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Boards of Canada

»Inferno«

Warp

Immer wieder wurden internetweit seltsame Informationen als Hinweise auf eine neue Veröffentlichung der sehr langsam arbeitenden zwei Herren von Boards of Canada gedeutet. Nach 13 Jahren Hoffen und einer wirklich schönen Werbekampagne kommt die Erlösung. Wochen an Schnipseln, versendeten VHS-Kassetten und ein paar Tracks, die in einer Reihe von Pre-Listening-Sessions auf der ganzen Welt mündeten, wirkten nicht bloß wie eine kalkulierte PR-Geschichte, sondern ließen tatsächlich eine gewisse gemeinsame Vorfreude entstehen – innerhalb der sehr nerdigen, eher auf Facebook als auf TikTok beheimateten Anhängerschaft und vermutlich auch darüber hinaus. Der Titel des neuen Albums, »Inferno«, möchte man meinen, verweist auf das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Depression und Zynismus allerdings kommen nicht auf. Das Gefühl, man würde aus sicherer Entfernung wie Schaulustige einer Katastrophe zusehen, stellt sich beim Hören der über 60 Minuten langen Platte jedoch nicht ein. Dieses »Inferno« ist lebendig, melodisch und dynamisch. Es scheint, als schwebe man als Beobachtende*r im Weltraum und blicke von weit weg bedächtig auf das ganze Treiben hinunter. Im Gegensatz zu »Music Has the Right to Children« (1998) oder »Geogaddi« (2002) entstehen hier nicht die für Boards of Canada typischen hauntologischen Gefühle, diese im Jetzt herumgeisternden Versprechen aus der Vergangenheit, es stellen sich vielmehr basale, überzeitliche Fragen nach dem Menschsein generell. Ein objektives, leises Staunen, das sich ab und an in Euphorie verwandelt. »Naraka« ist im Grunde ein vertonter Hare-Krishna-Chant, der schönerweise nicht wie Ethnokitsch klingt, sondern in der Darstellung genuin menschlicher Sinnsuche, die von außen vielleicht hilflos und lächerlich wirkt, die Verletzlichkeit und zugleich Wärme des menschlichen Wesens abbildet. »Memory Death« enthält das seltsam ungleichmäßige Piepen einer Art Herzschlag (der Mensch, die Welt als Metapher?), das darauffolgende »The Word Becomes Flesh« entfaltet textlich über einem wunderschön komponierten Beat die Entwicklung eines Embryos. Bei »Blood in the Labyrinth« kann man sich auch ohne Text vorstellen, worum es geht: Das Leben beginnt. Der Mensch, Quelle alles Schlechten, birgt auch die Möglichkeit des Guten. Und das scheint trotz allem immer wieder durch. Es gibt keinen Grund zur Freude, aber auch keinen, alles aufzugeben. Ein grundlegender Optimismus im Angesicht der Schöpfung, der schieren Existenz von allem ist jedoch geboten. »Inferno« ist nicht wie seine Vorgänger ein Album zum Sich-einsam-Zurückzuziehen, sondern gibt klanglich viel mehr Raum und entfaltet die Dramatik eines Filmsoundtracks. Die vorher genannten Pre-Listening-Partys, bei denen Eingeweihte an ausgewählten Plätzen zusammenkamen und still und staunend den Klängen lauschten, waren wie agnostische Messen und dieses neue Album die heilige Musik dazu. Anspiel-Tipp: »You Retreat in Time and Space«. 

Home / Rezensionen

Text
Lutz Vössing

Veröffentlichung
18.06.2026

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