Hauschka

»Abandoned City«

City Slang

So kann man es natürlich auch machen: Erst spielt man sich ein wenig mit dem präparierten Piano, bastelt dazu pompöse Sounds, nimmt den Pomp aber wieder raus und belässt die Soundkulisse, die man nun sphärisch-minimalistisch neu schichtet. Heraus kommt ein episch-keckes Soundgemälde, lauter kleine Minidramen, bei denen man nur die Augen schließen muss, schon huschen irgendwelche postnukleare Seifenopern oder Steampunk-Spaceoperas über die Kopfbühne (bei denen übrigens immer eine zierliche, aber stumme Japanerin die Hauptrolle spielt, seltsam, oder?). Anyway, bei so einem stimmigen Resultat ist es da nicht naheliegend, dass man die CD »Stillgelegte Städte« tauft? Und einzelne Tracks nach den entsprechenden Orten? Z. B. »Pripyat«, diese kleine Stadt in der Nähe von Tschernobyl, die nicht nur jeder Call-of-Duty-Spieler bestens kennt, sondern die sich ins apokalyptische Kollektivgedächtnis eingebrannt hat. Oder »Thames Town«, jener fast unbewohnte Stadtteil in Shanghai, der als Replik einer englischen Kleinstadt erbaut wurde. Oder »Sanzhi Pod City«, die berühmten UFO-Häuser in Taiwan. Und so weiter. Ein schöner Einfall, sehr stimmig. Selbst wenn einem die CD auch so problemlos ans Herz wachsen würde – mit diesem Assoziationsangebot und dem damit inkludierten Bildungsunterricht für morbide Seelen wird »Abandoned City« zum echten Juwel. Verbrochen hat das Teil der aus der Nähe von Düsseldorf stammende Volker Bertelmann, der sich aber lieber Hauschka nennt (das Pseudonym ist aber nicht mit dem gleichnamigen Naturkosmetiker verwandt). Seine erste CD mit präparierten Piano liegt bereits zehn Jahre zurück, seither sind neben Solo-CDs auch reichlich Filmkompositionen entstanden. Der Mann, das kann man ruhig so sagen, beherrscht also sein Metier. Eine morsche Empfehlung für abandoned lovers.