In Würde altern? Die beste Rock’n’Roll-Band der Welt hat seit fast fünf Jahrzehnten kaum ein Album veröffentlicht, das an ihre großen Werke heranreicht. (Gut, »Some Girls« von 1978 war eine Ausnahme.) Wären die Rolling Stones nicht bereits in den Sechzigern gemeinsam mit den Beatles zum Monument britischer Popkultur – zugleich Revolution und Institution – erklärt worden, hätten sie heute wohl längst keinen Plattenvertrag bei einem Majorlabel mehr. Nun geschah etwas gänzlich Unerwartetes: Vor einigen Wochen tauchte auf Instagram ein Reel mit dem Intro des Openers »Rough and Twisted« auf. Nach wenigen Sekunden war klar: Dieses ist eines der mitreißendsten Rock’n’Roll-Intros der letzten Jahrzehnte. Ein archaischer Bluesrock-Beat zwischen Stomp und Boogie, dessen Motor ein auf der Stelle tretendes, schneidendes Gitarrenriff mit gemutetem Boogie-Feeling ist. Eine Slide-Gitarre liefert den Blues-Response, ehe Schlagzeug und Rhythmus den Song in Bewegung setzen. Und das Erstaunliche: Es bleibt nicht bei einem starken Auftakt. Diese Songs halten dieses Niveau überraschend lange.
Das Doppelalbum »Foreign Tongues« ist das erste Stones-Werk seit einer gefühlten Ewigkeit, das man tatsächlich in einem Zug durchhören möchte. Ein beeindruckendes Spätwerk, ja eines der besten Stones-Alben. Einziges Manko: Viele Songs überschreiten die Vier-Minuten-Marke und verlieren gegen Ende spürbar an Spannung. Viele ihrer stärksten Songs lebten von jener Verdichtung auf drei Minuten. Das ist allerdings eher eine Frage des Songwriting als der Produktion. Andrew Watt verzichtet darauf, den Rolling Stones einen zeitgenössischen Sound überzustülpen, und lässt sie rau und ausgelassen klingen. Dazu kommen prominente Gäste: Paul McCartney steuert auf »Covered in You« den Funk-Bass bei, Charlie Watts ist posthum auf »Hit Me in the Head« zu hören, Stevie Winwood spielt auf neun Songs Orgel, Rhodes und Piano, und auch die Coverversion von Amy Winehouses »You Know I’m No Good« fügt sich erstaunlich selbstverständlich in dieses ungewöhnlich geschlossene Alterswerk ein.
Wiederentdeckung einer Methode
Der eigentliche Schlüssel zu »Foreign Tongues« liegt in »Rough and Twisted«. Der Song klingt nicht wie der Versuch einer legendären Band, ihre Vergangenheit zu wiederholen. Er klingt wie die Wiederentdeckung einer Methode. Die Rolling Stones waren immer dann am stärksten, wenn sie nicht den Blues reproduzierten, sondern ihn transformierten. Auch auf »Foreign Tongues« greifen sie auf dieses Fundament zurück – nicht museal, sondern roh, ungezähmt und voller Reibung. Die Rückkehr zu den Blues-Wurzeln ist keine nostalgische Geste. Sie ist selbst ein Akt der Transformation. Die Stones blicken nicht auf ihre Vergangenheit zurück, sondern greifen noch einmal dezidiert auf jenen musikalischen Grundbestand zurück, der ihre gesamte Geschichte geprägt hat: den Blues als rohe, körperliche Form von Rhythmus und Spannung.
Die historische Leistung der Rolling Stones bestand darin, afroamerikanische Musik aufzunehmen, umzuformen, in einen britischen Nachkriegskontext zu übersetzen und daraus eine neue Rock-Sprache zu entwickeln. Von »Midnight Rambler« bis zu ihrer Interpretation von »Little Queenie« war genau diese Spannung ihr Markenzeichen: zwischen Blues und Rock’n’Roll, zwischen Beherrschung und Kontrollverlust. Die Stones spielten einst Chuck Berry nicht einfach nach. Sie machten aus einem schnellen Rock’n’Roll-Song etwas Schwereres, Stampfenderes, Körperlicheres. Keiths Gitarre hatte mehr Gewicht, Charlie Watts legte den Rhythmus weniger »straight«, sondern schleppender an. Schon immer lag die Stärke der Stones weniger in makelloser Präzision als in jener kontrollierten Reibung, die aus einfachen Formen Spannung erzeugt.
Fremde Muttersprache Rock’n’Roll
Heute klingen die Stones nicht deshalb überzeugend, weil sie noch einmal wie früher klingen wollen. Sie klingen überzeugend, weil sie sich an jene Methode erinnern, mit der sie einst ihre eigene Sprache erfanden. »Foreign Tongues« ist deshalb kein nostalgisches Alterswerk. Es ist das seltene Dokument einer Band, die begriffen hat, dass ihre Muttersprache immer schon eine fremde war. Wer verstehen möchte, weshalb die Stones über Jahrzehnte mehr waren als nur eine außergewöhnliche Band, sollte sich auch die beiden einstündigen Interviews mit Mick Jagger ansehen, die nach der Veröffentlichung des Albums auf YouTube erschienen sind – eines mit Conan O’Brien, das andere mit einem Redakteur der »New York Times«. Die Gespräche sind weit mehr als bloße Album-Promotion. Sie machen deutlich, dass das Erfolgsgeheimnis der Rolling Stones nie allein in ihrer Musik lag, sondern ebenso in der einzigartigen Beherrschung von Öffentlichkeit, Macht und Selbstinszenierung.












