μ-Ziq

»Challenge Me Foolish«

Planet Mu

Aus dem Blick verloren. Nicht mehr wiedergefunden. Für immer dem unendlichen Äther der datenbankgesteuerten Hardware-Maschinerie zum Opfer gefallen. Michael Paradinas, besser bekannt unter seinem Pseudonym µ-Ziq (mu·sic), agiert seit fast drei Jahrzehnten als Verfechter der existenziellen Weiterführung spätbarocker Elektronikmusik und veröffentlicht nun auf seinem Label Planet Mu ein bereits verloren geglaubtes Album. Zur Erinnerung: Paradinas gehörte zu jener erlesenen Runde an Pionieren, die in den frühen 1990ern von England aus und mit Wink nach Detroit die IDM-Szene begründen sollten und fortwährend Musik produzierten, die von Grant Wilson-Claridge passenderweise einmal »Braindance« genannt wurde. Selbiger gründete damals in Cornwall gemeinsam mit einem gewissen Richard D. James das kongeniale, im Vergleich zu Warp immer undergroundigere Label Rephlex Records und veröffentlichte bald die ersten Platten von Paradinas – seit damals unter seinem Alias µ-Ziq bekannt. Dabei ging es musikalisch von Beginn an ziemlich flott her. Drum’n‘Bass war noch lange kein etablierter Begriff, die IDM-Szene ein noch nicht begründeter, wenn auch lose avantgardistisch denkender Haufen und Südengland offenkundig ein ziemlich gutes Pflaster für die idiosynkratische Ausbreitung einer Musik, die es so zuvor noch nicht gegeben hatte.

Während sich die testosterongesteuerten Dressuraffen rund um Oasis und Blur einen öffentlichkeitswirksam inszenierten Klassenkampf um die vermeintliche Vorherrschaft in der Popwelt lieferten, tobte im englischen Untergrund ein weitaus interessanteres, weil eben nicht von maßloser Selbstüberschätzung geführtes Gefecht, das später die maßgeblichen Pfeiler für die aufkommende Elektronik-Euphorie setzte. Paradinas veröffentlichte in dieser Zeit – wie viele andere der Szene – zahlreiche Alben unter verschiedensten Künstlernamen und avancierte recht bald zu einem zuverlässigsten Produzenten im Geschäft. »Lunatic Harness« erschien 1997 und verkaufte sich sensationelle 100.000 Mal. Selbst das zwei Jahre später veröffentlichte, als Abkehr zum prägnanten und von ihm so konsequent mitgeprägten Drill’n‘Bass empfundene Album »Royal Astronomy«, passte da immer noch gut mit hinein. Alle (was in der Retrospektive unverhältnismäßig viele Männer waren) veröffentlichten unter unterschiedlichsten Namen, was es mitunter schwierig machte, den Überblick zu wahren. Einzelne Songs und ganze Alben schwirrten in den neu erschlossenen Informationskanälen unter der scheinbaren Anonymität zahlloser Pseudonyme umher. So ist es auch nicht weiter überraschend, dass manche davon im Dunstkreis der Aufbruchsstimmung verloren gingen und seit damals wie digitale Fossilien in prähistorischen Datenbanken ihr unbeachtetes Dasein fristeten.

»Challenge Me Foolish« heißt nun jenes Album, das Mike Paradinas zwischen 1998 und 1999 produzierte, nie veröffentlichte und über die Jahre schließlich ganz vergaß. Zur damaligen Zeit war er gerade erst mit Björk auf Tour und lieferte einige überragende Remixes zu ihren Arbeiten. Die Isländerin war es angeblich auch, die ihn zur stylistischen Zäsur auf »Royal Astronomy« inspirierte. Dementsprechend ähnlich gibt sich also auch das neuentdeckte Album. Die unfassbar schrottig klingenden, offenbar auf einfachen Synthesizer-Presets zusammengesetzten Glocken- und Streichermodulationen sind auf »Challenge Me Foolish« geblieben. Das wirkt in manchen Momenten überraschend belebend, auflockernd, fast überdreht euphorisch, passt aber letztlich nie wirklich ins Gesamtbild des Albums. Schwer vorstellbar, dass das vor 20 Jahren hätte anders sein sollen – vor allem aber, weil Paradinas kein Ravel ist und es bereits auf »Royal Astronomy« nur billig klang. Ansonsten natürlich trotzdem viel Bewährtes: Da holpern und stolpern die Jungle-Beats in gewaltigem Tempo über schrullig-schmatzende Synthesizer-Melodien, ziehen sich zurück und offenbaren breitflächige Utopien, deren verführende Harmonien über die zwei Jahrzehnte kein bisschen an Ausstrahlung eingebüßt haben. Schön auch, dass mit der japanischen Sängerin Kazumi das unverkennbare Rave-Vocal-Sampling mit Einzug erhält. Letztlich ist es ja auch genau dieser Faktor, der das Album als Wiederentdeckung so interessant macht. Es ist ein Blick in eine ganz andere Zeit, in der die Musik bestechend frisch und der Aufbruch spürbar war. 20 Jahre später ist davon nicht mehr viel übrig. Vielmehr bleibt die Einsicht, dass die verlorene Zukunft mittlerweile ebenso Realität ist wie jenes nostalgische Gefühl, mit dem das Album nun spielt. μ-Ziq »Challenge Me Foolish« erscheint am 13. April auf Planet Mu.