Faust 1973 © Universal Music

Von Wümme nach Weltruhm

Unter dem Titel »Faust 1971–1974« erschien bei Bureau B eine Sonderedition mit dem neu gemasterten Material der Krautrockband, die bis heute Rätsel aufgibt und Hörgenuss liefert.

Mit Faust ist es so eine wirklich merkwürdige Sache. Sie sind die überdrüber Lieblinge fast jedes männlichen und etwas in die Jahre gekommenen Musikjournalisten. Grund: Die Band ist einfach gut. Nach eigener Beschreibung sind sie allerdings »gescheiterte Rockstars«, weil die Welt nie so ganz mitzog und echten Stardom lieferte. Gescheitert stimmt aber auch nicht. Schließlich ist es eine Gruppe, die – zumindest zeitweilig – lief wie ein gut funktionierendes mittelständisches Unternehmen, mit weltweiter Resonanz, Kooperationen, Tourneen und recht stabilen Verkaufszahlen für ihre beachtlichen mindestens 25 Alben, die in Summe von konstant hoher Qualität sind.

Streit, Kult und krachige Avantgarde

Gleichwohl wurde sich auch jahrzehntelang gestritten, weil man das halt so macht, wenn Avantgardeansprüche und Realitätszugeständnisse nie befriedigende Kompromisse ermöglichen und an den unbefriedigenden Zugeständnissen (genannt »Pop« oder »Ausverkauf«, wobei die Bezeichnungen falsch sind) muss ja wer schuld sein, weshalb andere dann lieber »kompromisslos« (falscher Ausdruck) weiterhin ihre »Vision« (ernsthaft?) verfolgen. Es stellt sich dann die vermeintliche moralische Überlegenheit der Hüter*innen der wahren Lehre einerseits ein und andererseits der unsinnige Hinweis auf die Lebensrealität. Beides bringt nix, weil die Substanz der wahren Lehre sich immer nur in der Realität hätte zeigen können (evtl. »offenbaren«), die Falschheit kann aber auch nicht durch »Scheitern« in der Realität belegt werden, weil immer unklar bleiben muss, ob die Wirklichkeit einen Schaden hat, also schlicht falsche Verhältnisse herrschen. Klar soweit? Wer Lust auf Diskussionen dieser Art hat, kann die überlebenden Bandmitglieder vielleicht einmal anrufen.

Was in der Öffentlichkeit ankam, waren weniger Avantgarde-Selbstreflexionen als dieser seltsame Kult um den Krautrock. Witze über diese germanische Rockavantgarde finden sich sogar in mainstreamigen US-Fernsehserien. Das meiste davon sind aus heutiger Sicht Kindereien, zu denen die Bandmitglieder auch kaum mehr Lust haben, Stellung zu beziehen. Ja, ja, Presslufthammer und elektronisch verstärkte Flipper, experimentelle Bühnenaufbauten, die der Band jede Orientierung raubten, und vor allem haben es sich die Herrschaften damals ordentlich gegeben in Wümme, dem Studio irgendwo im Grasland zwischen Bremen und Hamburg, in das die Band für ihre Aufnahmen gezogen war. Alle waren dauernd zugedröhnt, jemand ritt nackt auf einem Esel (oder war es eine Kuh?) durchs Dorf, Bandmitglieder blieben aus Versehen tagelang im Bett liegen und sind trotzdem auf den Aufnahmen zu hören. Einfache Erklärung: Der Keyboarder hatte per langem Kabel sein Equipment mit in die Heia genommen. Ob er von dort aus die anderen Bandmitglieder überhaupt hören konnte, ist so eine andere Frage. Den Aufnahmen tat es keinen Abbruch. Klar ist, die Band jammte damals ununterbrochen und die Menschheit darf sich glücklich schätzen, dass vieles von dem Material heute noch vorhanden ist und durch den neuen Sampler leicht zugänglich gemacht wird.

Denn die Musik ist wirklich gut. Nicht nur weil sie diese Frische hat, die durch das erstmalige Nutzen neuer elektronischer Möglichkeiten des Musizierens entsteht, oder weil sie so konsequent »anti« ist, als wollte sie mit jeder Note dem verkackten deutschen Nazi-Schlager jener Jahre eins auf die Ohren geben, oder weil das ganze Zeug neben Noise und Ambient und Drone auch noch mächtig groovt (zuweilen zumindest), sondern auch, weil da musikalische Einfälle drin sind, die exquisit melodisch und lyrisch sind. So gut, so frei und faszinierend, dass das Marketing-Label des Faust-Erfinders, des Musikproduzenten und Schriftstellers Uwe Nettelbeck, der sie »die deutschen Beatles« taufte, durchaus gerechtfertigt ist. Es sind halt Beatles, die aus lauter Yoko Onos bestehen und das muss musikalisch nicht schlecht sein. Dem großen Erfolg ist es aber eher abträglich. Dennoch, wer die Kohle hat, stelle sich diese Monstersammlung aufs Nachtkasterl und höre sich durch dieses Brevier schöner, alberner, großartiger, unausgegorener und sehr krautiger Krautmusik. Am Ende wird sich dann sicherlich ein klarer Begriff von Avantgarde einstellen.

Faust: »Faust 1971–1974« (Buerau B)

Link: http://www.faust-pages.com/