Air

10.000 Hz. Legend

Virgin

Wie war das noch mit den Vorwürfen gegen Air? Gefällige Schnösel-Klangtapeten? Nun, diesen Einwand werden die Gegner der Messieurs Godin und Dunckel revidieren müssen. Denn Air 2001 sind anders. So sehr, dass die Anti-Air-Liga jetzt wohl was von »Prog-Rock-Schmock« raunzen wird. Wir aber, die »Moon Safari« in den ein, zwei Monaten, bevor es in Millionen Boutiquen und Bars zu Tode gelounget wurde, für die schönste Musik der Welt hielten, bekommen einen triftigen Grund, auf dem kleinen Planeten Pop weiterleben zu wollen, wo in letzter Zeit tödliche Langeweile herrschte. Wir bekommen eine stille Sensation. Stille insofern, als Godin und Dunckel den Weg aller wichtigen Bands gegangen und noch minimalistischer, leiser geworden sind. Bevor jetzt aber wer »Quiet Is The New Loud« flüstert, und fadgasige Simon&Garfunkel-Nachsteller im Kopf hat: Air sind auch weirder und darker geworden. Nix mit Händchenhalten statt Petting-Sound à la Kings Of Convenience, »we make real men’s music now«, sagt JB Dunckel. Unvermeidliche 80ies-Einflüsse blinken auf, aber anstatt wie ein anderes Pariser Duo in den Kloaken der dubiosen Dekade zu surfen, dort wo Umhängekeybords, Frotteestirnbänder und Van-Halen-Platten zurecht verrotten, transportieren Air den Vibe der Achtziger in die ZUKUNFT. Da britzeln angezerrte Beats, singen traurige Vocoder-Aliens (Air selbst), bluest ein Mr. Beck in Topform oder betören die japanischen Buffalo Daughter. Nur Kelly schaut sich nicht mehr die Sterne an, sie wacht aus ihrem Koma nicht mehr auf. In der Easy-Lounge hat jemand Gift in die Cocktails gerührt. »10.000 Hz. Legend« verhält sich zu »Moon Safari« wie »Kid A« zu »OK Computer«. Das ist nicht der einzige Radiohead-Vergleich, der sich aufdrängt. Man hört Air den ambitionierten Kraftakt an, sich von ihrem Ruf freispielen wollen. Und das ist voll super. Weil zumindest meine derzeitige Geschmacksbefindlichkeit nach langen, ausgeklügelten Produktionen lechzt, bei denen Musikerherz und Seele so richtig bluten. Ohne ein Quentchen Leiden keine Schönheit, wusste schon Gainsbourg, der alte Libertin. Und schön ist dieses Album wahrlich. Raus aus den Retro-Zeitschleifen, rein in die NEUE Musik.