Sometimes Happy Sometimes Sad

Seit westliche Firmen in die Produktion des indischen Films Lagaan investiert haben und dieser es als dritter indischer Film der Geschichte zu einer Oscar-Nominierung und schließlich in die amerikanischen und europäischen Kinos geschafft hat, ist Bollywood im Trend.

Hiesige Kinos spielen Hindi-Filme, wobei die Qualität der Retros kaum zu unterbieten ist. Auswahlkriterium sind die Untertitel und schnelle Erhältlichkeit einer Kopie. Kein Wunder, dass dadurch ein sehr verzerrtes Bild des indischen Kinos entstehen muss – und ein sehr einseitiges. Politisch relevante und brisante Filme, sowie formal herausragende Filme und auch Dokus werden nicht gezeigt. Längst haben andere Festivals wie das ‚Indian Film Festival of Los Angeles‘, das heuer im April stattfand, interessante Streifen thematisch gebündelt und auch Regisseusen/Regisseure und SchauspielerInnen aus Indien eingeladen und zu Wort kommen lassen. Nicht so hierzulande, wo die Auseinandersetzung mit Bollywood nicht über die Behauptung, dort würden im Jahr 900 Filme gedreht, hinausgeht – eine falsche Behauptung übrigens.

DDLJ und KKHH?

Auf musikalischem Gebiet aber ist der derzeitige Boom durchaus begrüßenswert. Indische Soundtracks sind nun bei uns erhältlich. Ein Beispiel dafür ist die vorliegende CD des Soundtracks zu KABHI KUSHI KABHI GHAM (Sometimes Happy Sometimes Sad). In Indien kürzt man Filmtitel mit vier Worten ab, deshalb heißt KABHI KUSHI KABHI GHAM auch KKKG oder – noch kürzer – K3G. Der Soundtrack stammt vom Komponistenduo JATIN-LALIT, das schon für die Superhits DILWALE DULHANIYA LE JAYENGE (DDLJ) und KUCH KUCH HOTA HAI (KKHH) die Musik komponiert hat. Alle drei Filme sind Liebesgeschichten um das Traumpaar Kajol und Shah Rukh Khan, weshalb Jatin-Lalit immer wieder Themen aus ihren vorherigen Filmen in K3G eingebettet haben.
Der Film, der in Indien 2001 angelaufen ist, besticht vor allem durch sein massives Staraufgebot. Gleich sieben große Filmstars sind in diesem Streifen zu sehen. Das Ehepaar Jaya und Amitabh Bachchan, das in vielen Filmen der 70er- und frühen 80er-Jahre zu sehen war (z.B. in dem berühmten indischen ‚Western‘ SHOLAY), ist nach langer Zeit – diesmal freilich schon in der Rolle von Mutter und Vater – wieder gemeinsam auf der Leinwand zu sehen.
Wie in DDLJ und KKHH hat das Traumpaar Kajol und Shah Rukh Probleme: Der Vater will die Ehe nicht akzeptieren. So leben sie zwar in London zusammen, sind reich und erfolgreich und haben einen Sohn; aber glücklich sind sie nicht. Das Problem ist nach dreieinhalb tränenreichen Stunden jedenfalls gelöst und es gibt nur mehrkhushi und nicht mehr gham.

Sanfte Töne von Jatin-Lalit

Die vorliegende CD vereint die Creme der Sängerinnen und Sänger Indiens: Lata Mangeshkar, Kavita Krishnamurti, Alka Yagnik, Udit Narayan und Amitabh Bachchan, einen der wenigen Schauspieler, der selbst singt und mit ABY BABY auch schon ein eigenes Pop-Album vorgelegt hat. Hitverdächtig ist der Song SAY SHAVA SHAVA, von dem nur noch ein Disco-Remix nötig wäre, um es mit der Breitenwirkung eines Punjabi-MC aufzunehmen. Die an sich sehr sanften Töne überraschen bei Jatin-Lalit nicht. Nennenswert ist auch der Song YOU ARE MY SONIYA, der im Film mit einer opulenten Tanzszene und dem tänzerisch ausgezeichneten Duo Kareena Kapoor und Hritik Roshan inszeniert ist. Der Titelsong, der im Film opernhaft als Thema wiederkehrt und andere Songs wie BOLE CHUDIYAN sind eher Meterware und in ihrer Klischeehaftigkeit kaum von Tausenden anderen Songs unterscheidbar.
Bei einer Tränenorgie, wie es der Film K3G nun einmal ist, muss die Balance zwischen moderner Instrumentierung und traditionellen Rhythmen gut ausgewogen sein. Und so gibt es in jedem Song Chorpassagen und Rhythmen, die im Hinblick auf die Tanzszenen im Film notwendig sind. Die Vielfalt der Stile wird immer innerhalb eines Songs ausgelebt, weshalb der ganze Soundtrack auch keine Vielfalt aufweist. Das ist keineswegs abwertend gemeint. Aber Liebhaber indischer Soundtracks werden doch eher die Songs eines A. R. Rahman oder Vishal bevorzugen.

Bollywood ist trendy

Wer indische Soundtracks kauft, wird es schon oft bemängelt haben: Die CD-Booklets lassen meist zu wünschen übrig. Meist bekommt man auf einem einfach aufklappbaren Folder nur wenige bis gar keine Informationen mitgeliefert. Zumindest die Credits der Songs würde man dort gerne lesen. Die Lyrics bekommt man so gut wie nie mitgeliefert.
KUCH KUCH HOTA HAI war hier eine rühmliche Ausnahme. Auch das deutsche Booklet von K3G, das Sony Germany herausgibt, ist schön gemacht. Leider besteht sein Inhalt aus den üblich platten Informationen über Bollywood, gespickt mit den Fehlinformationen und falschen Zahlen, die in jedem Artikel über dieses Thema erscheinen. Weder werden in Bombay im Jahr 900 Filme gedreht, noch ist Bollywood die Filmindustrie ganz Indiens.
Schließlich erfährt man ein wenig über die Stars, die in K3G mitwirken, wer ihre Großmütter und Großväter waren und wie viele Heiratsanträge sie an einem Tag bekommen. Diese CD zeigt eines: Das BOLLYWOOD trendy ist. Trends hören aber auch bald wieder auf. Es wäre schön, wenn diese Modewelle durch eine etwas hintergründigere Beschäftigung mit dem indischen Kino und mit indischer Musik ersetzt werden könnte und man sich bei der Auswahl der Filme und der Recherche ein wenig mehr bemühen würde.

OST Sometimes Happy Sometimes Sad (Sony)

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