Wer im Oktober und November durch Eisenstadt geht, kann sie kaum übersehen: die rosa Schleife, die seit Jahrzehnten weltweit für Solidarität mit an Brustkrebs erkrankten Frauen steht. Sie erinnert daran, dass Vorsorge kein Nebensatz ist, sondern lebensrettend sein kann – und dass hinter jeder Diagnose eine Frau, ein Mensch mit Geschichte steht. Genau diese doppelte Botschaft aus Bewusstsein und Menschlichkeit war auch Grundlage der Aktion »Eisenstadt goes Pink«, die in diesem Jahr erstmalig stadtübergreifend organisiert wurde – mit mehr als 70 Betrieben, Institutionen und Vereinen, die sich gemeinsam daran beteiligten. Der Verein Kunstschaffen greift dieses Anliegen auf eine besonders schöne Weise auf: nicht mit Appellen oder Informationsbroschüren, sondern mit Bildern, Formen und Materialien. In der Stadtvilla Eisenstadt (übrigens ein wunderschönes, geschichtsträchtiges Gebäude, eröffnet 2025) wird die Farbe Pink zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung, die weit über das Symbol der rosa Schleife hinausgeht.
Dreizehn Frauen – ein Anliegen
Mit ganz unterschiedlichen Handschriften nähern sich dreizehn Künstlerinnen der Region dem Thema Brustkrebs, Weiblichkeit und Solidarität – jede auf ihre eigene Art des Kunstschaffens, alle mit demselben Ziel. Brigitte Mikl-Bruckner, Katharina Moser, Bettina Karolyi, Adelheid Waldherr, Pia Grasich, Sylvia Lehner, Cleo Ruisz, Erika Ebner, Eva Wais, Christine Cézanne-Thauss, Astrid Getz, Mari Stallybrass und Edith Sandhofer zeigen Arbeiten, die zwischen stiller Andacht und leuchtender Lebensfreude pendeln. Das Ergebnis ist keine gewöhnliche Themenschau, in der eine Botschaft lediglich illustriert wird. Vielmehr entsteht ein vielstimmiger Dialog unterschiedlicher künstlerischer Ausdrucksformen. Malerei trifft auf Fotografie, Keramik auf Objektkunst. Die Farbe Pink wird dabei aber nicht zum verbindlichen ästhetischen Programm, sondern zum gemeinsamen Bezugspunkt. Es geht um Weiblichkeit, Verletzlichkeit und Stärke, um Vergänglichkeit und Lebensfreude, um die Fähigkeit, auch schwierigen Erfahrungen etwas entgegenzusetzen.

Besonders eindrücklich ist Mari Stallybrass’ experimentelle Fotografie »Brücke ins Licht«. Die Fotografin arbeitet mit Überlagerungen, vielschichtigen Farbkompositionen und bewussten Verfremdungen. Ihre Bilder bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen fotografischer Wirklichkeit und einer beinah malerischen Bildsprache. Aus unterschiedlichen Bildebenen entstehen damit neue Perspektiven, Wege nach vorne; Hoffnung und Zuversicht werden nicht einfach nur behauptet, sondern in eine visuelle Erfahrung übersetzt. Auch die übrigen Arbeiten tragen diesen vielstimmigen Dialog weiter. Edith Sandhofer, die in Purbach am Neusiedler See beheimatete Malerin, Grafikerin und Objektkünstlerin, zeigt mit »Frau im Rosenbett« jenes Sujet, das auch die Ausstellungseinladung ziert – und damit wie ein programmatischer Auftakt wirkt: Die Rose, seit jeher Sinnbild für Schönheit, Liebe und Vergänglichkeit, rahmt darin die Frauenfigur und verbindet Sinnlichkeit mit stiller Melancholie. Pia Grasich, in Eisenstadt geborene Autodidaktin, die vorwiegend abstrakt in Acryl arbeitet, verdichtet in »Shadows in my Pink« Licht, Schatten und Farbe zu einem vielschichtigen Spiel, in dem Pink zwischen Leuchten und Dunkel oszilliert – und gerade darin seine Kraft entfaltet. Die Malerin Erika Ebner, für die die Aktmalerei zu ihren zentralen Arbeitsfeldern zählt, widmet sich in »Akt« dem weiblichen Körper in seiner ungeschönten, selbstbestimmten Präsenz. Astrid Getz schließlich spielt in »F…ear« mit dem englischen Wort Angst, das hier zur Chiffre wird, in der auch das Ohr mitschwingt: Als Appell, hinzuschauen und hinzuhören, wie Krankheit Angst macht – und ihr Zuversicht entgegenzusetzen.

Mein persönlicher Höhepunkt der Schau steht am Eingang des Raumes auf einer sanft pink beleuchteten Stele: Bettina Karolyis Skulptur »Venus in grit«. Die in Weiden am See arbeitende Künstlerin widmet sich der skulpturalen Keramik und entwickelt ihre Objekte überwiegend in freier Handarbeit. Ihre körnige Venus ist aus Steinzeug gefertigt und im Salzbrand gebrannt – eine besondere, traditionelle Brenntechnik, bei der während des Brennvorgangs Salz in den Ofen eingebracht wird. Es verbindet sich mit den Mineralien des Tons und erzeugt auf der Oberfläche eine charakteristische, lebendige Glasur mit ganz eigener Struktur und Haptik. Ihre Arbeitsweise ist geprägt von Intuition, Geduld und der Lust am Unvollkommenen. Statt auf makellose Regelmäßigkeit setzt sie auf organische Formen und die natürliche Haptik des Materials. Den Ton lässt sie häufig bewusst unglasiert, damit seine ursprüngliche Oberfläche und Lebendigkeit sichtbar bleiben. Von der rosafarbenen Stele in Szene gesetzt, strahlt die weibliche Figur Würde und Wärme aus, ohne sich an konventionellen Schönheitsidealen zu orientieren, und entfaltet damit eine geradezu ikonische Präsenz. Als Symbol für Weiblichkeit, Schöpfung und Widerstandskraft könnte sie kaum passender im Zentrum einer Ausstellung stehen, die sich mit Frauen, ihren Körpern und ihrer Stärke auseinandersetzt.
Selbstbestimmung und Solidarität
Brustkrebs ist nicht nur ein medizinisches Thema. Diese Diagnose verändert Lebensentwürfe, stellt Gewissheiten infrage und betrifft weit mehr Menschen als jene, die unmittelbar erkranken. Über Vorsorge und Früherkennung zu sprechen oder zu dem Thema zu arbeiten, bedeutet deshalb auch, über Selbstbestimmung, Solidarität und den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit nachzudenken. »In the Pink« findet dafür eine Sprache, die ganz ohne die üblichen großen Gesten auskommt. Die Arbeiten lassen eintauchen – in weibliche Identität, Verletzlichkeit, Kraft, Schönheit jenseits normierter Vorstellungen und auch in die Möglichkeit, dem Leben selbst in schwierigen Momenten mit Zuversicht zu begegnen. Hoffnung kann viele Ausdrucksformen haben – auch künstlerische! Die Ausstellung ist noch bis 10. November 2026 in der Stadtvilla Eisenstadt zu sehen.











