Hans Nevídal untersuchte Dinge, die andere kaum eines Blickes würdigten, und legte in ihnen die Widersprüche unserer Gesellschaft frei. Was nach seinem Tod bleibt, sind seine Arbeiten. Bis 31. Oktober 2026 ist in der Galerie Jünger/Wien eine Retrospektive unter dem Titel »Ego ist Nevídal« zu sehen. Das klingt nach narzisstischer Selbstbehauptung, ist aber eine Einladung zur Selbstuntersuchung. Denn der Künstler machte sich selbst zum Gegenstand seiner Arbeit, ohne dabei die Welt aus dem Blick zu verlieren. Im Gegenteil: Gerade in den unscheinbaren Dingen, den scheinbar nebensächlichen Handlungen und den technischen Apparaturen fand er die gesellschaftlichen Verhältnisse eingeschrieben.
Ein zentraler Schwerpunkt von Nevídals Arbeit lag auf den blinden Flecken unserer Wahrnehmung. Dabei beschäftigte er sich sowohl mit Aspekten der Wirklichkeit, die wir bewusst oder unbewusst ausblenden, als auch mit jenen Selbstverständlichkeiten, die uns aufgrund ihrer Offensichtlichkeit kaum noch auffallen und deshalb selten hinterfragt werden.
Nevídal war Experimentalgrafiker, Konzeptkünstler, Fotograf, Filmemacher, Architekt, Verleger (minimal-Verlag) und Kurator. Keine dieser Bezeichnungen reicht aus, um sein Werk zu fassen. Er interessierte sich für die Infrastruktur der Bilder: Papier, Raster, Schrift, Druck, Kamera, Scanner, Projektor, Film und Archiv. Für das, was Bilder hervorbringt, verbreitet und bewahrt – aber auch für das, was die Bilder selbst ausblenden, als »Dahinterschauer« wurde er einmal bezeichnet. Seine Arbeiten bewegten sich zwischen Kunst und Gebrauch, Körper und Maschine, Dokumentation und Fiktion, Obsession und Witz.

Löschen statt verbrennen
Vielleicht lässt sich Hans Nevídals künstlerische Haltung am präzisesten an einer seiner Arbeiten ablesen, die weit über ihren ursprünglichen Anlass hinausweist: den Projektionen zum 10. Mai. Am 10. Mai 2000 projizierte er erstmals Brandschutzfilme an die Fassade der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main – der heutigen Deutschen Nationalbibliothek. 2001 folgte eine Aktion am Bücherturm in Leipzig. Von da an sollten die Projektionen jährlich stattfinden, alternierend an beiden Orten, jeweils um 22:00 Uhr – zu jener Tageszeit, in der 1933 die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen ihren propagandistischen Höhepunkt erreichten. So erinnerte Nevídal jedes Jahr an den 10. Mai 1933. Die Verbrennung am Berliner Opernplatz wurde zum Symbol dieser systematischen Auslöschung unliebsamer Literatur.
2007 stellte Nevídal das Projekt erstmals mit dem Vortrag »Similia similibus curare« – Gleiches mit Gleichem heilen, das fundamentale Prinzip der Homöopathie – im Frankfurter Kunstverein zur Diskussion. Dabei berief er sich auf Paracelsus, der 1527 in Basel den »Canon medicine« ins Johannisfeuer warf. Später firmierte die Aktion unter dem Titel »Boko halal«, mit dem Nevídal sie u. a. 2015 als Performance bei »Destination Wien« in der Kunsthalle Wien präsentierte. Die projizierten Brandschutzfilme stammten aus aller Welt – von der Frankfurter Hauptfeuerwache bis Lagos. Gemeinsam mit historischen Aufnahmen der zentralen Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz erinnern sie immer wieder an das konkrete historische Ereignis und an die Bedeutung des Eintretens für Meinungsfreiheit. Die Projektionen waren bis 2033 geplant; die Aktion wird nun von Eva Ursprung gemeinsam mit den lokalen Partnerinnen Annette Gloser (Frankfurt) und Britt Schehahn (Leipzig) fortgeführt.

Relikte aus dem Alltag
Wie weit Nevídals Begriff von Kunst reichte, zeigen seine Kauplastiken, die in Zusammenarbeit mit Andreas Pawlik entstanden. Seit 1957, wie es in den Werktexten lapidar heißt – der Künstler war damals gerade ein Jahr alt –, kaute Nevídal zur Stressbewältigung auf Plastikteilen herum, darunter Kugelschreiber und Flaschenverschlüsse. Was als nervöse Gewohnheit begann, wurde zur systematischen Untersuchung des eigenen Körpers und seiner materiellen Hinterlassenschaften. Pawlik erkannte das künstlerische Potenzial dieser Tätigkeit; eine umfangreiche fotografische und technische Dokumentation folgte, samt Makrofotografie und 3D-Röntgen-Scan. Die zerbissenen Plastikteile erscheinen als »Leitfossilien« unserer Zeit: Relikte einer Konsumgesellschaft, die ihre Produkte massenhaft hervorbringt und ihre Überreste möglichst rasch aus dem Blickfeld verschwinden lässt. Die Kauplastiken sind typisch für Nevídals Blick: Er fand das Material seiner Kunst nicht jenseits des Alltags, sondern mitten in ihm.
Auch seine Typografie folgt diesem Prinzip. Aus einem Fund im Internet entwickelte Nevídal den Font »Hans«, den er um Glyphen in quadratisch-kufischem Stil ergänzte – einer geometrischen Form arabischer Kalligrafie. Er verwendete sie für die meisten seiner Plakate, Ephemera und Drucksachen. Auch skug hatte Hans Nevídal einige seiner Print-Experimente zu verdanken, darunter zwei Negativ-Titelblätter für skug #43 und #44 und für skug #66 sogar ein Alu-Cover. Mit seinen Eingriffen während des Druckvorganges von skug #43 (großartiges Cover mit Dieb13, obwohl es wegen Finanznot auf demselben dünnen Papier wie der Innenteil gedruckt wurde), interpretierte Nevídal die künstlerische Überhöhung von Notenbalken derart frei, dass der Text über Olga Neuwirth darauf teilweise nicht dechiffrierbar war. Um die Lesbarkeit der skug-Folgeausgaben zu gewährleisten, sah sich der enge Kern der Redaktion genötigt, beim Andruck in der remaprint höchstpersönlich den Aufpasser zu spielen.
Seine Auseinandersetzung mit sogenannten Hazmats – international verwendeten Gefahrensymbolen für gefährliche Stoffe und Materialien, denen er 2009 eine eigene Ausstellung in der Frankfurter Galerie Wildwechsel widmete – führte seine Überlegungen fort. Neonfarbene Warnsymbole, experimentelle Schriftbilder und irritierende Kombinationen verwandelten seine Drucksorten in visuelle Signale, die sich der schnellen Aufnahme widersetzten. »Achtung, brennbar« schien auf diesen Seiten nicht nur für Materialien zu gelten, sondern auch für Gedanken, Ideologien und gesellschaftliche Verhältnisse. Nevídal beschrieb seine Drucksorten einmal als »bunte Schmetterlinge, so wie ich«.

Kuratieren als Kunst
Nevídal verstand Kuratieren nicht als Nebenbeschäftigung, sondern als künstlerische Praxis. Er kuratierte Ausstellungen und Symposien, organisierte Online-Aktionen, lud andere Künstler*innen ein. Zu den markantesten Projekten zählen »Der Schrein des Buches« (1992/93, Steirischer Herbst, Alte Galerie Graz und Jüdisches Museum Wien) und »Osun Groove« zum 100. Geburtstag von Susanne Wenger in Graz (2015). Und seit Jahren plante er eine Ausstellung mit dem Titel »Egoism«, um, wie er sagte, den letzten verbliebenen Kunststil der Gegenwart vorzustellen. Die Retrospektive in der Galerie Jünger ist diesem Themenkomplex vielleicht näher, als ihr Titel ahnen lässt.
Dass Nevídal seine Kunst nie auf den abgeschlossenen Ausstellungsraum beschränkte, zeigten seine zahlreichen Projekte im öffentlichen Raum. Ein markantes Beispiel war das Projekt »Real Energy World«, das Nevídal 2009 gemeinsam mit Eva Ursprung im Rahmen des Steirischen Herbstes im Forum Stadtpark Graz realisierte; dazu erschien auch das Buch »Last Rites Niger Delta«. Die Ausstellung thematisierte die ökologische Katastrophe der Erdölförderung im Nigerdelta und wurde auf Plakatflächen, Citylights und einer Medienwand am Jakominiplatz in den Stadtraum erweitert. Fotografien internationaler Pressefotograf*innen machten die Folgen der Ölförderung sichtbar und konfrontierten die alltägliche Konsumwelt mit den weitgehend ausgelagerten Kosten ihrer Energieversorgung. Ein weiteres zentrales Projekt war später die Ausstellung »Public Nevídal« im Kunstverein Baden.

Was bleibt
Hans Nevídal bewegte sich zwischen Institutionen und Gegenöffentlichkeit, zwischen präziser Gestaltung und absichtsvoller Irritation. Seine Kunst war selten laut im herkömmlichen Sinn. Sie arbeitete mit Verschiebungen, Wiederholungen und unerwarteten Nachbarschaften – und vertraute darauf, dass der zweite Blick mehr freilegen würde als der erste.
Nach seinem Tod im Juni 2026 bleiben die Drucke, Filme, Bücher, Fotografien, Schriften, Kauplastiken, architektonischen Experimente und Projektionen. Es bleibt eine Arbeitsweise, die das Selbstverständliche infrage stellte und dem Übersehenen Aufmerksamkeit schenkte. Und es bleibt die politische Beharrlichkeit, mit der dieser Künstler die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis immer wieder neu stellte.
Die Retrospektive »Ego ist Nevídal« in der Galerie Jünger in Wien bietet Gelegenheit, dieses Werk in seiner Vielschichtigkeit neu zu betrachten. Sie würdigt einen Künstler, dessen Arbeiten sich zwischen Konzeptkunst, Grafik, Architektur und Medienkunst bewegen, ohne sich in einer dieser Kategorien einzurichten. Die Finissage findet am 6. November 2026 ab 18:30 Uhr mit einer Soundperformance von Eva Ursprung statt.












