Blushing Melons

»Soul City«

Clearsound

Wir erlauben es uns ein paar Sätze lang, den Begriff mainstream allzu wörtlich zu nehmen. Schon sitzen wir an einem rauschenden Bächlein, in dem Musikalben wie Wasserschlieren und azurblaue Strömungen an uns vorbeiziehen. Ûberhaupt kein Unterlass ist zu erkennen, ständig fließen Neuerscheinungen an uns vorbei, von denen nur die sich zu Fischen oder Kaulquappen verdichtenden Entitäten unsere Aufmerksamkeit erheischen. Und auch das nur, wenn sie mit mächtigem PR-Getöse daher rauschen oder so intensiv im Ausdruck sind, dass man glatt den Eindruck hat, der Musiker hätte sich die waidwunde Seele direkt auf der Bühne in bunte Filethappen zerschnitten. Oder die Musik klingt so fresh wie gerade gepflückte Pflaumen, damit auch die Trendpäpste (die paar, die es noch gibt) ihr mürrisches Nicken beisteuern (= Applaus der höchsten Güte). Was aber nicht neu, werbemächtig oder blutig ist, das strudelt vorbei im Bächlein mainstream – unerkannt, verkannt, vergessen im Moment des Erscheinens schon. Das gilt auch für die aus Innsbruck und Umgebung stammenden Blushing Melons, die mit »Soul City« eine Doppel-CD herausgebracht haben, die ein Opus Magnum in wahrsten Sinne des Wortes ist: umfangreich, beherzt, stimmig. Aber wen kümmert’s, wen interessiert’s, welche Community interessiert sich heute noch für Folkrock aus den 1970er Jahren? Das ist weniger als Anklage, mehr als Lamento gemeint. »Soul City« ist in seiner Stringenz beeindruckend, eine kompetente Verneigung vor Bands wie Fairport Convention, der Incredible String Band oder noch traditionellere Formationen (es wundert überhaupt nicht, dass die Blushing Melons mittlerweile beim Folk On The Lawn Festival in Tintern gut aufgehoben sind und bereits Auftritte in England, Wales und Schottland absolviert haben). Auch textlich ist man ganz in dieser folkloristisch-mittelalterlichen Beschaulichkeit zu Hause, von Meermädchen und Königen, von Vogelscheuchen und Raben wird gesungen, man könnte, würden die Blushing Melons ihre E-Gitarren gegen Mandolinen eintauschen, wohl problemlos Auftritte bei diversen Mittelalterfesten anvisieren. Auch Musicals für Jugendliche ließen sich mit den Songs aus »Soul City« vortrefflich beschallen. Das wäre zwar sicherlich das am besten arrangierte und stimmigste Folkrockmusical des Landes, bleibt aber trotzdem ein Leistungsbeweis, der nur ein sehr segregiertes Zielpublikum beeindrucken dürfte. Also lassen wir sie wieder aus unseren Händen entgleiten, diese Fairport-Forelle auf zwei Tonträgern, diesen sympathischen Wald- und Wiesenrockkraftakt, wünschen wir den Melons das Beste, was ihnen passieren kann, etwa postapokalyptische Zeiten, in denen Könige wieder auf weißen Rössern in die verfallenen, von Farnen überwucherten Metropolen einreiten, umringt von liederlichen Spielleuten, und schauen wir stattdessen weiter zu, was das Bächlein mainstream noch so an uns vorbeischleudert.