Gunther von Hagens war etwas, das Kung-Tse einen »moralischen Idioten« nannte. Das sind Menschen, die nicht anders können, als nicht zu verstehen, wenn es um Fragen der Mitmenschlichkeit geht. Der Konfuzianismus empfiehlt, solche Typen möglichst frühzeitig zu erkennen und zu isolieren. Sagen wir mal, das hat bei von Hagens nicht ganz geklappt. Gunther von Hagens’ Freakshow »Körperwelten«, eine Wanderschau von in Plastik gegossenen Leichen, wurde zeitweilig zur biggest show on earth. Wie sollte der aus der DDR geflüchtete Heidelberger Mediziner, der sich den aristokratisch anmutenden Künstlernamen Gunther von Hagens (Man denke an das »Nibelungenlied«, bitte!) gab und die Verkleidung von Joseph Beuys übernahm, verstehen, dass das, was er tat und Millionen Menschen in aller Welt sehen wollten, nichts mit Kunst zu tun hatte?
Seine Grundidee war grob, aber das sind viele »gute« Erfindungen: Warum anatomische Anschauungsstücke in Plastilin gießen, das aufwendig geschliffen werden muss und sich bald eintrübt, statt das Plastik vorsichtig in das Präparat gießen? Schließlich war dies doch zu Lebzeiten auch von Säften durchflossen. Nach jahrelangem Gefummel gelang ihm das und er konnte echte Muskeln, Haut und Knochen zu abwaschbaren Plastikschaustücken machen. Menschen, die ihre Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft gewidmet hatten, wurden so zu Geisterbahnmobiliar. Eine der Pointen, die von Hagens nie kapiert hatte, lag darin, dass er die Leichenshow als »Reiz des Echten« labelte, obwohl man dort Plastikpuppen zu sehen bekam, also das, was allgemein am weitesten von »echt« entfernt ist. Und ganz offenkundig sehen ja Menschen zu Lebzeiten nie so aus, dass ihnen die halbe Schädelplatte wie der Hut vom Kopf fliegt und sich ihre Fingerarterien wie ein riesiges Spinnennetz über die Knochen spannen.
Die Leute lieben es
Seine erste Show lieferte Gunther von Hagens 1995 in Mannheim. Die Ausstellung musste wegen des großen Andrangs rund um die Uhr geöffnet bleiben. Unvergesslich die Heerscharen von Besucher*innen, die sich vor der Halle schlängelten und im Wechselgesang »eisgekühlter Bommerlunder, Bommerlunder eisgekühlt« sangen. »Mama, wir gehen Leichen schauen!«, war der Dernier Cri der Endverbraucher*innen im gerade erst wiedervereinigten Deutschland. Und das war auf seltsame Weise passend. In jenen Jahren riss die Kulturindustrie mit Vergnügen Grenzen ein. Man sperrte sozial verwahrloste Menschen in Container und ließ sie rund um die Uhr von Kameras beobachten. Die Show wurde ironisch »Big Brother« genannt, nach dem Vorbild George Orwells, der irgendwas Kritisches damit sagen wollte. So weit hatte man den kulturellen Background noch im Blick, dass man ihn bewusst vernachlässigen konnte. Wer in jenen Jahren in das Sendestudio von RTL in Köln Hürth ging, also an jenen Ort, an dem die Daily Soaps und frühen Reality-Formate entwickelt und umgesetzt wurden, durfte groß an der Wand den Schriftzug »Jeder Mensch ist ein Künstler – Joseph Beuys« lesen. War das Ironie oder ehrlich gemeinte Aufmunterung? Gunther von Hagens zumindest empfand den Wahlspruch Beuys’ als Aufruf, einfach mal loszulegen.
Dem Anatomen wurde bald bewusst, dass die Leichen in Plastik sehr gut bei den Leuten ankamen. Und wie jeder Kunstmurkser war er lediglich von technischen Unwägbarkeiten begrenzt. Warum nicht Leichen beim Schachspielen zeigen, während ihnen gerade der Schädel explodiert? Warum nicht beim Sprung zum Basketballkorb? Warum nicht beim Sex? Alles eingefroren für die »Ewigkeit« oder bis sich wer erbarmt, die Toten zu verbrennen und die Asche beizusetzen. Bald ergänzte Gunther von Hagens seine »Körperwelten« auch mit präparierten Tieren. Bei denen war, ebenso wie bei den ausgestellten Föten, übrigens das Argument hinfällig, die Ausgestellten hätten sich ja freiwillig für die Show gemeldet. Es gab auch den Verdacht, dass von Hagens der ungeheuren Menge an Leichnamen nur habhaft werden konnte, indem er erschossene Häftlinge aus Unrechtsregimen integrierte. Aber macht das, sollte es wahr sein, noch einen großen Unterschied? Schließlich hatte von Hagens sicherlich mit keinem der Verblichenen besprochen, wie er ihn oder sie auszustellen gedachte.
Der Reiz des vermeintlich »Echten«
Die Öffentlichkeit in Gestalt des Feuilletons jener Zeit versuchte noch, sich zu wehren. Von Hagens wurde angegriffen, ebenso wie das Trash-TV. Kirche, Lehre und teilweise Politik versuchten, die verbliebenen Glaubensmächte (?) zu beschwören oder einfach den »Anstand«. Grundtenor: »Das könnt ihr doch nicht machen!« Aber was nützt das, wenn die Antwort lautet: »Doch, können wir!« Die Authentizität, die bei von Hagens die Leichen bieten sollten, lieferten im TV die sozial Verwahrlosten. Dies entfaltete eine Wucht, die sich kulturindustriell nicht mehr einfangen ließ. Wer die Wahl hatte zwischen einem zerquälten »Kleinen Fernsehspiel« über irgendwelche mit dem Blick der Kamera sozial erforschten Konfliktfelder, die ehrgeizige Jungschauspieler*innen nach Kräften glaubwürdig zu machen versuchten, oder dem knalligen Diskussionsformat »Meine Schwester, die Schlampe, bumst meinen Verlobten« samt Kratzspuren im Gesicht einer der Protagonistinnen, wählte zuverlässig das »echte« Drama. Es war üblich geworden, Menschen vorzuführen bis zum Letzten. Wie passend in diesem Umfeld die Plastikleichen waren, lässt sich kaum überbewerten.
Auch die Hochkunst wusste keinen Ausweg. Zur gleichen Zeit wie Gunther von Hagens firmierten Ende der 1990er-Jahre die Young British Artists, die von der Saatchi Gallery promotet wurden. Bezeichnenderweise kam das Geld für diese Kunstwelle selbst wiederum aus Fernsehen und Werbung. Die mit Trash reich gewordenen Hintermänner wollten ihre Beute gut angelegt und wertgesteigert sehen. Dazu eignete sich junge Kunst vorzüglich. Die Kunst dieser Zeit hatte vornehmlich einen Dreh drauf: provozieren. Man schob sich die Endoskop-Kamera in den Hintern, fotografierte sich mit den eigenen, drogenabhängigen Eltern, die auf einem Müllhaldensofa saßen, schrieb die Namen aller Menschen auf, mit denen man Sex hatte, stellte Verbrechen des Nationalsozialismus mit kleinen Spielzeugpüppchen nach oder ließ Tiere in Plastilin gießen, wie es der Vorzeigekünstler Damien Hirst in jenen Jahren tat. Ein »echter« Hai, ein Schaf, eine zerteilte Kuh, standen – logischerweise – in Lebensgröße im Galerieraum und machten eigentümlich betroffen.
Ist das also das Leben? Besser gesagt: das, was wir davon noch begreifen können? In Plastik eingefroren und schutzlos unseren Blicken ausgesetzt? Hirst und von Hagens waren sich hier, nicht nur wegen der Wahl ihrer Materialien, kurios ähnlich. Sie waren »Wegbereiter« für das, was später kommen sollte. Aber was heute durch soziale Medien und das Internet zum Hausgebrauch verkommen ist, war rund um die Jahrtausendwende scheinbar frisch und neu: die rückhaltlose Offenbarung des eigenen Daseins, das Ausplaudern jedweden Gefühls und das geradezu manische Bedürfnis, alles mitzuteilen. War da nicht der logische Endpunkt, nach Ende des Lebens eine Plastikwitzfigur zu werden? Eine, der die offengelegten Hoden im Wind wehen und der das Publikum tief in den Enddarm starren kann? Wir haben wirklich nichts mehr zu verbergen. Diese Offenbarungslust meinte das Körperliche und Seelische zugleich.
Frankenstein oder Frankensteins Monster?
2002 lud Gunther von Hagens in London zur ersten öffentlichen Obduktion seit 170 Jahren ein. Er war überzeugt, lediglich aufzuklären. Die anatomischen Präparate würden doch den Menschen selbst zeigen und das Wunderwerk des Körpers zugänglich machen. Nur interessierte sich das Publikum nicht dafür, wo genau die Muskelstränge am Unterkiefer ansetzen, sondern begaffte eine Leiche, die mit offenem Mund ins Leere zu starren verdammt war. Das Publikum beim Live-Sezieren beklatschte von Hagens’ Zerteilen eines menschlichen Leichnams. Fragen der Pietät wurden ihm zwar noch von kritischen Stimmen im Publikum zugerufen. Sie gingen aber in seinen launigen Antworten unter, die von seinen Anhänger*innen bejubelt wurden.
Das gruselig Faszinierende an Gunther von Hagens war, dass er mehr Frankensteins Monster als Frankenstein war. Er wusste im Grunde seines Herzbeutels wirklich nicht, was das Problem dabei sein sollte, einen Toten öffentlich wie Sushi zu zerschnippeln. Zumal die Freakshow den Leuten doch offenkundig gefiel und sie am Ende sogar was lernten. Fakten vom Kaliber: Hat man die inneren Organe erst herausgeschält, ist der verbliebene, leere Brustkorb überraschend leicht. Wer hätte das gedacht? Außerdem war Gunther von Hagens sich in all den Jahren einer Sache sicher geworden: Beim Zerschneiden unzähliger Leichname hatte er nirgendwo die Spur einer Seele gefunden …
Jetzt, nach seinem eigenen Tod, werden seine Assistent*innen seinen letzten Wunsch ausführen und ihn selbst zu einem weiteren Ausstellungsstück seiner Show »Körperwelten« machen.











