Afrodyssey Orchestra © Afrodyssey Orchestra

Altercat – Label für Musikschätze

Das Berliner Label Altercat (wieder)veröffentlicht seltene Musik auf schmuckem Vinyl. Was für eine Musik das ist und wieso sich ein Reinschnuppern lohnt, zeigt eine kurze Bestandsaufnahme der bisherigen Veröffentlichungen seit 2014.

Altercat – das ist doch kein Name für ein Label? Doch, ist es. Und auch ein guter. Nicht nur, weil Katzen »in« und in der Regel gut sind, sondern auch, weil es zudem noch eine weitere Bedeutung hat. Im Katalanischen bedeutet »Altercat« so viel wie eine »Auseinandersetzung«, eine »erhitzte Diskussion«. Zwar sind die bisherigen Veröffentlichungen derweil recht gediegen und eher recht entspannter Natur, doch von ihrer Art vor allem Alternativen zu gängigen Musiken. Die Künstler*innen sind entweder recht unbekannt oder bereits in Vergessenheit geraten. Was Altercat nun macht, ist ganz einfach schöne Platten (wieder) zu veröffentlichen. Dass dabei auch besonders Portugiesisch-sprachige Platten gelistet sind, ist vielleicht keine Überraschung. Zumindest keine negative, denn vor allem die brasilianischen Neuveröffentlichungen haben es in sich. Eine kurze Bestandsaufnahme.

Tree – »S/T«
Tree kommen aus Israel und machen psychedelischen Bluesrock mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und ein paar Keys – nicht mehr und nicht weniger. Altercat hat ihr 2011 veröffentlichtes, selbstbetitelte Debütalbum »Tree« 2014 neu aufgelegt und ihm ein ansprechenderes Cover geschenkt. Die Gitarren erzeugen eine entspannte, easy-cheezy Atmosphäre (»Cool Breeze«), der zunächst etwas gewöhnungsbedürftige Gesang funktioniert bald als rauer Gegenpart zur luftig-leichten Instrumentierung, vor allem der Tasteninstrumente, z. B. in »Swing in B«. »Mantra« zeigt auch mal eine etwas ausuferndere Solierung auf den Saiten. Alles hat einen gewissen leichten nah-östlichen Charme. »Two Oceans« ist ein basslastiger, schläfrig-sympathischer Song, »River« zum Schluss dann der Psychedelic-Rock-Abschluss.

The Bogeymen – »Introducing …«
»You Are On My Mind« ist einer der Knaller auf dem Album »Introducing…« der kultigen Drei-Kopf-Gruppe The Bogeyman aus den 1990ern. Dass die Band aus Frankreich kommt, hört man gesanglich gut raus. Musikalisch orientiert bzw. »kopiert« man poppy Sixties-Garage, Stones-Einflüsse. Hat Ohrwurmcharakter, ist schnell zum Mitsingen, Wippen und so weiter, was aber weiter nicht schlimm ist. Denn es klingt wie von einer alten Musikkassette, die seit Jahr und Tag bei Opa im Auto das Kassettenlaufwerk verstopft, aber doch immer wieder gerne gespielt wird, weil es einfach diesen Vibe von damals verströmt, als Autofahren noch richtig geil war und was mit Freiheit zu tun hatte. Textlich geht’s natürlich um Liebe und so. Das Spiel macht man aber gerne mit. »When I Get To You« ist ein zweiter Knaller, die Refrains sind pflichtmäßig catchy. Das Album wurde 1992 erstveröffentlicht, Altercat macht’s nun möglich, es noch einmal neu zu entdecken. Vorsicht, Hit-lastig!

Ausflug nach Brasilien
Die Welt der brasilianischen Musik der 1970er und 1980er ist ja äußert vielfältig. Viele der Künstler*innen sind noch immer aktiv und in ihrem Herkunftsland gefeierte Berühmtheiten. Viele der Veröffentlichungen fallen mit der Zeit dem Vergessen anheim. Einige Platten werden nun auch endlich in Brasilien selbst wieder gepresst, bei manchen jedoch muss aus dem Ausland nachgeholfen werden.

Afrodyssey Orchestra – »In the Land of Aou Tila«
Afrodyssey Orchestras »In the Land of Aou Tila« ist Altercats erste Veröffentlichung und gibt schon einen gewissen Vorgeschmack auf das reichhaltige Oeuvre des Labels. Das Athener Orchestra, seit 2013 unter diesem Namen aktiv, macht einen homogenen Mix aus Funk, westafrikanischen Rhythmen, klassischer Musik und Einflüssen aus Griechenland. Das klingt äußerst groovig wie beim Opener »Hostages of Hope«, hat knallende Percussion in »Nomad’s Dream«, immer ein verspieltes Tenorsaxofon, das auf »Moroccan Dancer« mit den anderen Bläsern gemeinsam tänzelnd über die afrikanische Rhythmik gleitet. »Fela« ist unschwer zu erkennen als eine liebe Hommage im Afrobeat-Stil, bis jetzt alles sehr tanzbar. »Ti Se Mellei« erfreut mit süß klingenden Schlaginstrumenten à la Xylophon – es ist ein westafrikanisches Balafon – und fließt angenehm vor sich hin, mit eingängigen Bläserpartien. Gesang gibt es bloß auf »Sinte Conofe«, man einigt sich dann jedoch auf ausuferndes instrumentales Zusammenspiel in diesem über 8 Minuten langen Stück. Musikalisch kann man es. Altercat haben, nachdem Afrodyssey Orchestra ihr erstes Album als home-made CD bei Konzerten feilboten, dieses nochmal neu gemastered und mit neuem (schönerem) Artwork auf dem Markt gebracht. Ende November folgt das neue Album auf Altercat.

Teo Azevedo – »Grito Selvagem«
Teo Azevedo ist bis heute als Musiker aktiv. Altercat veröffentlicht seinen Erstling »Grito Selvagem« aus dem Jahr 1974. Es ist Música Popular Brasileira, mit etwas Rock’n’Roll, einer schnellen Gitarre hie und da, mit viel Frauenchor im Mittelpunkt, entspannten Gitarrensoli und einer seltenen Mischung aus Folklore und westlichen Einflüssen aus dieser Zeit, also E-Gitarre, etwas Rock’n’Roll und ein Schuss Groove.

Agustin Pereyra Lucena – »Brasiliana«
Easy-Listening-Bossa-Nova findet man wohl recht viel in Ramschkisten, bei »Brasiliana« jedoch sollte man tunlichst zugreifen, auch, wenn man sie dort wohl eher nicht finden wird. Der argentinische Gitarrist Lucena spielt Songs von João Donato, Baden Powell, selbstgeschriebene sowie welche seines Bassisten Guillermo Reuter, wie das zeitlos schöne »Guayabas« mit seinen feinen Melodien. »Ese Dia Va A Llegar« ist eben von Lucena selbst und zeigt seine Virtuosität an der Gitarre sowie das Gespür für einprägsame, ohrwurmartige Melodien. »Mujer Latina«, ebenfalls aus eigener Feder, lässt den Einfluss der sanften, aus den Leiden des Liebeslebens schöpfenden Musikkultur erkennen. So rührend wunderbar. Plus: Auf dem Cover sind sechs Papageien abgebildet. Btw.: Rest in Peace, Agustín.

Rag I Ryggen – »S/T«
Rag I Ryggen gelten als eine der ersten proggigen Bands des Landes Schweden. Das erste Album von 1975 ist zugleich auch ihr einziges. Darauf machen sie eher eine Art langsamen, ja gediegenen Hard Rock, der weitgehend auf ausufernde Gitarrensoli und verkopfte Songstrukturen verzichtet, dafür eher einfach rockt und schöne Vocal-Lines bietet, die von Liebe handeln und auch mal recht melancholisch klingen. »Spångaforsens Brus« klingt wie eine okaye Mittelalter-Rock-Band. Erst in »Jan Banan« nimmt die Musik etwas an Fahrt auf. Man kann sich gut vorstellen, wie die Schweden mit wallendem Haar zu den E-Gitarren wippen, es ist gleichzeitig in die Jahre gekommen, im nächsten Moment jedoch auch wieder ungemein flashig, wenn z. B. diese Witze-Synth-Line ertönt. »Naked Man« wird sogar noch besser, richtig episch erklingt es da. Schön. Man stelle sich vor, sie nahmen die Platte als Teenager auf, waren zu ihrer Zeit eine der wildesten Bands. Das bisschen Kitsch hier und da ist verkraftbar. Zurecht »Kult«.



Werther – »S/T«
Werther machen Folk-Jazz mit brasilianischer, afro-kubanischer Rhythmik, ergo Bossa Nova, also sanft und gediegen, federleicht und zum bei einem Sex on the Beach am Strand in der Sonne Dösen. So auch auf der 1970er selbstbetitelten Debütveröffentlichung – und auch der einzigen. »Terça-Feira«, der Intro-artige Song, mit seinem charmanten Frauengesang und dem für Brasilien so typischen, ebenfalls charmanten, weil nicht nur tiefen, sondern auch in allerlei anderen Tonlagen ertönenden Herrengesang. »Litoral« ist so ein Song, bei dem man merkt, dass »Girl from Ipanema« wirklich omnipräsent war und noch ist. Man höre auf die Blasinstrumentierung. »Mararia«, Klassiker eigentlich. Zum Ende des famosen Albums »Ave Maria« kommt noch ein Stück von Caetano Veloso. Eine schöne Ansammlung von Songs, denen man entweder still lauscht oder wie bei einer der vielen Hymnen der MPB mit Tränen in den Augen mitsingt. Kein Wunder, dass Altercat es nach fast 50 Jahren zum ersten Mal wiederveröffentlicht haben.

Carioca & Devas – »Misterios da Amazonia«
Die neueste Veröffentlichung des Labels ist vielleicht auch die stärkste. Für die 1980er nicht überraschend schlagen Carioca & Devas (Ronaldo Leite Freitas & Devas, Name der zum Zeitpunkt bereits aufgelösten Band mit ihm als Sänger, den er aufgrund der Berühmtheit des Namens einfach übernahm) im echten Leben eine progressive Folk-Richtung ein. Mit ihrer Rhythmik/Percussion stellen sie jedoch den für die brasilianische Musik typischen Bezug zu den Wurzeln in Afrika her. Ein weiterer Musiker, der auf dem Album eine Rolle spielt, ist Sérgio Otanazetra, der einige der Percussion-Instrumente gebaut hat, die auf »Mistérios da Amazônia« zu hören sind. Zudem ist da Zé Nazario, Percussionist, der u. a. Helden wie Hermeto Pascoal und Grupa Um begleitet hat. »Lamento Do Recife« hat durchaus melancholische Züge, doch das rasante Gitarrenspiel zeigt die Energie, mit der man sich von ihm fortzureißen gedenkt. Es geht dann aber doch über in ein repetitives Klagespiel, in welchem sämtliche Vokalhöhen ausgenutzt werden. Der Song »Manha Oriental« hält so in etwa, was der Name verspricht: Indische oder arabische Kesseltrommeln und das übliche metrorhythmische Spiel verbinden sich mit einer dem American Primitivism ähnlichen Gitarrenspielweise. »Amanhecendo«, ein ruhiges Gitarrenstück, ist bloß das Vorspiel für den etwa 17 Minuten währenden Titeltrack »Mistérios Da Amazônia«. Flötensounds mimen darin die reichhaltig zwitschernde Vogel- und Raubkatzenfauna. Und Schlangengerassel. Das im Capoeira beheimatete Berimbau findet seinen Einsatz neben einem schönen Chor und unverzichtbarem Folk-Flötenspiel. Kaum ein Land ist musikalisch so voller Schätze wie das Brasilien der 1960er, 1970er bis in die 1980er Jahre. Sidefact: Selbst Gilles Peterson legt das Album nun oft auf.

Und dann?
In der Zukunft wird Altercat weitere Schätze aus der Welt der Musik zu Tage fördern. Im März, zum vierten Todestag des großen Naná Vasconcelos (Pat Metheny, Mutantes, Milton Nascimento, Cyro Baptista, Arto Lindsay, Caetano Veloso und, und, und) veröffentlichen sie sein erstes Album von 1971, »El increíble Nana con Agustin Pereyra Lucena«, das er gemeinsam mit Agustín Pereyra Lucen aufnahm und das damals nur in Argentinien erschien, neu. Gut. Zudem wird es eine Rückschau geben auf die Arbeit des ägyptischen Organisten Magdy El Hossainy, seit 50 Jahren ununterbrochen aktiv, neben Omar Khorshidlange Teil der Band von Abdel Halim Hafez, einem der größten Musiker der arabischen Welt.

Link: https://alter.cat/