Stereo Total © Paul Cabine

Adieu, Françoise

»Tonaufnahmen sind technische Gespenster«, schrieb der Kulturkritiker Mark Fisher. Ein Gespenst sei die Anwesenheit des Abwesenden. Françoise Cactus wird weiter als guter Geist durch das Leben des Autors spuken. »C’est comme ci, c’est comme ça / C’est la vie, c’est la mort.«

Weggefährten und Freunde von Françoise Cactus haben in allen großen Blättern Nachrufe geschrieben. Das sind oft sehr traurige, sehr persönliche Texte. Abschiede von einer Freundin. Auch viele Musikjournalist*innen haben Nachrufe geschrieben. In diesen Texten werden das Werk und das Leben der Künstlerin gewürdigt. Diese Texte sind wichtig, denn sie werden der Bedeutung der Künstlerin gerecht. Als ich meinen Nachruf für das »Neue Deutschland« geschrieben habe, ist mir klar geworden, dass die Käufer*innen der CDs, Bücher, die Zuschauer*innen der Videos und die Musikstreamer*innen nicht zu Wort kommen. Dabei spielen Popstars, und das war Françoise Cactus ja, im Leben ihrer Fans eine sehr bedeutende Rolle. Auch wenn sie ihren Star nie persönlich kennenlernen. »Fan-Sein als kulturelle Praxis«, schreibt der Filmwissenschaftler Lothar Mikos, »zielt darauf ab, anhand meist medienvermittelter populärer Medientexte eine Möglichkeit des symbolischen Ausdrucks für die eigenen Lebenslagen und -zusammenhänge zu finden«. Fan-Sein, erklärt Mikos, sei eine »Identitätsressource« und »reflexive Praxis«. Das ist der Punkt. Egal, was die Künstlerin mit ihrer Kunst sagen will, der Fan benutzt sie, um durch sie hindurch sein Leben leben zu können. Ich bin Stereo-Total-Fan. Die Person Françoise Cactus ist mir zweimal in meinen Leben begegnet. Im Jahr 2000 war ich in Neu-Ulm bei einem Stereo-Total-Konzert. Ich habe ein bisschen getanzt und viel mitgesungen. Und im Jahr 2018 war ich in Esslingen bei einer Lesung, das Konzert am Tag zuvor hatte ich verpasst. Ich war nicht mit ihr befreundet, ich habe nie mit ihr gesprochen. Ich bin ein ganz normaler Fan.

Musik fürs Leben
Stereo Total sind mir 1997 das erste Mal begegnet. Helmut Kohl war Bundeskanzler. Das Internet war exotischer Quatsch für Nerds. Keiner hatte ein Handy. Und ich war Student und hörte mir CDs an. Im Müller Markt in Ravensburg. Ich mochte Britpop, also werde ich wohl irgendetwas Britpoppiges angehört haben. Als ich durch war, entdeckte ich eine CD in dem Ständer, in den man angehörte CDs zurückstellen konnte, wenn man sie nicht haben wollte. Eine nackte Frau saß rauchend auf einem Eisbärenfell. Sie sah ziemlich fertig aus. Das Foto schien in einem Park aufgenommen zu sein. Die Band hieß entweder Monokini oder Stereo Total.

Ich nahm die CD heraus und schaute sie an. Die Titelliste war lustig, also hörte ich sie mir an. Und dann kam »Ach, ach Liebling!« Völlig belämmert hörte ich eine Frau mit französischem Akzent und völlig gesangskunstfreier Stimme zu einem billigen Synthie-Bass ein böses Liebeslied singen. So etwas hatte ich noch nie gehört. War das ernst? Oder eine Parodie? Dann kam »Lunatique«, dann »Supergirl«, da sang ein Mann. Das hörte sich nach einer Band an, deren Sound an allen Ecken und Enden hakte. Aber es war cool. Und dann kam »Schön von hinten«. Das haute mich aus den Socken. Miese Samples, billige Keyboards, eine Hawaii-Gitarre … und dann dieser Text! Vorgetragen mit dieser Stimme! Da wusste ich: Diese CD musste ich kaufen. Aus meiner Sicht wurden diese Lieder nur für mich gesungen. Mir war schon klar, dass das nicht so war. Aber plötzlich war da etwas, das meine damalige Lebenssituation zum Klingen und Sprechen brachte. Plötzlich war da eine Möglichkeit, das in Töne und Sprache zu fassen. Ich konnte diese Musik fühlen. Die Musik, mit der ich normalerweise meinen Gefühlshaushalt regulierte, diente dem Genuss ausgetüftelter und schöner Klänge. Aber Stereo Total waren eine Ermutigung, selber Töne und Worte zu finden. He komm, sagten sie, das kannst du auch.

Ich studierte an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten. Ich wollte nicht nach Berlin. Die Großstadt hätte mich verschlungen. Die Hochschule war fast familiär. Wir führten Diskussionen über Nietzsche und Adorno, ohne sie wirklich gelesen zu haben. Wir betrieben eine Hochschulzeitung und natürlich hatten wir auch eine Band. Und natürlich coverten wir keine Songs, weil wir selber (unserer Ansicht nach) bessere schreiben wollten. Meine Mutter und mein bester Schulfreund waren 1995 und 1996 gestorben. Meine Freundin hatte mit mir Schluss gemacht. Die Beatles, Oasis, Blur, die Inspiral Carpets und seit neustem Tocotronic und die Sterne waren intensiv mit meinem Leben verbunden als Erinnerungs- und Gefühlsträger. Aber niemals würde ich solche Musik oder solche Texte selber machen können. Aber »Monokini« hörte sich in meinen Ohren ähnlich chaotisch an wie meine eigenen Kassettenaufnahmen. Nur, dass Stereo Total nicht verkrampft versuchten, wie irgendjemand anderes zu klingen. Klar hörte man ihre Vorbilder, aber sie imitierten sie nicht, sondern nahmen sie eher als Anknüpfungspunkt. Und so machte ich es jetzt mit Stereo Total. Die Texte, die ich mit Stereo Total im Ohr für die Band schrieb, drückten meine Lebenssituation großartig aus. Für mich. Und vielleicht auch für die anderen in der Band, ich weiß nicht. Es tat gut, sie zu singen. Kein Vergleich mit dem charismatisch-lebensfroh-chaotischen Gerumpel von Stereo Total, aber für mich wichtig.

Horizonterweiterung
Geld verdiente ich als freier Mitarbeiter des Lokalteils der »Schwäbischen Zeitung« in meinem kleinstädtischen Heimatort Pfullendorf. Zusammen mit meiner Waisenrente hatte ich so ein leidlich gutes Auskommen. Am Wochenende saß ich in meinem Kinderzimmer und zwischen Zeitungsterminen und Stammkneipe brütete ich über Liedern für die Band. Oder hörte exzessiv »Monokini«. Wenn ich meiner Ex-Freundin begegnete, die auch freie Mitarbeiterin war, sang ich innerlich »Schön von hinten«. Das tat so gut! »Medienkonsum«, schreibt Lothar Mikos, »ist immer ein Ausdruck von Bedürfnissen und Lebenslagen der Fans.« Nicht der Star suche den Fan, der Fan suche sich seine Stars, »die ihn möglicherweise das ganze Leben hindurch begleiten.« Ich hatte nie etwas mit französischer Musik am Hut gehabt. Jetzt lieh ich mir die Yéyé-Musik in der Ravensburger Stadtbibliothek aus. Ich kaufte mir auf dem Flohmarkt eine Françoise-Hardy-Platte mit dem Original von »Ach, ach Liebling!« und kratzte mein Geld für die zusammen. Zwei Bandmitglieder schrieben ein französisches Lied. Der Horizont weitete sich. Vielleicht habe ich sogar nur wegen der Stereo-Total-bedingen Frankophilie Michel Foucault gelesen?

Im Jahr 2000 begann mein Berufsleben. Stereo Total begleitete mich weiter. Zum ersten und letzten Mal besuchte ich ein Konzert der Band. Treu kaufte ich weiter die CDs. Ein Freund schenkte mir mein erstes Françoise-Cactus-Buch. Inzwischen war ich auf der Suche nach einer Sprache für Erinnerungstexte. Vor allem die Ironie und der freie Umgang mit Erinnerung in Françoise Cactus Büchern waren inspirierend. Bis zum Album »My Melody« steigerten sich Stereo Total beständig. Das Album »Musique Automatique« riss mich nochmal so richtig vom Hocker. Aber ab dann stagnierten Stereo Total musikalisch. Die Platten waren zwar immer noch schön, aber ich hatte das Gefühl, dass die Band begonnen hatte, einfach nur noch »Monokini«- Atomic-Cafe-Sampler Varianten aufzunehmen. Aber das war egal. Wir alle stagnierten. Wir wurden älter und unflexibler. So war das eben.

2018 war ich bei einer Lesung in Esslingen. Françoise Cactus las Texte des Musikjournalisten Martin Büsser vor. Dann sang sie gemeinsam mit Brezel Göring ein Lied. Es war wunderbar. Am Büchertisch nickte ich ihr zu. Sie nickte zurück. Mein Leben ist auch deshalb geworden, wie es ist, weil ich es durch die Songs und Bücher von Françoise Cactus betrachtet habe. »Der Fan«, schreibt Lothar Mikos, »geht in seiner Rolle auf, wächst über sich hinaus – und wird sich damit zugleich seiner Grenzen bewusst.« Jetzt ist Françoise Cactus gestorben. Das macht mich traurig, denn ich werde nicht mehr ihre Sendung hören können, es wird keine neuen Songs geben, keine coolen Musicals wie »Patty Hearst«. Aber schon allein die Tatsache, dass sie für so viele Leute eine »Identitätsressource« war, ist ein Stückchen Ewigkeit. Dafür danke!

© Jens Buchholz

Literatur
Lothar Mikos: »Der Fan«. In: Moebius/Schroer: »Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart«. Suhrkamp, 2010.