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Subkultur in der Corona-Krise #4

Das WERK an der Spittelauer Lände ist ein mittelgroßer Dampfer in Wiens Subkultur-Geschehen. Trotz widriger Umstände angesichts Corona gibt dessen Motor Stefan Stürzer aka Stizz keineswegs klein bei. Hier im E-Mail-Interview.

Das WERK war einst unter einem Wohnhaus am Anfang der Neulerchenfelder Straße situiert, als skug noch bei der remaprint in der Ottakringer Straße gedruckt wurde. Die remaprint ist leider schon seit einiger Zeit in Konkurs und das WERK längst abgesiedelt in die Stadtbahnbögen am Schnittpunkt U4/U6. Das diverse WERK boomte, doch dann kam das Virus, das wegen mangelnder Biodiversität von einem Wildtier auf die Menschheit übersprang. Jetzt kämpft auch das WERK ums Überleben, u. a. mit einer aktuellen Crowdfunding-Kampagne. Wir haben Geschäftsführer Stefan Stürzer um einen Lagebericht gebeten.

skug: Welche Konsequenzen hat die Stilllegung des subkulturellen Konzert-/Clubbetriebs für das WERK?
Stefan Stürzer: Wie für jeden anderen Club auch: Existenzbedrohend! Keine Gäste, keine Arbeit, keine Umsätze. Zudem war die Veranstaltungsbranche als erste durch den Erlass betroffen und wird sicher zu den letzten gehören, die wieder öffnet. Wirtschaftlich und rechtlich ist das schon ein dunkelgrauer Bereich, da kein Wettbewerbsvorteil/-nachteil entstehen darf/soll. Wie lange man komplett ohne Einnahmen über die Runden kommt, ist sicher von Club zu Club unterschiedlich, aber österreichweit rechne ich mit den ersten Insolvenzverfahren spätestens Ende April. Niemand hat so hohe Rücklagen, eine derartige Situation monatelang zu meistern.

Inwiefern ist das WERK in Kontakt mit der MA 7, dem Kulturamt der Stadt Wien? Wird Schadensbegrenzung bzw. -wiedergutmachung angeboten?
Ich habe in der Kalenderwoche 15 Kontakt zur MA 7 aufgenommen, da auch unsere Rücklagen komplett aufgebraucht sind. Die MA 7 hat uns Unterstützung angeboten und eine Schadensevaluierung durchgeführt. Wieviel und wann hier aber Geld fließen wird, ist noch nicht bekannt, die Schadenserhebung dient aber als Grundlage für Verhandlungen mit dem Bund und liegt bereits im Wiener Gemeinderat auf. Man kann also nur hoffen, dass das rasch behandelt und damit was Positives für die Clubkultur beschlossen wird.

Kurzarbeit für Beschäftigte an der Bar ist wohl nicht möglich, da keine finanzielle Substanz?
Bei der Kurzarbeit sehe ich ebenfalls mehrere Faktoren, warum diese in der Kulturbranche sehr schwer oder gar nicht angewendet werden kann. Erstens, wie oben schon erwähnt: ohne Gäste keine Arbeit. Gerade in Bereichen wie Bar, Security, Garderobe, Reinigung, Tontechnik, Booking usw. sehe ich derzeit keine Möglichkeiten, in einem Durchrechnungszeitraum von drei Monaten auch nur 10 % pro Monat abzuarbeiten. Auch mit der neuen Regelung mit der Erweiterung auf sechs Monate kann es durchwegs kompliziert werden und vor allem: Was ist, wenn das Ganze länger als sechs Monate geht? Zudem wurde der Antrag auf Kurzarbeit immer wieder nachgeschärft. Ich glaube, es gibt mittlerweile Antragspapier Nummer 6. Schnelle und unbürokratische Hilfe sieht anders aus. Zweitens: Welcher Betrieb in der Kulturbranche kann sich eine zweimonatige Vorauszahlung leisten? In unserer Größenordnung arbeiten schnell mal zwischen 25 und 30 Fixangestellte. Solche Rücklagen habe ich schlichtweg nicht. Um einen Kredit zu beantragen, muss man viele Voraussetzungen erfüllen – auch jetzt in der Corona-Krise – und sich diesen leisten können. Drittens: Für mich stellt sich hier wirklich eher die Frage, warum sich der Staat vor seiner Verantwortung gegenüber allen Steuerzahler*innen drückt. Eigentlich hätte die Devise lauten müssen: Gut, wir hebeln das Epidemiegesetz aus, aber dafür unterstützen wir die Betriebe und ihre Mitarbeiter*innen ordentlich mit Direktzuschüssen und nicht mit Bankgarantien, Krediten und Stundungen, die verzinst zurückzuzahlen sind. Das wäre eine Hilfe für alle gewesen! So wäre das finanzielle Überleben für viele am ehesten möglich. So wie es derzeit läuft, werden es wohl viele Betriebe nicht schaffen und Arbeitsplätze ganz verloren gehen – während der Krise und danach, wenn Stundungen fällig werden und Kreditraten sowie alle anderen Zahlungen wieder normal weiterlaufen. Da kommt eine Lawine an Zahlungen ins Rollen, die man dann erst mal bewältigen muss. Wer nach der Krise wieder aufsperrt, hat es noch lange nicht geschafft.

Miete, wie andere Venues, die in Stadtbahnbögen situiert sind, muss das Werk vermutlich auch bezahlen. Diese war wohl erschwinglich. Wurde jetzt um Reduktion angesucht und gibt es Kulanz seitens des Vermieters?
Das WERK hat einen hohen Kredit bei der Bank aufgenommen, um die Bögen kaufen zu können und somit eine langfristige Kulturarbeit am Donaukanal sicherzustellen. Das war die Lehre, die ich aus der Neulerchenfelder Straße gezogen habe. Dort habe ich sehr viel investiert und bis auf die Schulden alles verloren. Das WERK vermietet 400 m² an Künstler*innen und Firmen der Creative Industries. Hier finden gerade Gespräche statt, wo Mieten reduziert werden können, um die Mieter*innen, die jetzt auch keine Einnahmen mehr haben, zu entlasten und zu unterstützen. Was auch eine enorme Belastung darstellt, sind die Kredite für die Totalsanierung, die ich im Juli 2018 aufgenommen habe. Wir haben mit dieser Renovierung unser Kreditvolumen bis ans Maximum ausgeschöpft.

Gibt es soziale Ersatzprojekte seitens des WERK? Künstler*innen leiden ja extrem unter der Erlahmung des kulturellen Lebens. Hat die WERK-Labelgründung zum jetzigen Zeitpunkt mit Corona zu tun? Ohne Corona wäre wohl auch kein Crowdfunding-Aufruf nötig gewesen?
Zurzeit steht veranstaltungstechnisch wirklich alles still. Sogar die großen Agenturen buchen mit äußerster Zurückhaltung für das Jahr 2021. Aber das heißt nicht, dass nicht wahnsinnig viel abseits des normalen Betriebs zu tun ist. Ersatzprojekte gibt es online. Über Facebook hosten wir Künstler*innen und Musiker*innen. Auch das erwähnte Label WERK Music spielt hier eine Rolle. Wir wollen junge, talentierte Bands sichtbarer machen. Über ARTE wurde gemeinsam mit der Vienna Club Commission die Initiative United We Stream ins Leben gerufen. Das Ganze ist ambitioniert und besser als Nichtstun. Bei diesem Stream bekommen die Auftretenden zumindest eine Gage, aber das ist auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die freischaffenden Künstler*innen sind wirklich extrem von der jetzigen Situation betroffen. Ich bin selbst mit etlichen in Kontakt. Es ist wirklich schlimm, was da gerade passiert. Ich glaube nicht, dass der Regierung das Ausmaß an Existenzbedrohung, und zwar in ganz Österreich, auch nur annähernd bewusst ist. Ohne die COVID-19-Krise hätten das WERK kein Crowdfunding nötig gehabt.

Konzert- und DJ-Streams ins Wohnzimmer sind eine gute Möglichkeit, jedoch ersetzt das keineswegs den Sound, den eine gute P. A., wie jene im WERK, hergibt. Verfolgst du gewisse Streams bzw. was hältst du von dieser alternativen Präsenz, die ja kaum Einkommen verschaffen kann?
Ich finde alles besser, als den Kopf in den Sand zu stecken. Die Sozial-Media- Plattformen sind voll mit Streams, aber wie du bereits schilderst, ist es mit einem Livekonzert oder Clubabend keineswegs zu vergleichen. Das Publikum macht die Stimmung und die P. A. den Sound. Diese Atmosphäre kann man sich nicht in den eigenen vier Wänden zusammenbasteln. Manche Streams versuchen auch so, Spenden für Künstler*innen oder Venues zu sammeln. Hier hat das WERK einige Unterstützer*innen, die im Netz Musik machen und Spenden sammeln. Ich bin sehr dankbar für die Solidarität, die uns unsere Künstler*innen, Gäste, Veranstalter*innen und Unterstützer*innen hier entgegenbringen.

Eine Planung für die Zukunft ist schwierig, zu hoffen ist, dass es spätestens im September wieder losgehen kann. Wie läuft die Kommunikation mit Acts/Artists/Managements?
Es ist alles sehr, sehr schleppend. Man kann derzeit einfach nichts Konkretes planen. Niemand weiß, ob es im September wirklich wieder los geht. Die Kommunikation ist deshalb auch nur auf das Notwendigste beschränkt. Es betrifft ja auch hier wieder alle. Von Künstler*innen bis hin zu den Agenturen sitzen wir alle im selben Boot. Hier jetzt Zeit und Geld zu investieren, wäre falsch. Dafür wissen wir noch immer nicht genug. Wir müssen abwarten, wann und in welcher Form Lockerungen in der Veranstaltungsbranche in Kraft treten werden.

Wie ist also die Buchungslage im Herbst und wie optimistisch bist du?
Ich befürchte leider Schlimmes. Die Kulturbranche wird extrem darunter leiden. Es werden viele die Krise nicht überstehen. Es kann gut sein, dass eine zweite oder gar dritte COVID-19-Welle wieder alles lahmlegt. Was, wenn das Virus mutiert? Puh! Gar nicht auszudenken! Ich arbeite mich Woche für Woche vor und hoffe, dass es irgendwann wieder heißt: Türen auf! Im Sommer/Herbst habe ich für eine Kulturterrasse vorgeplant, auf der es neben Konzerten auch DJs geben wird. Hier gäbe es auch für alle Künstler*innen Gagen aus dem MA-7-Pot, um unterstützend mitzuwirken. Zusammenhalten und das Beste aus der jetzigen Situation machen, ist derzeit das einzig Richtige.

Danke für das Interview und alles Gute!
Danke auch dir, Alfred! Immer wieder eine Ehre für mich!

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