Susanna Gartmayer

»AOUIE«

Chmafu

Unter dem Titel »Die Freuden am einsamen Instrument« habe ich unlängst über den Hang mancher Experimentalmusiker gelästert, selbst das geneigte Publikum mit instrumentalen Möglichkeitsauslotungen auf die Probe zu stellen. Als gäbe es entsprechende Virtuositätsdemonstrationen nicht wie Sand am Meer. In diesem Fall gibt es aber zwei gute Gründe, sich eines Besseren zu besinnen. Der erste Grund ist das Instrument selbst, die Bassklarinette, ein in seinem Klangvolumen extrem reichhaltiges Instrument. Es erlaubt zwischen majestätischem Schweben und zickigem Gekrächze, zwischen volltönender Wonne und gehauchter Nichtigkeit alle Register. Darin lag auch die Faszination für Susanna Gartmayer, »die vielen Stimmen«, die das Instrument bietet, und die man gleichsam im Spiel erst finden muss. Da die Bassklarinette aber schwer zu meistern ist, fand sie dementsprechend nur wenige Meister. Sehr gerne erwähne ich in diesem Zusammenhang Eric Dolphy, nur gehört der nicht hierher, weil sich Gartmayer nicht als Jazzerin sieht. Wenn schon, dann wäre an dieser Stelle Giora Feidman zu nennen, allerdings nicht als Vorbild, sondern nur als erster Berührungspunkt mit diesem Instrument. Der zweite gute Grund ist die Interpretin selbst, Susanna Gartmayer. Insidern durch zahlreiche Kooperationen und Gastspiele bekannt, unter anderem bei broken.heart.collector (mit Maja Osojnik), dem vegetable orchestra, dem klingt.orgestra u. v. m. Gartmayer ist auf »AOUIE« bis zu einem gewissen Grad Improvisateurin, denn ob das Anspielen bestimmter Soundeffekte auf der Bassklarinette gelingt, so Gartmayer, ist von vielen Faktoren abhängig – bis hin zur Luftfeuchtigkeit des Raums. Doch im Kern sind die Stücke auf dieser Auslotung keine Improstücke, sondern durch lange Kompositionsprozesse (oder Improvisationsprozesse, je nachdem) entstanden, sie sind nicht Ausdruck spontaner Eruptionen. Das macht sich im Resultat mehr als bezahlt, gerade beim Nachhören auf dem Tonträger. Für jedes Stück findet Gartmayer nicht nur eine Stimme (oder umgekehrt), sondern auch eine kompositorische Form, die sich meist in leicht minimalistischen Themen ausdrückt (und die mitunter auch von der Notwendigkeit, Luft zu holen, getaktet) wird. Dadurch entsteht eine sonst nur selten so gut geglückte Kombination von Auslotung und Formung. Ein Meisterinnenstück im wahrsten Sinne des Wortes.