Anguish

»s/t«

RareNoise

Die neueste Veröffentlichung auf RareNoise heißt schlicht »Anguish« (Kummer, Leid, Schmerz, Qual usw. usf.). Man fragt sich: Warum denn nur? Es ist doch zurzeit alles gut auf der Welt. Zumindest zwischen den fünf Musikern von Anguish harmoniert es: Will Brooks (aka MC Dälek, Rapper), Mike Mare (ebenfalls Dälek, dort für die Produktion zuständig), Andreas Werliin (Drummer bei Fire! [Orchestra], dort und anderswo schon in Kontakt mit) Mats Gustafsson (Tenorsax, Electronics) sowie Hans Joachim Irmler (Mann an den Synthesizern bei Faust, der auf dem 2004 auf Staubgold erschienenen Album »Derbe Respect, Alder«, bereits mit Dälek aufnahm). Abgefahrenes Line-up, sicher. Industrial Rap, Free Jazz, Krautrock, Noise, Pop … das alles kommt hier im Prinzip zusammen. Zu Beginn von »Anguish« jedoch erstmal nur Vibrationen auf »Vibrations«. Warmer Noise. Von Free Jazz ist dann auch erstmal nicht viel zu hören, dafür umso mehr tiefe Bässe, welche die langsam, hart vorgetragenen, schleppenden Lyrics von Brooks begleiten. Zur Verdeutlichung: »Ambient-Jazz-Rap« kommt dem Ganzen nahe. Kennt man den Sound von Will Brooks und Mike Mare etwas, so fällt auf, dass sich das doch sehr in deren üblichen, dronigen Industrial-Rap-Sphären bewegt. Spätestens auf dem vierten Track »Gut Feeling« wird das offensichtlich. Wem die Musik von Dälek jedoch auf Dauer zu einseitig, straight-forward war, der hat hier noch seinen Spaß mit den weitschweifenden, atmosphärischen Noise-Sphären und improvisierten Klangpassagen hier und da. Klingt nach Dälek mit richtig guter, jazzig angehauchter Backing-Band und mehr Raum für Spielereien, Abwechslung halt. Es ist viel wärmer, vielschichtiger, ausgewogener, experimenteller. Statt den alles zermalmenden Drums der regulären Dälek-Veröffentlichungen hier das Laid-back-Schlagzeug von Andreas Werliin. Das ist äußerst stimmig, sei es, wenn er mit Besen spielt oder zu den Sticks greift. Und Mats Gustafsson ist auch ganz nah und verspielt an den Vocals von Brooks, dessen Arbeit zumal auch als Spoken-Word-Performance durchgehen kann. Es ist allen klar, dass hier sämtliche Facetten abgearbeitet werden, nicht nur die überlauten. Gut so. Nach der recht gediegenen Fahrt legt man zum Ende dann doch nochmal einen Spurt ein, und Freund*innen von Gustafssons luftigem Sax-Spiel kommen auch noch auf ihre Kosten. Es gibt hier keine Ohrwürmer, keine Übertracks. Vielmehr geht es um einen stetigen Fluss (der Gefühle), in den man sich begibt. Nicht immer der Wahnsinn, aber insgesamt gut. In den drei Tagen der Aufnahmen haben sie ihren eigenen Sound gefunden. Genauso wie die Band freuen auch wir uns auf Live-Auftritte, wo noch mehr Improvisationselemente dem Ganzen den letzten Schliff geben dürften.