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Where the Heartworms twist

»Der Fremde entsteht, wenn in mir das Bewusstsein meiner Differenz auftaucht, und er hört auf zu bestehen, wenn wir uns alle als Fremde erkennen.« Julia Kristeva verfolgte nicht umsonst in ihren poststrukturalistischen Kulturanalysen die Selbstbekenntnis des Menschen zum Au&szligenseiter, zum Monster, zum Ausgesto&szligenen und Hässlichen, als Ausgangspunkt gesamtgesellschaftlicher Versöhnung (im Gegensatz zur Homogenisierung der Globalisierung, die unentwegt von der wirtschaftsfaschistischen Optimierung des Produkt Mensch ausgeht). Das trägt gleicherma&szligen Existentialismus, Weltliebe, Punkrock und feministisches Bekenntnis zu Beauvoirs Ur-Bild der Frau als das Andere im Herzen. Nun driftet das Mainstream-Kino als Blockbuster-Maschine zunehmend in eben die faschistoide Schlachtenmaschine der schönen Körper gegen den Dreck der Masse der Bin Ladens, Aliens, Zombies, Obdachlosen ab. Umso paradiesischer, dass gerade einer der grö&szligten Kassenerfolge, die komplett aus Frauenhand erfundene und von der Kritik krass unterschätzte Vampir-Romanzen-Trilogie »Twilight« das Brandlicht dagegen wirft. Kaum ein Filmphänomen seit James Dean hatte die verspielte, gequälte, ufer- und grenzenlose (und notwendigerweise auch grenzenlos naiv-blöde) Sinnsuche des Teenagers, das Reiben der unterschiedlichsten »Ewig-Anderen« so treffend und seelenzerrei&szligend geschildert. Und führt eine in der allseits überfordernden Glokalisierung verlorene Jugend auf ihren grundlegenden Herzschlag zurück. Im Schlagschatten haben etliche, derzeit auf DVD erscheinende Filme dieses Zeitzeichen erkannt, die Genre-Oberfläche Horror als subversive, tief menschliche Spielfläche zu entdecken. »Hell is a Teenage Girl!« hei&szligt es etwa als Tagline in »Jennifers Body«, einer Kollaboration von Regisseurin Karyn Kusama’s und Drehbuchautorin Diablo Cody, die weiland mit »Juno« Mumblecore nach Hollywood übersetzte: Eine It-Girl-geile High School-Queen (Megan Fox) gibt sich der fan-umwehten Emo-Boyband hin, die ihrerseits den Pakt mit Satan für den Erfolg eingehen und sie opfern, wodurch sie nicht stirbt, sondern zum bisexuell männermordenden Springdämon wird, nur erkannt von ihrer nerdigen Schulfreundin Amanda Seyfried. Ähnlich des weitaus schwächeren, feministisch ausgerichteten Kultfilms »Ginger Snaps« von 2000 wird das Monstertum eine vor Sexualität und Selbstsuche zerberstende Symbol-Charade adoleszenter Verortung und endet in dem bewusst genussvollen Selbstbekenntnis zum Bösen in einem Selbst. Twilight ohne neue Bravheit und Safer-Sex-Betulichkeit sozusagen, dafür getränkt von einer bei&szligenden, herzhaft weiblichen Ironie. In »Chloe« des armenisch-kanadischen Meisters des sinnlichkeitsgetränkten Menschenzoos, Atom Egoyan, wird dasselbe Schlachtfeld in das erwachsenere Genre des Erotik-Thrillers übertragen: Die am sinkenden Eros ihres alternden Körpers verzweifelnde Julianne Moore, ausgegrenzt von ihren Ankerpunkten Ehemann und Sohn, engagiert die Prostituierte Amanda Seyfried, um dem Gatten Seitensprünge zu beweisen und ihre Verzweiflung verorten zu können. Die Nutte Chloe, blitzgescheites wie daseinstrübes Auswurfprodukt der Wohlstandsgesellschaft, beginnt ein leidenschaftliches Machtspiel mit der Dame der Upper-Class, um hier endlich auch einmal Anerkennung, Liebe, Existenz erleben zu können. Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson, bekannt für den wunderbaren Sado-Maso-Office-Geschlechterkampf »Secretary« erschuf damit ein punktpräzises Meisterstück bourgeoiser Selbsthinterfragung, ganz weit entfernt von der Macho- und Yuppie-Paranoia dieses Genres aus Basic Instincts und Fatal Affairs. Ähnlich gro&szligartig der oberflächlich banale Home-Invasion-Horror-Thriller »Orphan« des Spaniers Jaume Collet-Serra, wo die Fremde, ein seltsames ukrainisches Schulmädchen, als böse Saat in das Ikea-Vorstadtparadies einer blitzsauberen US-Familie adoptiert wird, um sie lebensgierig und mörderisch aufzumischen. Nur dass die erwartbaren Bilder ausbleiben oder wenn doch kommen, wie im üblich katholischen Vernichtungsende des vermeintlich Bösen, eine Vielschichtigkeit bewahren, die man sonst nur vom Arthouse alter europäischer Schule kennt. Denn viel eher als das allzu vertraute Phantom der Bürgerlichkeit, beginnt man die schwarze, gequälte Seele zu verstehen, das ins Machtsystem platzende Phantasma einer dritten und vierten Prekariatswelt, die mit Messer und Möse um das Recht auf die eigene Existenz kämpft. Und das hat man im Kino der letzten Jahre viel zu selten gesehen. Wie flüstert Amanda Seyfried ganz Glamour-Beauvoir in dystopischer Sehnsucht: »Back when I was alive, part of what I did, was to become invisible. More often than not what was created between your lips and mine, was thrown away, forgotten like a lost child. But what if by dying I was to stay around and never leave.«

Karyn Kusama: »Jennifer’s Body« (20th Century Fox, 2009)

Atom Egoyan: »Chloe« (Kinowelt, 2009)

Jaume Collet-Serra: »Orphan« (Kinowelt, 2009)

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Text
Paul Poet

Veröffentlichung
19.09.2010

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