Urban Art Forms, 28.5. - 31.5.1009

Verlass auf Kraftwerk, sonst leider zu viel Lustloses

Das Zelt hat gehalten! Die Gummistiefel haben gehalten, das Ölzeug auch, wir haben die Eiseskälte und Regenmassen überstanden! Gute Freunde und ausreichend Bier waren vor Ort. Kraftwerk live zu erleben war wie erwartet großartig; die perfekte Symbiose ihrer Technoklassiker mit dem für sie typischen Bühnenkonzept. Auch wenn von der ursprünglichen Truppe nur noch Ralf Hütter übrig ist, sollte man sich Kraftwerk auch im Jahr 2009 – über dreißig Jahre nach ihrer Gründung! – nicht entgehen lassen.

Soweit zu den positivsten Seiten des Urban Art Forms Festivals 2009. Der Rest war ein weitgehend matschiger Moloch aus Rave- und Goa-Kids, DJ-Posing und nervigem Progressive House. (Dieser Bericht konzentriert sich auf die Techno-Bühne des UAF – für den Besuch auf der Drum’n’Bass-Bühne fehlten mir die Nerven, die Psytrance-Zone wurde aus verständlichen Gründen außer Acht gelassen.)

Deadmau5 badete sich genüsslich im Jubel der Tanzwütigen und vergaß darüber leider die Musik – Ergebnis: ein fades Progressive-House-Set. Digitalism spielten in ihrem DJ-Set eine lustige Mischung aus Kommerz-Elektro-Krachern: von Daft Punk über Alter Ego bis hin zu Blurs »Song 2« und ihren eigenen Hits wie »Zdarlight« oder »Idialistic« war da alles dabei, um die grölende Menge bei Laune zu halten. Von feiner Klinge war da allerdings wenig zu spüren, so gut sie als Produzenten sein mögen, so schlecht sind anscheinend leider ihre DJ-Skills. Felix Kröcher nutzte gleich den ersten Track im Zehn-Minuten-Loop, um sich zum Clown des Festivals zu machen: er sprang auf den Tisch oder kletterte zum Schein die LED-Wände hinauf; gejubelt wurde trotzdem.

Moguai spielte tags darauf wurschtigen Elektro-House, bei dem man, wie auch bei vielen anderen Artists des UAF, das Gefühl nicht los wurde, alle anderen auf der Tanzfläche hätten mehr Spaß als man selbst, aber komischerweise war einem auch keiner dieser »anderen« sympathisch… Bei Deichkind brach der ungehemmte Wahnsinn aus. Ihre außergewöhnliche, originelle Bühnenshow brachte die Menge vor der Hauptbühne zur Ekstase, leider auch zum Pogen und Drängen – nachdem ein Mädchen neben mir in der Mitte der Tanzfläche beinahe zertrampelt wurde, entschieden wir uns für einen besseren Aussichtsplatz weiter hinten. Dennoch war die Show ein Riesenspaß.

Dubfire spielte auf hohem Niveau den für ihn typischen straighten, deepen Clubsound. Ein himmlisches Liveset ganz nach meinem Geschmack lieferten danach Extrawelt. Ihre melancholisch-schönen Flächen plus Beats wurden für mich zum zweiten Highlight des Urban Art Forms. Sven Väth spielte ein für seine Verhältnisse ungewöhnlich deepes Set. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, jedoch hätten sich die Leute zum Abschluss eines Elektronikfestivals, nachdem man drei Tage in Regen und Schlamm durchgehalten hatte, wohl etwas mehr Partystimmung von ihm erhofft; Probleme mit der Soundanlage kamen anscheinend noch hinzu; da half auch all sein Grimassen-Schneiden und Arme-Heben nichts…

Dass Kraftwerk der beste Act des Urban Art Forms sein würden, hätte ich wohl auch schon im vorhinein unterschrieben. Ob da nicht der Kultstatus einen nicht unbeträchtlichen Teil der Objektivität hemmt…?

Fazit: Lustige Haarreifen mit Tierohren am Kopf sind jetzt »in«, auch Deichkind-Müllsack-Verkleidung-Basteln sowie Psytrance aus dem Soundsystem beim Wohnwagen pumpen. Braungebrannte Mädchen tragen auch bei Gewitter Sonnenbrille. Beschweren über die Kälte gibt ein gutes Gesprächsthema ab; am Ende halten aber alle zusammen durch. Ein schönes Wochenende, weil ich das daraus machen wollte. Ein ambitioniertes und gut gemeintes Booking; die magere Qualität der gebotenen Performances konnte man wohl nicht voraussehen.