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Wired (Michael Ranta & Karl-Heinz Böttner)

»Kyoto 1970«

Metaphon

Der Belgier Timo van Luijk betreibt das Label Metaphon, auf dem er Material aufarbeitet und zugänglich macht, das bislang in Archiven schlummerte und nicht unbedingt auf seine Wiederentdeckung gewartet hat. Die Arbeiten entstammen in aller Regel akademisch geprägten Kontexten, nicht ganz so bekannte, legendäre oder doch vergessene Komponist*innen avantgardistischer Klangexperimente gräbt van Luijk wieder aus und die daraus resultierenden, sorgfältig editierten Veröffentlichungen sind in aller Regel jede Aufmerksamkeit wert. So auch im vorliegenden Fall, der eine halbwegs bekannte Vorgeschichte hat, denn die Herkunft der Aufnahmen von Michael Ranta und Karl-Heinz Böttner geht auf deren Reise zur Weltausstellung nach Japan zurück, wo sie auf Einladung von und zur Zusammenarbeit mit Karl-Heinz Stockhausen hinreisten. Zusätzlich spielte das Duo weitere Konzerte und Live-Aufnahmen von diesen Gelegenheiten finden sich auf »Kyoto 1970«. Über ein halbes Jahrhundert ist das her. Diese historische Distanz kann man ruhig mal gedanklich sacken lassen, während man sich die experimentelle elektroakustische Musik der beiden vergegenwärtigt. Die ist ebenso futuristisch wie primitiv. Das Cover der Veröffentlichung gemahnt an Höhlenmalerei und die atonalen Klänge des Duos, das sphärische Schaben, Klirren, Dröhnen und Quietschen hätte vielleicht auch ausschließlich mit Hölzern, Stöckchen und Steinen zum Ausdruck gebracht werden können. Einige ihrer Klangerzeuger hatten sich Ranta und Böttner in der Tat selbst zusammengebaut. Neben diesen quasi-primitiven Instrumenten kamen aber auch Bandmaschine, Orgel und anderes modernes Equipment hinzu, um das improvisierte Klanggemisch ins Werk zu setzen. Daher klingt die Musik sowohl nach Höhle als auch nach Kosmos. Sie erinnert an zeitgenössische avantgardistische Kompositionen ebenso wie an spontanes Lärmen, oszilliert zwischen akademischem Gestus und naiv-neugierigem Ausprobieren. Wie man das damals eben gemacht hat in Studios für elektronische Musik in Paris und Köln und – im vorliegenden Fall – an der frischen Luft in Japan! Solche Klangforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten durch den technischen Fortschritt ihren Weg aus exklusiven Kreisen in etliche Kämmerchen von klimpernden Käuzchen gefunden. In der Nachhut von künstlerischen Bewegungen wie Musique concrète und Fluxus haben sich viele musikalische DIY-Szenen entwickelt (Post-Industrial, Noise, Plunderphonics etc.), die bis heute der freien oder wenig reglementierten Klangerzeugung unter Zuhilfenahme welcher Mittel auch immer frönen. Von Nurse With Wound über Wolf Eyes bis hin zu allen jungen Menschen, die im Schatten dieser im Detail sehr unterschiedlichen historischen Entwicklungen an ihren eigenen musikalischen Ideen herumschrauben – und vielleicht sogar einen Kunsthochschulabschluss in einem artverwandten Fach anstreben. Wenn das mal gut geht … Was will ich damit sagen? Es kommt schon darauf an, wie man gestimmt ist, ob einem die Aufnahmen auf »Kyoto 1970« (noch) zusagen oder nicht. Wer historisch interessiert ist und ein Ohr riskiert, der oder die wird nichts Neues hören, aber trotzdem seine Zeit nicht verschwenden. Wer mit Blick auf die angedeuteten musik- und kunsthistorischen Perspektiven nicht ganz so informiert ist oder gar zum ersten Mal damit in Berührung kommt, der oder die können mit »Kyoto 1970« ein frühes und noch nicht so kanonisiertes Dokument der freien Klangforschung begutachten und sich davon ausgehend in alle Richtungen durchwursteln. Wie man das halt so machen kann, heutzutage. 

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
10.04.2026

Schlagwörter

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