir, Lesh, Hart und Kreutzmann unter dem Banner »Fare Thee Well« ihre letzten gemeinsamen Konzerte mit dem Phish-Gitarristen Trey Anastasio an der Gitarre. Danach verließ Lesh die Gruppe, spielte aber in anderen Projekten weiter, Weir und die Schlagzeuger führten die Band unter dem Namen Dead & Company mit Chimenti am Klavier, Oteil Burbridge am Bass und John Mayer an der Gitarre fort. 2023 verließ Kreutzmann die Gruppe vor einer als die letzte angekündigten Tour. Seither gab es allerdings einige weitere Auftritte, ob das Projekt nach Weirs Tod mit Mickey Hart als einzigem Mitglied, das jemals bei Grateful Dead gespielt hat, weiterexistieren wird, ist derzeit noch unklar.
Klar ist hingegen, dass es einen eindeutigen Bedarf nach dieser Musik gibt. Neben Projekten mit Originalmitgliedern existiert auch eine Unzahl an Coverbands, die sich der Musik der Dead annehmen. Zu den bedeutendsten zählen Joe Russo’s Almost Dead rund um den Jazz-Drummer Joe Russo und Dark Star Orchestra, die komplette Auftritte Song für Song nachspielen. Viele dieser Projekte verstehen die Musik der Grateful Dead weniger als typische Rockmusik, sondern mehr wie Jazz-Standards oder klassische Musik, die es zu erhalten und neu interpretieren gilt, auch wenn ihre Erschaffer*innen größtenteils nicht mehr unter uns weilen. Darüber hinaus blieb Bob Weir aber auch immer daran interessiert, neue Ausdrucksformen für bestehendes Repertoire zu finden und neue Musik zu kreieren. 2016 erschien sein letztes Soloalbum »Blue Mountain«, noch im Juni letzten Jahres spielte er mit seinem Projekt Bob Weir & Wolf Bros gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra in der Royal Albert Hall in London und Paul McCartney schrieb in seinem berührenden Nachruf davon, wie Weir ihm in der Pause der Dead & Company Auftritte in der Sphere in Las Vegas sein Homerecording-Setup vorführte und die beiden eine Kollaboration planten, die leider nicht mehr zustande kam.
In diesem Sinne: Danke, Bob, für ein Leben im Dienst von Musik, Freiheit und Abenteuer und vor allem für die Inspirationm beim Musikmachen immer das Wagnis – und damit die Möglichkeit auf transzendente Erfahrungen – dem sicheren, bewährten Weg vorzuziehen!











