Tom Moulton

»A Tom Moulton Mix«

Soul Jazz

In den frühen 1970ern war DJ-Arbeit eine harte Knochenarbeit. Die Breaks und Breakbeats mussten mit steinzeitlichen Schallplattenspielern abenteuerlich aneinandergereiht werden (funktionierte das mal nicht, war die Tanzfläche gleich wieder leer) oder wurden (in ebenso mühseliger Schneide- und Klebe-Arbeit) zu Hause mittels Tonbändern manuell zusammengeschnitten. Zwar gab es schon speziell für die Disco produzierte Tracks: Bei Philadelphia Sound gab es längere LP-Versionen, Giorgio Moroder & Pete Belotte lieferten »Love To Love You Baby« und »I Feel Love« und von Gloria Gaynor erschien die erste als Non-Stop-Disco-Mix neu abgemischte LP. Aber das waren Mitte der 1970er eher die Ausnahmen.

Auftritt Tom Moulton, der zuvor schon einschlägige Erfahrungen in Philadelphia und bei Gloria Gaynor gemacht hatte: »Mir fiel auf, wie die Leute in Diskotheken auf Musik abfuhren. Und das passierte ganz anders, als ich es mir immer gedacht hatte. Ich bemerkte, wie die Leute gegen Ende einer Nummer voll auf der Musik drauf waren. Und auf einmal waren sie wieder runter. Weil eine andere Nummer gespielt wurde. Gott, dachte ich mir, wenn die Leute so von Musik angeturnt werden können, dann muss es eine Methode geben, dass man sie bei diesem Höhepunkt am Ende einer Nummer nimmt und festhält und sie dann auf eine noch höhere Ebene hebt.«

Also schichtete er seine Disco-Mixe, die bald prominent als »A Tom Moulton Mix« ausgewiesen wurden, zu Gunsten der Rhythmuselemente, des Grooves um (nicht immer zur Freude der so in den Hintergrund gemischten SängerInnen). Was noch fehlte, war ein Transport-Medium für diese – auch in der Länge – neuartigen Re/Mixe. Und das wurde durch einen Zufall entdeckt. Anfang der 1970s war es üblich, Disco-Mixe als 10″-Acetat-Testpressungen (also Dub-Plates) für ausgesuchte DJs und Clubs herzustellen. Funktionierte der Mix im Club, wurde er auf Single gepresst. Acetat-Platten konnten zwar bis zu sechs Minuten Musik speichern, im besonders wichtigen Bassbereich kackten sie jedoch enorm ab. Und also begab es sich, dass eines schönen Freitag Nachmittags im Jahre 1974 Tom Moulton die 10″-Acetate ausgingen. Was noch da war, waren reguläre 12″-Vinyl-Platten, die aber eigentlich für LPs verwendet wurden, da sie für Disco-Mixe als zu teure Platzverschwendung angesehen wurden. Moulton versuchte es dennoch. Mit dem Ergebnis eines Sounds, den bis dato noch niemand gehört hatte: scharf, klar, heiß & mit fetten Bässen – die 12″-Maxi war geboren! Der Rest ist Geschichte.

Und einiges davon ist jetzt auf zwei CDs (bzw. zwei Doppel-LPs) nachzuhören. Wobei auf die sattsam bekannten SalSoul-R/Mixe zu Gunsten eher weniger bekannter Perlen großzügig verzichtet wurde. Und so gibt es neben MFSB, Grace Jones und Isaac Hayes echte Paradise-Garage-Granaten wie Eddie Kendricks »Keep On Truckin«, Udells hymnische »Go West«-Breitwand-Weiterführung »Won’t You Try« oder The Lover mit »Lip Service« zu hören.

Und wer wissen will, was sonst around bzw. von der Maxi-Single-Revolution losgetreten wurde, soll auch gleich die Dreifach-CD-Box »12″ – Extended Seventies: The Dawning of The 12 Inch Era. From Dance Classics and Pop to New Wave« (Optimum Sounds) mit jeder Menge Basismaterial zum Thema mit einstecken.