Reflektionen einer Erinnerung aus The Real White Rabbit © Martinee

Wissen, wo der Hase läuft

Dieses Frühjahr zauberte ein gewisser Bernhard Tobola die Wiener Bar The Real White Rabbit aus dem Hut. Wer wissen will, wie der Musikhase läuft, ist gut beraten, zu wissen, wo derselbige Meter macht.

Bernhard Tobola ist in der Wiener Musikszene beileibe kein Unbekannter mehr, sondern kann mittlerweile als DJ-Urgestein gesehen werden. Seit etwa zwanzig Jahren folgt er seiner Leidenschaft und widmet sich der Präsentation und Kuration außergewöhnlicher Musik. Inspiriert hat ihn schon zu Beginn das Genre Cosmic-Disco, definiert von damaligen Größen wie den Italienern Daniele Baldelli oder Beppe Loda. Am bekanntesten, weil auffälligsten, dürfte Tobola den meisten als Teil des Tingel-Tangel-Trios mit dazugehörigem italienischem Dreiradmobil in Erinnerung sein. Das derzeit ruhend gestellte Projekt, bestehend aus Simon Riegler, Armin Schmelz und eben Bernhard Tobola, war ein Garant für stilvolle Party-Zusammenkünfte auf Basis inspirierender Musik, die den Wiener Zeitgeist zwischen 2006 und 2016 nicht nur widerspiegelte, sondern auch gleich definierte. Dabei tauchte der auffällig klingende und blinkende Diskowagen sporadisch an allerlei unterschiedlichen Orten und Unorten auf, um in Folge den näheren Umkreis in eine Schunkel- und Schmusestimmung zu tauchen. In den letzten Jahren trat Bernhard Tobola vor allem in der DJ-Formation Erdbahnkreuzer mit Kollegen Simon Heidemann in Erscheinung. Als wäre das nicht genug, organisiert der talentierte Netzwerker mit ausgeprägtem Interesse und Gespür für soziale Feinstofflichkeiten auch regelmäßig Vintage-Flohmärkte im Wiener Stadtgebiet. Die Qualität von Tobolas Unternehmungen ist mitunter auch seinem intelligent dezenten Marketing geschuldet, mit dem er es schafft, seiner Kunst den Charme eines »immerwährenden Geheimtipps« aufzudrücken.

Häschen in der Grube
Nun scheint der im besten Alter stehende Herr Tobola sein DJ-Nomadentum an den Nagel gehängt zu haben und tatsächlich sesshaft geworden zu sein. Mit The Real White Rabbit in der Neustiftgasse 81 im 7. Bezirk präsentiert er eine neue Grube mit Schwerpunkt gehobene DJ-Kultur, um dort sowohl Musikfeinschmecker als auch hartgesottene Partygänger freundlich zu empfangen. Hierzu werden lokale DJ-Größen und Newcomer wie auch Künstler anderer Nationalitäten geladen. Tobolas Sensibilität für Neues sowie seine Expertise für außergewöhnliche Musik werden in diesem Rahmen weitergeführt. 

Dunkel, verrucht und verraucht mutet das Innere des relativ kleinen Lokals an. Die Transformation aus dem vormaligen Irish Pub ist offensichtlich nicht komplett abgeschlossen. Somit wirkt das Lokal zurzeit – im positivsten Sinne – wie ein ehemaliges Irish Pub auf dem Planeten der Affen. Hiermit würde Tobola sämtliche Opinion-Leaders, Influencers und Business Angels vor Neid erblassen lassen sofern sie davon Wind bekommen würden. Die laufenden kleinen Umbauarbeiten sind dem hehren Ziel geschuldet, den akustischen Widrigkeiten der Räumlichkeiten gerecht zu werden sowie die umliegende Nachbarschaft möglichst zu schonen. Nicht zuletzt, weil sich die private Wohnung von Bernhard Tobola in unmittelbarer Nähe seines Lokals befindet, versteht der Gastgeber die Bar als sein erweitertes Wohnzimmer. Mit The Real White Rabbit erfüllt er sich – nach seinen Worten – ein Herzensprojekt.

Der Hase im Pfeffer
Die Bar schafft in ihrem laufenden Prozess der Transformation den perfekten ästhetischen Rahmen für die zurzeit angesagte Musik. Der große und stets diffuse Genrebereich Cosmic-Disco wird mehr und mehr von dunkleren Schwingungen eingenommen. Man bedient sich zunehmend düsterer, fragmentarischer und deformierter Elemente aus der Vergangenheit, einer erinnerten Vergangenheit, die in Wirklichkeit so gar nie stattgefunden hat. Verschrobene, oft im ersten Eindruck dilettantisch anmutende Stücke finden zusehends ihren Weg auf die Wiener Plattenteller. Musikalische Stilelemente aus Esoterik und New Age, die vor wenigen Jahren von vielen noch in die Schublade der geschmacklichen Ausrutscher abgelegt worden wären, werden durch kontextuelle Kombination mit etablierteren Genrebereichen wie etwa Post-Punk, Tribal und New Wave en vogue. 

Der politisch engagierte und sozial umsichtige Tobola schildert sein ernsthaftes Anliegen, teilnehmende Artists im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten seiner kleinen Bar möglichst fair abzugelten. Dezidiert bemühe er sich beim Booking der Artists, den Frauenanteil möglichst hoch zu halten. Es geht dem Vater einer Tochter bei diesem Projekt nicht ums Geldverdienen, sondern im besten Fall darum, einfach davon leben zu können. Ein äußerst naheliegendes und nachvollziehbares Unterfangen also, welches für viele Gleichgesinnte durch aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen zunehmend schwieriger gemacht wird.

Man darf gespannt sein, welche überraschenden Haken der weiße Hase in nächster Zukunft noch schlagen wird. Mit Bernhard Tobola als erfahrenem Dompteur darf man sich jedenfalls auf qualitativ gehobene Unterhaltung freuen.

Link: https://www.facebook.com/realwhiterabbit