Viennale 2008 - Festivaltagebuch

Viennale 2008 – Festivaltagebuch »Sag alles ab«

17. 10. 2008 / Eröffnung
Seit kurzem sieht man sie wieder verstärkt in den Bobovierteln von Wien umherwandern, die ominösen Viennaletaschen-TrägerInnen (heuer ist sie grau). Sie deuten darauf hin, dass in Wien nunmehr wieder die Zeit anbricht, auf die die Cinephilen dieser Stadt bereits monatelang gewartet haben.
So long, am 17. 10. wird die Viennale 2008 mit »Entre les murs«, dem heurigen Gewinnerfilm von Cannes, Regie Laurent Cantet, eröffnet.

Bis zum 29. Oktober werden die fünf Viennale Kinos mit zahlreichen, internationalen Projektionen bespielt. Traditionsreich bilden Dokumentation nahezu 50% des Programms, dem österreichischen Filmschaffen wird diesmal auch ein hoher Anteil gewidmet.
Weiters gibt es wieder, wie auch schon in den letzten Jahren, einiges an Nebenveranstaltungen, wie Konzerte und Diskussionsforen zu erwarten.
Zahlreiche Gäste aus dem Filmbereich geben sich heuer ebenfalls die Ehre dem Publikum Rede und Antwort zu stehen.

Specials
Das Filmmuseum zeigt schon den ganzen Oktober hindurch die von Thom Andersen kuratierte Filmschau, die sich der Stadt Los Angeles widmet. Andersen, der an der renommierten CalArts lehrt und unter anderem durch seinen großartigen Essayfilm »Los Angeles Plays Itself« bekannt wurde, versammelt einen Monat lang exemplarisch Werke der Filmstadt LA. Zum Vorschein kommt hierbei eine Mixtur aus film noir, Avantgarde-Arbeiten, subkulturellen Underground-Werken und Kino abseits von Hollywood, das auf innovative Weise Minderheiten repräsentiert. Eine Retrospektive die man wirklich nicht missen sollte.

Tributes
Mit dem Programm »Masked and anonymous« ehrt das Festival den Musiker und Künstler Bob Dylan. Dylan ist in der Filmwelt bei weitem kein Unbekannter. Sowohl als Schauspieler, als auch Drehbuchautor sammelte er Erfahrung, als Regisseur realisierte er, in den 1970er Jahren, selber zwei Filme. Die Viennale zeigt diese und andere Werke, die mit Bob Dylan in Verbindung stehen.
Darüber hinaus gibt es heuer eine Fotoausstellung des Kameramanns Ed Lachmann, der u.a. auch die Aufnahmen für die Dylan-Biographie »I’m Not There« von Todd Haynes gemacht hat. Ausgewählte Fotografien aus jenen Dreharbeiten werden im Foyer des Gartenbaukinos zu sehen sein.
Auch die Reihe »Working Class« befasst sich heuer mit Bob Dylan. Es wird mit Diskussionen, Gesprächen und einer musikalischen Darbietung das Dylan-Tribute begleiten.

Ein weiterer Programmschwerpunkt kommt dem deutschen Filmemacher Werner Schroeter zuteil. Er gilt als eine zentrale Figur im deutschen Kino der 1970er und 1980er Jahre. Charakteristisch für seine Werke ist ein gewisser Stil, der der Oper nachempfunden wurde. Der Filmemacher selbst hat eine Auswahl getroffen, die auf der Viennale exemplarisch sein radikales Schaffen offenbaren soll.

Franz Schwartz, der langjährige Leiter des Stadkinos, wird zum Jahresende von Claus Philip abgelöst. Die Viennale bedankt sich mit einem Tribute, für das Schwartz 24 Filme ausgewählt hat.

Special Programs
Der amerikanischen Filmemacher John Gianvito wird sowohl mit seinen eigenen Werken auf dem Festival vertreten sein, als auch mit einer Auswahl von Filmen, die den Regisseur nachhaltig beeinflusst haben. Gianvito steht für aktuelles, politisches, amerikanisches Kino. Seine Arbeit »Profit Motive and the Whispering Wind« war bereits im Vorjahr zu sehen. Der Filmemacher sucht Gräber von Bürgerrechtlern und Gewerkschaftlern auf und illustriert an deren Geschichte linken Widerstand in den USA.

Der junge portugiesische Regisseur Miguel Gomes verfügt bereits über ein beachtliches Repertoire an Filmen, welches das Festival heuer vorstellt. Seine semi-dokumentarischen Werke werden u.a. in die Nähe von Jacques Tati und Luc Moullet gestellt.

Der österreichischen Schauspielern Nora Gregor kommt ebenfalls eine Filmschau zuteil. Gregor, die am Theater begann, wechselte bald zum Film. Mit dem Wechsel zum Tonfilm folgte sie den Rufen Hollywoods und wurde für MGM tätig. 1933 kehrte sie ans Wiener Burgtheater zurück. 1938 musste die mit Vizekanzler Stahemberg verheiratete Schauspielerin nach Frankreich emigrieren. 1949 beging sie in Santiago de Chile Selbstmord. In Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria entstand eine umfangreiche Retrospektive.

Events
Neben all den sorgfältig ausgewählten filmischen Beiträgen der Viennale finden wie gewohnt zahlreiche weitere Veranstaltungen statt. Neben Podiumsdiskussionen, Vorträgen, DVD-Präsentationen und Buchvorstellungen werden unter anderem Filmemacher die Plattenteller bespielen.
Im Rahmen der Dylan-Retrospektive liest Diedrich Diedriechsen aus seinem neuen Werk »Eigenblutdoping«.
»Evening\’s Civil Twilight in Empires of Tin« von Jem Cohen, das letztes Jahr mit Live-Begleitung von Musikern wie Vic Chesnutt und Mitgliedern von Thee Silver Mt. Zion und dem Fugazi-Gitarristen seine Premiere feierte, wird heuer als DVD präsentiert. Zu diesem Anlass versammeln sich Vic Chesnutt, Guy Piciotto und T. Griffin zu einem Konzert.
Die opening party bestreitet diesmal DJ Rob Smith der »Vater des Bristol-Sounds«.

Mehr Informationen unter:
>> http://www.viennale.at