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Warning

»Rituals of Shame«

Relapse Records

Musikalische Genres leben von feinen Unterschieden. Für Außenstehende mag diese oder jene speziell ausgerichtete Gitarrenmusik immer gleich klingen, aber Eingeweihte haben eine sensible Antenne für Nuancen, die darüber entscheiden können, ob man sich innerhalb der musikalischen Grenzen eines bestimmten Stils in die eine oder andere Richtung orientiert. Doom Metal gibt es wenigstens in den Varianten »bekifft«, »begraben« und »beseelt« – auch bekannt als Stoner, Funeral und Traditional Doom. Dann wären da noch Epic und Death Doom und natürlich sind der trübsinnigen Fantasie keine Grenzen gesetzt, was eventuelle Neuschöpfungen betrifft. Flapsig gesagt lassen sich die feinen Unterschiede zwischen diesen Spielweisen relativ leicht bestimmen, wenn man sich situativ Lebenslagen oder Haltungen vergegenwärtigt, denen die Musik Ausdruck verleiht. Grob skizzierend lässt sich sagen, dass Stoner Doom der süßlich umwölkten Slacker-Haltung des »Komm’ ich heut nicht, komm’ ich morgen« entspricht und im Funeral Doom ist in der Regel alles zu spät, das Elend nimmt kein Ende oder hat bereits ein furchtbares gefunden (zum Vergleich ziehe man die musikalische Totenmesse »Mirror Reaper« von Bell Witch heran). Im Traditional Doom hingegen kommen nicht selten Restbestände christlichen Glaubens im Modus der sorgenden Klage zum Ausdruck, der allgegenwärtige Weltschmerz changiert zwischen lebensmüder Weltabgewandtheit und der zugewandten Geste des Mitleids und Annahme stiller Hoffnung. Vergleichend kann man also sagen, dass, gegenüber dem verhältnismäßig leichtlebigen Stoner Doom und der hoffnungslosen Friedhofsstimmung des Funeral Doom, der Traditional Doom einen sozialen Sinn artikuliert, der aller genretypischen Ästhetik – Kreuze, Trauerweiden etc. – zum Trotz lebensbejahend ist, denn so jämmerlich die menschliche Existenz sich ausnehmen mag – man hat nur dieses eine Leben und da muss man halt durch: »And here, in the central hour of my life, all experience bursts in on me / Pulling me into the shame of the most base rituals of humiliation / It’s not in the darkness of certainty that I need you most / But in an ever-living, self-defeating horror that follows me wherever I fall«, heißt es im Titelsong »Rituals of Shame« in der das schlaflose lyrische Ich ein in geteilter Dunkelheit anwesendes Gegenüber adressiert, das vielleicht nicht viel tun kann, aber es hilft schon, dass es da ist. Die schonungslos ausgestellte Erfahrung der Schwäche und des Scheiterns kommt klagend und flehend zum Ausdruck und es spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, ob sie als Gebet an Gott vertikal oder als Flüstern an einen Mitmenschen horizontal ausgerichtet ist. Entscheidend ist, dass sie ankommt, gehört wird. Ob und wenn ja in welcher Form eine Antwort erfolgt, ist zweitrangig – erstmal muss alles, was schwer auf dem Herzen und der Seele lastet, raus. Gut zwanzig Jahre trug Patrick Walker vieles mit sich herum, was er auf »Rituals of Shame«, dem zweiten Album von Warning, schwermütig mitteilt. Das Album ist ein ziemlicher Brocken und es lohnt sich, Walker auf seiner melancholisch gestimmten Wanderung durch seelische Niederungen zu begleiten.

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Text
Holger Adam

Veröffentlichung
24.06.2026

Schlagwörter

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