The Arcade Fire - Auf großer Flamme kochen

Du fühlst es kommen. Du weißt es aber nicht. Eine unbestimmte Ahnung, ein sechster Sinn bereitet dich vor. Du merkst es aber kaum. Nichts wird damit vergleichbar sein. Die Relationen werden neu definiert. Der Verlust wird groß sein. Doch ebenso der Gewinn, irgendwann. Begreifen wirst du es nie. Nur fühlen. Und plötzlich ist es da…

Während sich Millionen TV-Junkies an diesem Samstagabend des 21. Mai 2005 von einem riesengroßen, rosaroten Ungeheuer namens Song-Contest die Ohren verkleben und die Augen blenden lassen, schlägt mir im Wiener Flex ein anderes Ungeheuer wuchtig auf die Nase, doch nicht ohne mir danach sanft über’s Gesicht zu streichen. Dieses Ungeheuer heißt Rock. Dieses Ungeheuer kommt heute aus Montreal in Kanada und wurde zu Recht nach der Veröffentlichung des Erstlingswerkes »Funeral« zum Kritikerdarling in den U.S.A. Die Kunde verbreitete sich und jetzt weiß es bald die ganze Welt. Die Popwelt zumindest. Dieses Ungeheuer hat acht Köpfe, einer davon mit Sturzhelm. Dieses freundliche Ungeheuer heißt The Arcade Fire.
Es ist eine verdammte Schande, das menschliche Dilemma, immer mehr zu wollen und sich in Wirklichkeit ständig von allem trennen zu müssen. Von Dingen und Orten, von Momenten und Menschen. Und der Tod hört nicht auf bis er da ist. Da ist es gut, dieser nüchternen Wahrheit im Hier und Jetzt den Vorwärtsdrang des Augenblicks entgegen zu halten. Oder anders gesagt: So wie The Arcade Fire Musik zu machen.
Wild werden Instrumente bearbeitet, ständig getauscht (Geigen und Kontrabass, Akkordeon, Pianos, Xylophon und Gitarren sowie eine Wucht an teilweise provisorischen Schlagwerken) und aus vollen Kehlen wird gesungen, geschmettert und sanft gesäuselt. Die akustische Schönheit, die einem entgegenbläst, ist wie ein starker Wind, der jedoch immer wieder abflaut, um bei seiner Wiederkehr die Erfrischung spürbar zu machen. Die Band ist in ihren Songs und ihrem Auftreten von positiver Kraft und Ausgelassenheit geprägt, als auch von Zerbrechlichkeit und Desillusionierung. Eine gleichzeitige optimistische Hysterie ist neben einer melancholischen Abgeklärtheit das Geheimrezept dieser vorzüglichen Speise, welche die Musiker so eindringlich zubereiten. Live werden zum Hauptgericht, welches aus den Songs des aktuellen Longplayers besteht, eine handvoll Coverversionen beigemengt. Dabei fällt es schwer, Highlights zu nennen, da die gesamte Darbietung kurzweilig und feurig auf einen niederprasselt.
Die Spielfreude und die oft pathetischen Gesten der Protagonisten verzaubern. Regine Chassagne wechselt wie die restlichen Bandmitglieder ständig das Wirkungsfeld und gibt eine feenhafte Erscheinung ab. Win Butler, Frontman der Formation und Ehemann der erwähnten »Elfe«, ist dabei die Mitte, um die die anderen kreisen. Da werden die kleinen Dinge des Lebens ganz groß und die Nachbarschaft ins Zentrum gerückt. Fühlen statt verstehen. Oder anders rum: Verstehen zu fühlen.
Lange nach Ende des Konzerts, spät nachts, quält sich ein Buslenker (und die anwesenden Nachtschwärmer) in einem langwierigen Prozess damit, den Tourbus der Band samt Anhänger rückwärts aus der engen Passage zwischen Lokal und Donaukanal zu manövrieren. Aufmerksam und scheinbar bestens gelaunt ist es der Frontman Win Butler, der als Ausweiser fungiert, damit seine sieben Freunde derweil ungestört im Land der Träume Kraft sammeln können, um die nächste Stadt, in der sie noch nie zuvor waren, lustvoll zu stürmen.