Reasons for Moving © Lutz Vössing

Beschäftigungstherapie mit Saugglocke und Grillrost

Am Donnerstag, dem 16. November gastierte das fünfköpfige Free-Jazz-/Impro-Projekt Reasons for Moving im Wiener Porgy & Bess. Über einen mittelmäßigen Auftritt und einige Höhepunkte einer lustigen Truppe.

Donnerstagabend im Porgy & Bess: Reasons for Moving – alias Fred Frith (Gitarre), Darren Johnston (Trompete), Larry Ochs (Tenor- und Sopranino-Sax), Sébastien Jeser (Bass) und Samuel Duehsler (Drums) – geben während ihrer Performanz im alten Kinosaal ein lustiges Bild ab. Besonders zu erwähnen ist dabei Larry Ochs, Saxophonist, wie Fachfremde ihn sich vorstellen: langes weißes Haar am Hinterkopf, Lederweste und pünktlich zum Auftritt auch die rote Sonnenbrille aufgesetzt. Wer das nicht glaubt, der google Zahnfleischbluter Murphy. Und Ochs’ Coolness ist es auch, die zu den Höhepunkten des insgesamt leider oft in die Bedeutungslosigkeit abdriftenden Auftritts beitrug. Die ersten 20 bis 30 Minuten sind erstmal nur »Chaos«, das Ähnlichkeiten mit einer Beschäftigungstherapie hat. Nur langsam finden sich die Musiker, kann man als Zuhörer*in ein Zusammenspiel erkennen, das Fahrt aufnimmt. Vor allem der Jüngste im Bunde, Duehsler, zieht die Aufmerksamkeit auf sich und gehört sicherlich auch zu den Entdeckungen des Abends. Was er macht? Nahezu alles, nur nicht »normal« Schlagzeug spielen: er wirft mit sämtlichen Sticks auf den Toms herum, experimentiert mit Sounds durch das Verwenden eines Grillrosts auf den Toms, mal stehend, mal sitzend, es klappert und klabappert und wirkt rein optisch teils irritierend. Schon in so jungen Jahren so verschroben jazzig! Das rhythmische Klopfen mit dem Bogen des Kontrabasses wirkt dagegen nahezu ausgleichend, nahezu erlösend. Doch schließt man die Augen, so wird klar, dass Duehslers Gespür für Klang ein Segen ist.

Es herrscht im Allgemeinen ein improvisiertes Durcheinander, in das einzudringen nicht immer sehr leichtfällt. Umso freudiger sind die trompetalen Melodien Johnstons (der sogar mit einer Saugglocke den Klang seines Instrumentes manipuliert) und die fantastisch kompetente Unterstützung von Larry Ochs. Die beiden Bläser im Vordergrund sind es auch, die während des Auftritts als einzige (abseits der einzelnen Soli) ein wenig in eine Richtung drängen, auch wenn insgesamt keine Idee in die Hand genommen wird, sondern alles mehr oder weniger einfach nur fließt. Auch Frith bleibt an seiner Gitarre, trotz 150 verschiedener Teile, mit denen er sie penetriert, eher verhalten und im Hintergrund. Obwohl, penetriert ist schon ein zu starker Ausdruck: Er benutzt vor allem Pinsel, um den Saiten seiner E-Gitarre Klang zu entlocken. Spaß macht es, wenn sich nach einem tollen Solo der Trompete endlich etwas bewegt und Duehsler eher klassische Jazzrhythmen einbringt, mit der Snare, wenn auch nur kurz, den Takt angibt und äußerlich hör- und sichtbare Strukturen annimmt. Das braucht es, denn als Hörer*in kann man sich doch etwas verloren fühlen bei all dem Ausdruck ohne Richtung.

Herausragende Momente, wie die shady Soundscapes von Frith und dazu wunderbar passende, warme Trompetensounds sind eher die Ausnahme. So ist auch der Applaus nach der ersten Hälfte verhalten. Ist jetzt Ende? Geht es weiter? Zugabe verlangen? Larry Ochs löst die Spannung: es geht gleich weiter nach einer Pause. Ochs kommt zurück auf die Bühne, setzt sich seine Sonnenbrille wieder auf und es geht weiter. Doch die zweite Hälfte birgt auch keine großen Überraschungen, bis auf ein paar Glanztaten des Schlagzeugers, der auch zeigt, dass er neben improvisierter klanglicher Untermalung auch packende, fast archaische Rhythmen auf den Toms spielen kann, denen zuzuhören ein Schmaus ist. Mehr Songwriting, Kompression des Materials hätte den vorhandenen Ideen bei all dem Können vielleicht gutgetan.

Link: http://www.ochs.cc/groups/special-projects/reasons-for-moving.html