Fotos: Robert Lettner

Understatement der Zeuglerin

Madame Baheux-CD-Präsentation, Ost Klub, 7. Mai 2014. Fortsetzung der Prolo-Schlagzeug Kolumne.

Ljubinka Jokic singt schön, mit zurückhaltender trauriger Stimme, sie lässt ihre Stimme »balkanesisch« vibrieren. Maria Petrova am Schlagzeug spielt extrem melodiös und variantenreich – in einem ganz eigenen Petrova-Stil. »Wenn ich etwas zu sagen hätte, hätte ich die beste Frauenband Österreichs zum Eurovision Song Contest geschickt«, schreibe ich während des Konzertes im Wiener Ost Klub in mein Reclam-Universal-Notizbuch – noch vor dem Eurovision Song Contest und Conchita Wursts überraschendem Sieg. Aber falls Conchita einmal in Zukunft im Rahmen einer Band auftreten will – no? Aziza Mustafa Zadeh, Ljubinkas große Liebe aus Baku, ist sie aber trotz ihres Sieges für Österreich und des »Rise like a Phönix«-Ohrwurm keine.
Maria Petrova spielt gleichzeitig »laid back«, energisch und doch sehr weiblich irgendwie, auch wenn das blöd klingt, denn was ist weiblich bitte schön? (Anm. Conchita!) Sie strahlt in ihrer roten Folklore-Weste und spielt mit bloßen Armen. Die lange fast anonym agierende »Frauenband« hat endlich einen Künstlerinnen-Namen, nämlich »Madame Baheux« – und ihre erste CD heraus gebracht.

Mona Lisa am Schlagzeug

Als Ljubinka (kurz: Ljubi) aus Banja Luka geflüchtet kam, nahm ich sie von der Straße weg in unsere Wohngemeinschaft mit. Damals konnte sie 200 Roma-Lieder auswendig und ernährte sich von Bier und Tschik. Sie hatte noch die Lederjacke ihres Bruders an, mit der sie geflüchtet war. Western-Stiefel! Nun fand die Perfektionistin, die anderen gerne ihre Instrumente erklärt, endlich eine Heimat, in dieser Band mit Leadsängerin und Gitarristin Jelena Poprzan aus der Vojvodina. Beinahe liebevoll schaut Jelena Ljubi, als sie auf der Bühne erzählt, dass diese als Kind Akkordeon spielte, aber ausrutschte und das Akkordeon von der Brücke in Mostar in den Fluss fiel … – eine typische Ljubinka-Geschichte. Jetzt hat Ljubi wieder ein Akkordeon, selbst repariert und es klingt wie eine Synthe-Orgel. »Ich habe gequetscht«, sagt sie nachher, »meine Quetschkommode! Die CD ist vor fünf Stunden gekommen und der Bote hat nicht einmal geläutet, sondern ließ die Kisten unten vor der Türe stehen!« Die Cello-Frau trägt ein 1920er-Jahre-Kleid. Die siebener Nummer auf der CD! Ist eine Komposition der Bassistin Lina Neuner und heißt auch »Linas Lied«. Sehr schön, sehr schön, diese weite balkanesische Reise.
Die Schlagzeugerin geht mittlerweile und wie immer ihre eigenen Wege, ganz ruhig und selbstbestimmt. Im Gespräch ist sie auch so, sie redet wenig und lächelt nur stumm wie eine Mona Lisa. Eine Frau, die sich mit und im Rhythmus auslebt – hat sie Militärmusikhintergrund, »Gipsy«-Einfluss? Stecken mit rundem Kopf, Paukenschlag, die Trommeln klingen hohl, sie hängt immer nach – um ein Eizerl. Selten ein so facettenreiches und irgendwie leises Schlagzeug gesehen, eine Zeuglerin, die musikalisch glitzert, aber auch kräftig Tempo geben kann.

Turbo Jelena Kreisler

Tini Trampler saß fröhlich an der Kasse im Ost Klub, was für eine Ehre, und Ljubinka bezeichnet sich auf offener Bühne als »Tini-Trampler-Substitut« und behauptet, dass sie alle Trampler-Lieder auswendig kann. Wer mit Otto Lechner, seinen Lucia Hohners und den Windhunden gespielt hat, weiß auch Tinis Wind zu schätzen. Rote Säulen, Holzboden, das Licht strahlt auf. Richtiger großer Bass! Ljubi steht mit unangezündeter Tschik auf der Bühne und dudelt die Gitarre nach ihrer Lieblingsmusik, dem Yugo Rock der 1980er Jahre. Von wegen Turbo Folk! Der einzige, der hier Turbo gibt, ist Georg Kreisler durch die Stimme von Jelena hindurch und sein Lied »Meine Freiheit – ja! Deine Freiheit – nein!« triumphiert durch die Halle. Die Band läuft hinter Jelenas Stimme her. »Ohne meine Freiheit bist du arbeitslos!«
Das Lied »Lucky Ley« bringt coole Zirkusmusik, durchaus tanzbar, jazzig mit Triolen, whoah macht die Gitarre, ganz hawaiimäßig – und den Hall wieder ausgeschaltet. Diese Schlagzeugerin ohne Punk- oder Hardcore-Einfluss wirbelt ganz eigen. Sie spielt nie gerade durch, sondern macht immer wieder Brüche, Schnitte, Fragmente, baut Abbrüche und Neuanfänge ein. Erzählt eine Geschichte mit dem Schlagzeug, so wie in einer Oper mit verschiedenen Teilen. Gitarrengeklimpere, Ljubi Hendrix! Diese Band sucht noch ihren Weg, in den unterschiedlichen Traditionen und Zeiten, es wäre aber schade, wenn sie sich »verkasperlt« oder zu sehr ins Ûbertriebene oder Theatralische hinein geht, denn mit so viel Talent und Können kann man leicht übermütig werden. Am schönsten fand ich das Lied »Sar Planina« und die große Trommel, die umgeschnallt wird, die balkanische Rahmentrommel Tupan, die man mit dem Mittelfinger auf die Stäbe spielt, und Marias stilles Lächeln dazu – wie von einer anderen Welt, glücklich in der Musik, die beiden zusammen.

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