Nichtseattle © Sascha Schlegel
Nichtseattle © Sascha Schlegel

Das Herz ist kein gut organisiertes Organ

Was für eine Zumutung, die Liebe. Und dann auch noch die große. Katharina Kollmann, die zu den interessantesten Songwriterinnen im deutschsprachigen Raum zählt, nimmt sich mit ihrem Projekt Nichtseattle auf dem neuen Album »Große Liebe« eines Gegenstands an, der eigentlich längst übererzählt ist.

Wer Katharina Kollmann alias Nichtseattle bislang für eine melancholisch-scharfsinnige Buchhalterin der (ost-)deutschen Seelenlandschaft hielt, sieht sich beim vierten Album mit einer kleinen Tour de Force konfrontiert. Nach sprödem Indie-Realismus und treffsicheren Alltagsdiagnosen auf »Wendekid« (2019), »Kommunistenlibido« (2022) und »Haus« (2024) wagt sie sich nun an das wohl meiststrapazierte Sujet der Popkultur: »Große Liebe« – zum Glück zumindest ohne Artikel, das ist immerhin etwas. Hollywood hat es mit klebrigen Happy Ends versiegelt, die Schlagerindustrie mit Synthesizer-Geigen unterfüttert, die Selbstoptimierungsbranche zur persönlichen Entwicklungsaufgabe erklärt. Die Liebe soll uns gefälligst vervollständigen, erlösen, glücklich machen. Möglichst für immer, möglichst mit dem richtigen Menschen, möglichst ohne peinliche Zwischenstadien. Katharina Kollmann und ihre inzwischen zu einem Quintett herangewachsene Band nehmen diesen übererzählten Gegenstand, der uns von der Kulturindustrie breitgewalzt als Dauerfutter verabreicht wird, und reiben ihn an der rauen Wirklichkeit wund, bis der Kitsch-Lack abblättert. Keine rosaroten Zuckerwattewolken, dafür jede Menge unfrisierter Alltag, entlarvender Humor, Gemeinheiten des Herzens und das weite Feld der Zwischenstadien.

Dabei ist Katharina Kollmann aber viel zu klug, um sich mit der bloßen Demontage romantischer Klischees zufriedenzugeben. Sie lässt die großen Liebesversprechen einfach gegen die Wirklichkeit laufen. Was passiert, wenn einem die Menschen im Allgemeinen auf die Nerven gehen, eine bestimmte Person aber partout nicht? Wenn man seine Ruhe haben will und gleichzeitig darauf wartet, dass sich jemand meldet? Das Herz ist kein besonders gut organisiertes Organ. Kollmann weiß das. Und sie hat den Humor, daraus keine Tragödie zu machen, sondern dem Gefühlschaos eine Stimme zu geben. Sie wolle die große Liebe »vom heterosexuellen Couple-Ding lösen und ein bisschen weiter fassen«, sagt sie im Gespräch mit dem »Musikexpress«. Das ist mehr als eine Erweiterung des romantischen Inventars. Es ist eine Absage an die Vorstellung, ausgerechnet die Zweierbeziehung müsse das Maß aller Verbundenheit sein. Liebe findet auch in Freundschaften statt, in unerwarteter Solidarität, in Beziehungen, die sich nicht eindeutig kategorisieren lassen. Und manchmal eben in der ziemlich absurden Hoffnung, dass sich jemand meldet.

Bezugspunkte, keine Schablonen

»Dallas«, der Auftakt, spannt gleich zu Beginn einen Bogen zwischen zwei medialen Mythen und zwei Gesellschaftsmodellen. »Wär’ ich eine aus ›Dallas‹ oder nur ein westdeutscher Mann, würde ich schwören, dass man alles, was man will, schaffen kann.« So viel Ideologiegeschichte in einem Reimpaar – und danach, als wäre nichts gewesen, der großzügigste Satz des Albums: »Na ja, wenn du dich mal meldest, werde ich mich freuen.« Die Erwartungen bloß nicht zu hoch hängen. Vielleicht ist ja bei J. R. Ewing tatsächlich alles leichter. Oder zumindest nicht so kompliziert. Und so banal nebenbei kommen Sätze wie: »Typen nerven, du aber nicht. Ich denk’ den ganzen verdammten Tag an dich.« Das emanzipierte Selbstbild schützt einen eben nicht davor, sich heillos zu verknallen, es sorgt bestenfalls dafür, dass man bei vollem Bewusstsein zumindest registriert, was für ein Unsinn da gerade passiert. Selbsterkenntnis ist schließlich kein Gegenmittel gegen Sehnsucht. 

Dazu geben Sönke Torpus, Juliane Graf, Sebastian Albin und Gregor Leser den Songs Körper, Bewegung und eine überraschende Dringlichkeit. Wenn in »Wildeste Nacht« nach halb gesummten Versen die Gitarren aufreißen, schimmert jene dezente Grunge-Dynamik durch, die man aus dem Alternative Rock der Neunziger liebt: leise, lauter, leise. Nichtseattle bedienen sich dieser Dynamik allerdings so selbstverständlich, als hätten sie sie selbst erfunden. Und nebenbei verweigern sie sich schon in der Namensgebung der Grunge-Szene. Dafür stecken Tocotronic im Namen (»Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk«), die Hamburger Schule ist nicht nur bei »Schnee« durchzuhören, und dass Wir sind Helden und Judith Holofernes einen großen Einfluss auf deutschen Pop haben, ist auch klar. Doch die Referenzen bleiben Bezugspunkt, keine Schablonen. Und dazwischen entsteht etwas, das im deutschen Pop selten geworden ist: kluge und unaufgeregte Liedermacher*innenkunst. Denn für mackerhafte Indie-Poser ist Katharina Kollmann viel zu souverän, für seichte Befindlichkeitsgitarrenmusik viel zu scharfkantig. Deutscher Indie also, der klüger ist als sein Ruf und wärmer als seine Referenzen.

Männerbrust, Zerstörungslust

Dass dieses Album auch weit über private Beziehungsdramen hinausgeht, zeigt sich in den tief eingewebten Herkunftsschichten. In Tracks wie »River Cola« führt uns Kollmann zurück in ein ostdeutsches Aufwachsen in der Nachwendezeit zwischen Aldi-Eigenmarken, Balaton-Urlauben, »Billigwein und Dosenbier«, patriarchalischen Normen und dem mühsamen Aushandeln der eigenen Emanzipation, »von der Jugendweihe bis zur Brockhaus-Reihe«. Herkunft wird dabei aber nicht pittoresk und aufpoliert verklärt, sondern bleibt als soziale Erfahrung spürbar, die sich einbrennt – in Sprache, Erwartungen und Beziehungsmuster. Gegenüber dem »Musikexpress« bemerkte Kollmann im Gespräch zum Album: »Lange Zeit gab es überhaupt keine Osterzählungen. Unsere Elterngeneration wollte sich damit nicht beschäftigen.« Nichtseattle füllt diese Erzähl-Leere nicht mit Parolen, sondern mit Konkretem: mit Erinnerungen, Konsumartikeln, Familiengeschichten. Das Private wird zum Archiv gesellschaftlicher Verhältnisse, ohne dass die Songs zu soziologischen Lehrstücken zerrinnen. Grandios auch diese gewitzten Reime, in denen die »blanke Männerbrust« auf »Zerstörungslust« trifft. 

»Meine Ladies« ist für mich die Hymne des Jahres an weibliche Freundschaft und Solidarität. »Ich glaub an uns« – vier Worte als Refrain, in denen mehr politische Utopie steckt als in manchem feministischen Manifest. Weil sie den Blick weglenken vom vereinzelten Ich, hin zu einer Möglichkeit, die wir viel zu selten ernst nehmen: dass Frauen (und natürlich auch alle weiblich Gelesenen) einander nicht Konkurrenz, Korrektiv oder Projektionsfläche sein müssen, sondern Verbündete. »Das Beste, was es hier gibt, sind diese wunderbaren Frauen« – was für eine Unbedingtheit dieses Satzes, was für eine beinahe trotzige Zärtlichkeit in einer Welt, die Frauen so zuverlässig beibringt, sich selbst und einander in Frage zu stellen. Hier wird Solidarität nicht als abstrakter Wert beschworen, sondern als etwas, das sich im konkreten Leben bewähren muss: im Glauben aneinander, im gegenseitigen Ernstnehmen. Das ist in dieser Tonlage kein Selbstzweck. In einer Zeit, in der sich autoritäre Männlichkeit wieder als Lebensgefühl verkauft, ist gegenseitiges Ernstnehmen keine romantische Geste, sondern ein politisches Verhältnis; das ist auf Dauer die beharrlichere Form von Widerstand. Und Katharina Kollmann und ihre Band sind optimistisch: »Ich glaub dran, dass die Tektonik sich noch verschiebt.« Ein schönes Bild. Was heute festgefügt scheint, muss nicht für immer so bleiben. 

Die stillen Flure des Schmerzes

So viel Witz, Selbstironie und utopische Energie das Album auch entfaltet, es verschont seine Hörer*innen nicht vor jenen Erfahrungen, die schmerzen. In »Station 8« verdichten sich Krankheit, Verletzlichkeit und die beklemmende Atmosphäre zu »Helle Aprikosenwände, hier spricht der Körper Bände, rundherum nur Wände«. Das klingt beinahe freundlich, aber die Farbe dieser Wände macht die Situation nicht leichter, denn »16 oder 85 werde ich, 40 werde ich nicht«. »Fremde«, der fulminante Abschlusstrack des Albums, schlägt einen ganz anderen Ton an: Mit Spoken Word und Klavier, mit der irritierenden Vorstellung eines Ortes mit »5 mm Gras« tastet sich der Song durch die Geschichte von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. »Fremd war denen ja schon die fremde DNA«. Und wenn »aus Freunden über die Jahre Bekannte und aus Bekannten Feinde werden«, erzählt das auch davon, wie schnell Vertrautheit brüchig wird, wenn sich die Koordinaten des Zusammenlebens verschieben. Daran ändern auch diese »elendigen Ringe aus Gold« nichts, denn »mit denen verleibt man sich nur die großartigsten Tyrannen ein«. Ein Album von spröder, scharfsinniger Schönheit, das den Kitsch nicht einfach durch Zynismus ersetzt und sich die Hoffnung dennoch nicht abgewöhnt. Auf die große Liebe, also. Ganz ohne rosarote Brille. Und auf das vielleicht intelligenteste deutsche Album des Jahres. 


Nichtseattle spielen am 10. November 2026 ein Konzert im Wiener Club Lucia.

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Text
Petra Kislinger

Veröffentlichung
30.10.2026

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