Glaubt man einem von Österreichs bekanntesten Kulturkritiker*innen, Ronald Pohl, erleben wir gerade einen Epochenumbruch: »Das Zeitalter der Ironie, des fliegenden Wechsels aller Charaktermasken, ist beendet. Mit ihm geht auch die Postmoderne flöten.« Hintergrund seiner Diagnose ist die Debatte um ein – auch auf skug klug kommentiertes – Kurzvideo der Sängerin Rahel, in der jene dem Liedermacher Ludwig Hirsch Verherrlichung von Pädophilie vorwarf. Pohl deutet Rahels Video als Symptom des Verlustes »einer Kulturtechnik«, der Ironie, als Mittel der Herrschaftskritik. War Ironie in der »Postmoderne« das Lieblingsspielzeug radikaler Künstler*innen, sei sie nun unbrauchbar geworden – und sei es nur, weil der Pöbel sie nicht mehr versteht.
Diese Diagnose ist so scharfsinnig wie falsch, denn Ironie ist als Kulturtechnik quicklebendig. Rahels eigene Texte sind teilweise in einem ironischen Modus geschrieben – wie in einem MICA-Interview von Ania Gleich aus dem Jahr 2024 sichtbar wird. Doch ist Pohls Einschätzung scharfsinnig, weil sie auf eine allgemeinere Tendenz aufmerksam macht: Ironie ist heute in erster Linie ein Mittel, um Herrschaftsstrukturen zu festigen. Eine Studie des King’s College und der University of Exeter hat 2023 herausgearbeitet, dass Ironie ein entscheidendes Mittel für die Verbreitung »toxischer« Ideen online und »untrennbar mit dem Aufstieg der Neuen Rechten verbunden ist«. Man denke an rechte Meme-Fabriken, russische Trolle und offizielle Communiqués des Weißen Hauses. Ironie scheint die Seiten gewechselt zu haben.
Ironischerweise fehlt uns eine Definition der Ironie
Beide Zeitdiagnosen sind möglicherweise zu einfach. Denn die Frage, was Ironie ist, ist seit der Antike Gegenstand einer Endlosdebatte. Wir glauben, Ironie erkennen zu können, aber kommen in Verlegenheit, wenn wir eine Definition geben müssen. Hier ein kurzer Problemaufriss: Die bekannteste Bestimmung der Ironie stammt vom römischen Rhetoriklehrer Quintilian. Ironie besteht ihm zufolge darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint. Wer bei 39 °C im Schatten behauptet: »Angenehm kühl heute!«, verwendet Ironie. Das Problem ist nur, dass diese Definition teilweise auf zwei andere Stilfiguren zutrifft, die sich mit der Ironie überschneiden, aber nicht ident mit ihr sind: die Antiphrase (z. B. »eine schöne Bescherung«) oder den Sarkasmus (z. B. »Toll gemacht!« bei einem Fehler). Es gibt aber auch nicht-ironische Antiphrasen (z. B. »Untiefe«) und nicht-ironischen Sarkasmus (z. B. »Deine Geheimnisse sind bei mir sicher. Ich höre dir nämlich nicht zu.«). Ebenso haben wir Formen der Ironie, die sich nicht auf Aussagen reduzieren lassen. Wir sprechen von dramatischer Ironie, wenn Romeo im Glauben, Julia sei gestorben, Gift nimmt – aber wir als Publikum wissen, dass sie nur schläft. Genauso gibt es die sokratische Ironie (das pädagogische Vortäuschen von Unwissen) oder die romantische Ironie (ein Schreiben, das seine Limitation als Schreiben reflektiert). Alles gemerkt? Egal. Es geht um Folgendes: Ironie ist nicht eine Kulturtechnik, sondern mehrere.
Möglicherweise wäre es deshalb produktiver, nicht zu fragen, was Ironie ist, sondern wie sie funktioniert. Man wird dann schnell feststellen, dass Ironie stets einen geteilten Horizont voraussetzt. Der Satz »Kühles Wetter heute!« ist nur dann als ironisch erkennbar, wenn alle Beteiligten wissen, dass sie auf dem Gehsteig Eier braten könnten. Um Ironie in Liedtexten zu erkennen, brauche ich Vorwissen. Ich benötige entweder eine Vorstellung davon, wer singt (Grölt ein anarchistischer Punk die Zeile »Deutschland über alles!« – oder ein Neonazi?) oder von dem Kontext, aus dem sie kommt (Konnte jemand in den 1970ern ernsthaft von Sex mit Kindern singen? Von häuslicher Gewalt? Von einer Wirtshausschlägerei?). Das ist ein epistemisches Problem: Um zu erkennen, dass jemand nicht meint, was er*sie sagt, brauche ich ein Gefühl dafür, was er*sie nicht meinen kann.
Ironie und »Kulturkampf«
Ironie macht also Voraussetzungen. Hier liegt ihre (Meta-)Politik. Wer Ironie erkennt, erlebt sich in einem gemeinsamen Horizont mit anderen (»Weil uns der Schweiß herabrinnt, verstehen wir die Behauptung, es sei winterlich.«). Die »Kulturtechniken« der Ironie bestehen weniger darin, feststehende Bedeutungen zu entziffern. Sie bestehen darin, sich als Teil eines Wirs zu erleben. In den Worten eines Autors der oben zitierten Studie: »Indem Ironie mit der Inkongruenz von Text und Subtext oder zwischen verschiedenen Sichtpunkten spielt, ermöglicht sie neue Bedeutungen und stiftet Sinn in einer nervenaufreibenden, von Widersprüchen geprägten Welt. Ironie kann starke Gefühle hervorrufen, von Gelächter über Desorientierung bis hin zu jener Kameraderie, die entsteht, wenn man eingeweiht (in on a joke) ist.« Deshalb kann sie auch so effektiv von Rechten eingesetzt werden. Wer ironisch zu einem Politikum Stellung nimmt, muss keine kohärente Position anbieten, um zu mobilisieren. Ganz im Gegenteil, er*sie kann bewusst etwas völlig Inkohärentes präsentieren; etwa, wenn der konfessionslose Donald Trump ein Bild von sich als Oberhaupt der katholischen Kirche postet. Ironie ist als Propaganda erfolgreich, weil sie Affekte reguliert (das Gefühl, der Papst überschreite seine Befugnisse) und Gemeinschaft erlebbar macht (die Gemeinschaft derer, für die Papa Trump eintritt).
Der Witz der Ironie besteht umgekehrt darin, dass sie nie von allen als Ironie erlebt werden kann. Trump als Papst funktioniert nur im Wissen, dass sich andere davon provoziert fühlen werden. Ironie muss so beschaffen sein, dass es eine Out-Group gibt. Das ist bei »linker« Ironie nicht anders. Vor diesem Hintergrund ein Reminder zur Causa Rahel: Die 1970er-Jahre waren, wie Rebecca Solnit in einem exzellenten Kommentar zur Epstein-Affäre argumentiert, eine Zeit der Normalisierung von Pädophilie. Als Roman Polanski eine 13-Jährige vergewaltigte, hieß es im Polizeireport, das Opfer sei »nicht nur physisch reif, sondern auch willig« gewesen. Jodie Foster war 12, als sie in »Taxi Driver« eine Prostituierte spielte, Brooke Shields in »Pretty Baby« bloß 11. Iggy Pop hatte eine Affäre, über die er 1996 noch singen konnte: »I slept with Sable when she was 13.« Abbildung, Kritik und Normalisierung von Pädophilie waren in jener Unzeit nie klar getrennt (und sind es heute oft auch nicht). Ist es also verwunderlich, wenn Millennials und Gen Z eine ironische Pädophilie-Darstellung von 1978 nicht sofort als solche erkennen?
Die Abgesänge auf Kulturtechniken und avancierte Debatten sind übertrieben: Grundfalsche Polemik war stets Teil eines lebendigen Kulturdiskurses. Was in Zeiten des Neo-Autoritarismus jedoch bitter nötig ist, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Mitteln von Gesellschaftskritik. Es ist nämlich gar nicht so klar, ob das Verhältnis von Ironie und Emanzipation harmonisch ist. Egalitäre Politik richtet sich stets an alle – Ironie nie.
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