Sónar Festival, 19. - 21. Juni 2008, Barcelona

Zum 15. Mal ging das weltbeste Festival of Advanced Music and Multimedia Art über die Bühnen. So gut, dass ich fast sprachlos blieb.

Mein erstes Mal am legendären Sónar! Zum ersten Mal durfte ich durch diese Schule gehen, durfte drei Tage lang Großartigkeit erleben; das Verarbeiten der Eindrucksflut und das Erholen nach den Strapazen kostete mich mehr als eine Woche.
Am Donnerstag begann ich meine Expedition, durch die netten und perfekt organisierten Pressemenschen ausgestattet mit einer nagelneuen Sónartasche, die auch bald angefüllt war mit geschätzten 10kg Informations- und Promomaterial. Nach einigen Orientierungsproblemen auf dem Areal des MACBA (Museu d’Art Contemporani de Barcelona) und des angeschlossenen CCCB (Centro de Cultura Contemporània de Barcelona), ständig auf der Suche nach einem Platz im Schatten auf der Flucht vor der spanischen Sonne, endlich ein kaltes Bier in der Hand, wie ein Kind im Zuckerlgeschäft. Was kam, hätte ich mir im Traum nicht ausgemalt.
Der erste Tag brachte aufgrund des Lineups aus mir großteils unbekannten Künstlern eine tolle Überraschung nach der anderen. Der Schwerpunkt lag auf spanischen Musikern. Zu den Neuentdeckungen meinerseits zählen: DJ2D2 mit dubbigen Tunes, Chacho Brodas mit supersaftigem spanischen HipHop (übrigens auch im allgemeinen eine schwere Empfehlung!), Manu González & Vidal Romero, ihres Zeichens Redakteure des sehr guten spanischen Elektro-Magazins GoMag, die eine erstklassige Auswahl aus trippigen Sounds zwischen Drones und Minimal boten, genau das Richtige für das entspannte, vorfreudige Publikum bei ca. 35 Grad am Nachmittag. Weiters die in Spanien anscheinend sehr bekannten Drei des Asstrios, die eine funky Show mit jazzigen Songs boten, absolut hinreißend. Genauso charismatisch war auch die Sängerin der schwedischen Band Little Dragon, die dubbig-jazzige Popsongs präsentierten. Auch die spanischen Pinker Tones, mit knallbuntem Elektropop, eine Mischung aus Live- und Dj Set, waren sehr super.
Der Freitagnachmittag bot ein fettes Ninja Tunes & Counter Records Showcase, bei dem unter anderem The Heavy, J Mountain und Daedalus größtenteils Dubbiges servierten; überhaupt war dieser Tag geprägt von Dub- und HipHop Sounds gepaart mit elektronischen Elementen; dies ist ja bekanntlich auch nicht das Schlechteste.
Freitagabend war die Nacht der tollen Frauen. Der französische Shootingstar Yelle, deren quietschbunter Elektro mir davor eher wurscht war, überzeugte durch eine hochenergetische, mitreißende Liveshow, seit der mir die reizende Melodie ihres Hits »Tristesste/Joie« nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Danach einer meiner persönlichen Höhepunkte: Roisín Murphy, im Gepäck ihr neues Album »Overpowered« (meiner Meinung nach unvergleichlich besser als das von Matthew Herbert verunstaltete »Ruby Blue«). Die neuen Dance/Electrobeats stehen ihr sehr gut zu Gesicht; ihr Charisma und ihre unglaubliche Bühnenpräsenz waren sowieso immer unbestreitbar. Die Setlist umfasste beinahe all ihre neuen Songs, das tolle »Cry Baby« gleich am Anfang, sowie kurz darauf »Forever More« vom letzten Moloko-Album »Statues«.
Um vier Uhr früh ein weiteres Highlight: Hercules & Love Affair, zum ersten Mal live erlebt! Die wahrscheinlich offensichtlichste Frage gleich vorweggenommen: Nein, Antony Hegarty war nicht mit dabei. Aber ja, die Show war umwerfend und verlor durch seine Abwesenheit nichts an Magie. Die beiden Frontfrauen, Nomi und Kim Ann Foxman, die unterschiedlicher nicht sein könnten – die eine ultra-verführerisch, die andere jugendlich-burschikos – fanden den richtigen Draht zum begeisterten Publikum, vorgeführt wurde das gesamte Album.
Das von mir wahrscheinlich mit der größten Spannung erwartete und durch Terminkollision mit Dubfire (super, aber katastrophaler Sound auf der SónarLab Bühne) fast verpasste Konzert des Festivals trug den kryptischen Titel »X-102 discovers The Rings Of Saturn«. Hinter diesem Namen verbarg sich niemand Geringerer als Jeff Mills und Mike Banks, die Detroit-Ikonen, mit einem 40-minütigen Liveact, der es in sich hatte. Erstmals 1992 aufgeführt, handelt es sich um einen live hergestellten Soundtrack zu den ersten und bisher genauesten Aufnahmen des Planeten Saturn. Mills mit drei CD-Mixern, Laptop, gigantischen Mischpulten und sonstigem technischen Kram, Banks ihm gegenüber an den Keyboards/Synthesizern, beide in stoischer Ruhe, beide professionell bis zur Perfektion. Die Musik: Detroit pur, extrem komplexe Rhythmuswechsel, hard stuff, allererste Klasse, wir alle: sprachlos!
Gleich zweimal (Freitag und Samstag Abend) führte ich mir die Tunes der portugiesisch-angolanischen Entdeckung Buraka Som Sistema zu Gemüte, eine herrlich erfrischende Mischung aus Kudurobeats, HipHop, Electro und Pop.
Samstag, Sónar by Day: Das Durchhalten des von mir streng durchorganisierten Festivalplanes war ob der Hitze, fortschreitender Erschöpfung und Freundesanhang nun nicht mehr möglich, einige Shows fielen traurigerweise diesen Umständen zum Opfer. Überhaupt trat wie bei allen guten Festivals ständig das alte Problem auf: Wie kann ich mich drei- oder vierteilen, um auf allen Bühnen gleichzeitig und trotzdem entspannt und aufmerksam zu sein? Bei den 335 durchgehend großartigen Artists des Sónar umso mehr ein Ding der Unmöglichkeit, eine permanenter Stressfaktor – hier gibt es einfach ZU viel des Guten! Im Laufe der drei Tage verpasste ich leider also: Pan Sonic, Yazoo, Justice, Pantha du Prince, Efdemin, Matmos und das angeblich tolle Minus-Showcase namens »Contakt«, bei dem die ganze Riege der Minus-Stars vereint vier Stunden lang an sechs Laptops Beats produzierte. Wie gesagt, man kann nicht alles haben… Höhere Mächte verhinderten die Shows von Konono No1 und M.I.A., zwei Konzerte, die ganz oben auf meiner Liste standen und leider abgesagt werden mussten.
Gottseidank nicht abgesagt, und auch nicht verpasst: Kalabrese Pres. The Rumpelorchester, funkiger House-Disco-Pop des überaus sympathischen Schweizers und seiner Band, die das gesamte Publikum zu Freudenstürmen hinrissen. Und The Field, kompakt\’scher schwebender Minimal, zum Weinen schön.
Zum Abschluss gab sich Ricardo Villalobos die Ehre, auf der größten und besten Bühne des Festivals, SónarPub, mit Raum für 12000 Leute unter der aufgehenden Sonne: Kommerz, möchte man glauben, doch gottseidank wurde man eines Besseren belehrt: Eine organische Auswahl aus frickelnden Beats, allen voran, und auch als Abschluss, der großartige House Classic »I called you (The Story Continues)« von Lil Louis und inklusive dem wahrscheinlich besten Stück Musik, das ich seit Jahren gehört habe, »Bulgarian Chicks« von Balkan Beat Box.
Seitenweise könnte man noch so weitermachen, könnte noch erzählen von Miss Kittin und ihrem wie immer genialen Dj/Liveset mit A-Capella-Einlage am Ende, vom japanischen Noise-Rock-Electro Wahnsinn von Bogulta, vom amerikanischen Girl-HipHop von Yo Majesty, und und und… Auch ohne Erwähnung blieben bis jetzt die außermusikalischen Aspekte des Sónars, die Multimedia-Ausstellungen über Vergangenheit und Zukunft des Kinos, (Kurz-)Filmvorführungen, Konferenzen, Platten- und Modestände, die Licht&Sound Installationen des Sonorama. Zuviel der Eindrücke; und keine Worte könnten der Größe dieser drei Tage gerecht werden. Kein Wunder, dass jeder, der dieses Festival erleben durfte, immer und immer wieder kommt, und auch für mich besteht kein Zweifel: Ab jetzt kein Sommer mehr ohne Sónar!