Ceren © Ceyda Yuksekol
Ceren © Ceyda Yuksekol

Nicht dein Shababe

R’n’B meets Rap meets Zeitgeist: Am 7. November ist die Berliner Rapperin Ceren live im Wiener Das Werk zu sehen. Was sie zu einer der bedeutendsten Stimmen ihrer Generation macht, hört man ihr rasch an.

Die Sonne scheint hell über Berlin, geht auf im Westend, spendet ihre Wärme am Schlesi und verliert sich schließlich in schlaflosen Nächten im VIP. Die Sonne heißt Ceren, und Ceren heißt Reh, und so sieht sie aus, die Anfang-20-jährige Musikerin aus Berlin mit türkisch-kurdischen Wurzeln. Seit 2021 schon veröffentlicht die Künstlerin, mit ganzem Namen Yueksal Ceren, Musik in Eigenregie. Ihre Anfänge macht sie mit englischsprachigem R’n’B, der stark von ihrer schulischen Vergangenheit in einer Jazzband geprägt war. Seit drei Jahren aber hat sich ihr Kurs geändert. Ceren singt und rappt seither auf Deutsch und Türkisch, hat den souligen Sound mit treibenden Dance-Beats ergänzt und macht sich trotz melancholischer Texte clubtauglich.

Player

Ihren Durchbruch hat Ceren im Frühjahr 2025 als Feature-Gast auf Pashanims »Shabab(e)s im VIP«. Die Single aus seiner EP »grünewürfelflow« hält sich ganze vier Wochen lang auf Platz eins der Deutschen Charts und macht Ceren im Handumdrehen zu einem Household Name in der deutschen Rapszene. Produziert von Speckmann, treibt der Song in Minimal-Tech-Akzenten und tiefen Bässen davon, ist in unter zwei Minuten kaum zu greifen und will dadurch umso mehr festgehalten, das heißt, immer wieder gehört werden. Gerade Cerens tiefgehende Vocals, kaum mehr als ein Wispern, erweitern ihn um wehmütige Ebenen und stehen in Kontrast zum hedonistischen Text. Es ist ein Höhepunkt in Cerens musikalischer Karriere und beweist ihr Gespür für das, wonach ihre Zeit verlangt. Mit Pashanim arbeitete Ceren schon vor ihrem gemeinsamen Feature zusammen. Der Rapper führte im September 2024 Regie bei Cerens Musikvideo zu »Grüneş/Sonne«, sie verkehren in ähnlichen Kreisen und arbeiten teilweise mit denselben Produzenten. Wer nun aber glaubt, Pashanim hätte den meisten Einfluss auf die Marke Ceren, kennt Ceyda nicht.

Zwar schadet es der Karriere nicht, close mit einem der erfolgreichsten Rapper Deutschlands zu sein. Hinter Ceren steckt aber viel mehr als eine glückliche Begegnung. Es ist jahrelange disziplinierte Arbeit, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Ceyda in ihre Musiklaufbahn gesteckt hat und die Cerens etablierten Sound ermöglicht. Ceyda ist große Schwester, Managerin und DJ von Ceren und begleitet sie bei allen Meilensteinen und Hindernissen. Aufgewachsen im Westend, einem Außenbezirk Berlins, ist ihre Kindheit geprägt von der engen Gemeinschaft zwischen ihnen, ihrer dritten Schwester und ihren Cousinen. Als eingeschworene Bande verbringen sie ihre Tage am Brixplatz oder zuhause, wo sie zu 2000er-Musikvideos tanzen und eigene Shows für die Eltern inszenieren. Ceyda beweist damals schon ihr Organisationstalent, Ceren ihre Souveränität in der ersten Reihe. 

Das nennt man Synergie

Während sie in der Schule zu den einzigen türkisch-kurdischen Schülerinnen gehört, lebt Ceren die Kultur ihrer Eltern in den eigenen vier Wänden aus. Im Autoradio läuft ein türkischer Sender, Ceren und Ceyda lernen Zaz, vom Vater bekommen sie gebrannte CDs und MP3-Player geschenkt. Cerens Gesangstalent wird bereits in der Volksschule von ihrem Musiklehrer erkannt. In der Oberstufe ist sie dann Teil einer Jazzband und nimmt darüber hinaus Gesangsunterricht. In dieser Zeit werden die ersten Songs veröffentlicht, Soul und R’n’B, inspiriert von Amy Winehouse und Sade. Irgendwann merkt Ceren jedoch, dass sie sich auf Deutsch noch ehrlicher ausdrücken kann. Sie veröffentlicht die Single »Gold«, ein warmes, schwermütiges Soulstück, das Musikvideo besteht aus zusammengeschnittenen Aufnahmen aus der Türkei. Tavla am Strand, Uludağ Frutti vom Alkin-Market, während Cerens Stimme von Liebeskummer singt. 

Auf »Gold« folgen weitere berührende Liebeslieder wie »Dünya« oder »Günlerdir«, auf denen Ceren sowohl deutsch als auch türkisch singt. Zeilen wie »Günlerdir yağmur yağıyo‘ / Günlerdir aklımda sen / Günlerdir hayat beni yoruyo‘ / Günlerdir yalnızca ben«, zu Deutsch etwa: »Seit Tagen regnet es / Seit Tagen bist du in meinem Kopf / Seit Tagen erschöpft mich das Leben / Seit Tagen, ich allein«, zeugen von Sehnsucht und Einsamkeit und erinnern an alte türkische Balladen. Andere Releases gehen wiederum in ganz andere melodische Richtungen, etwa »Grüneş/Sonne«, »Kein Liebeslied« oder »Synergie«. Letztere handeln von Autonomie, dem Streben danach sowohl im Musikbusiness als auch darüber hinaus, von Zusammenhalt in der eigenen Community und insbesondere zwischen den beiden Schwestern. »Synergie«, eine kleine Hymne an Ceyda, die für Ceren Vorbild und Rücken zugleich ist. Die Songs spielen sich auf clubtauglichen Beats ab, stürmen voran und stieben die Zuhörerschaft auf, die kaum hinterherkommt und es doch dringend versucht. In den dazugehörigen Musikvideos voller schneller Schnitte von teuren Autos, Berliner Straßen und MySpace-Ästhetik wird Cerens zeitgeistige Stilsicherheit komplettiert. 

Früher Träume, heute Leben

Am 16. April 2026 bringt Ceren ihre erste EP mit dem Titel »XOXO, Ceren« heraus. Sie besteht aus fünf bis dahin unveröffentlichten Songs, beginnt mit »Pradatuch« sehr slow und R’n’B-lastig, holt auf den restlichen Songs aber wieder an Tempo auf. Es sind Songs übers Vermissen, über Rückblicke, aber auch über den neu gewonnenen Erfolg und den Luxus, den sie sich dadurch leisten kann. Die Titel »Fashionkilla« und »So wie damals« bilden kleine Highlights auf der EP, klingen pointiert und einschlägig. Insgesamt aber ist der Sound etwas homogen, es gibt keine großen Überraschungen, was Ceren in vorherigen Single-Releases doch gelungen ist. Vielleicht dürfen sich die Fans bald auf ein Album freuen, das mehr Raum lässt für Experimente und Vielfalt. Für den Beginn ist »XOXO, Ceren« aber ein guter Querschnitt, auf dem aufgebaut werden kann. In Wien ist Ceren live am 7. November 2026 im Das Werk zu sehen.

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Text
Ariana Koochi

Veröffentlichung
05.11.2026

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