© Zero Covid

So geht’s nicht weiter

Bei skug beschäftigen wir uns intensiv mit den Folgen der Pandemie. Die eklatante Unfähigkeit der Politik, Lösungen zu finden, wird immer beklemmender. Deswegen unterstützen wir die Zero-Covid-Initiative.

Erinnert sich noch wer an die »Auferstehung nach Ostern«? Mit klerikaler Finesse wollte der österreichische Bundeskanzler Kurz den Bürger*innen Hoffnung schenken. Das war vor knapp einem Jahr. In diesem Jahr haben wir alle einen Tunnelblick entwickelt. Wir haben viel Elend gesehen, viel Frust erlebt, nur wirklich ein Licht am Ende des Tunnels sahen wir nicht. Daheimsitzend »nutzte« die skug-Redaktion die Zeit und schrieb zumindest an so etwas wie den »Covid-Chronicles«. Wer gerade nichts zu tun hat, kann gerne schmökern, wir halten bei 72 Artikeln, die das Virus thematisieren. Fein, aber nun wäre es wirklich einmal an der Zeit, etwas zu ändern. Warum geschieht dies nicht?

Wie schau’n wir aus: Impfung gefällig?
Wer längst alle Geschichten zum Virus über hat, erntet unser volles Verständnis. Nur nützt es nichts, der miesen Lage sollte trotzdem ins Gesicht geblickt werden. Die Politik liefert vornehmlich kalmierendes Gerede und schaut ansonsten darauf, dass der Laden weiter läuft wie bisher. Und genau darin liegt das Problem. Bei skug hören wir nicht nur gerne Musik, sondern wir hören auch gerne zu, insbesondere Wissenschaftler*innen. Hier also das aus vielen Quellen gespeiste Erinnerungsprotokoll der Redaktion. Zunächst eine der wenigen guten Nachrichten: Jede Pandemie endet und bricht in sich zusammen. Nur leider kann dies noch ziemlich lange dauern. Die aktuelle Strategie gegen die Ausbreitung des Coronavirus fußt bekanntlich im Wesentlichen auf zwei Komponenten: Impfungen und Lockdown.

Die Impfungen dürfen als ein Wunderwerk der medizinischen Forschungen betrachtet werden und es ist großartig, dass es sie gibt. Tagtäglich ereilen uns nur leider die Nachrichten, dass die Impfstrategien »korrigiert« werden müssen, dass die Lieferungen stocken, dass manche Impfungen wohl nachgebessert werden müssen. Dies war leicht vorhersehbar. Die gigantische Aufgabe, letztlich ungefähr sechs Milliarden Menschen impfen zu müssen (und zwar je zweimal), um eine genügend große weltweite Immunität zu erreichen, hätte jede*r aufrichtige Politiker*in als Mammutaufgabe bezeichnen müssen. Zu hören war aber nur begeistertes Gequatsche und zahlreiche Fototermine (»Gruppenbild mit Spritze«). Tenor stets: Bald sei alles wieder normal. – Nö, leider eben nicht. Zunächst einmal wurde nonchalant verschwiegen, dass eine echte Normalität nur zu erreichen wäre, wenn wirklich in allen Ländern dieser Erde genügend Impfstoff da wäre, schließlich ist das Virus auch überall angekommen. Heimlich, still und leise setzten die meisten Politiker*innen voraus, dass den Wähler*innen dies ohnehin schnuppe sei. Keine Glanzleistung an internationaler Solidarität. Nur, wenn diese globale Immunität nicht erreicht wird, dann wird es auf lange Zeit nicht mehr den gewohnten Austausch zwischen den Ländern geben können und Neuausbrüche sind überall unvermeidlich.

Dann ist da diese blöde G’schicht, dass die Immunisierungen möglicherweise nur von relativ geringer Dauer sind. Bei symptomatischem Krankheitsverlauf bleibt die Immunität nach neuesten Erkenntnissen ein halbes Jahr erhalten, bei der Impfung konnten erst fünf Monate Immunisierung belegt werden, die Hoffnung liegt aber darin, dass der Schutz drei Jahre anhält.  Wenn die Menschheit Pech hat, könnte es allerdings sein, dass das Lichtlein am Tunnelende ganz schnell wieder ausgeknipst wird. Hinzukommt, dass sich noch immer nicht sagen lässt, ob mit Impfungen eine sterile Immunität erreicht wird, das bedeutet, dass das Virus von den symptomlos erkrankenden Geimpften nicht übertragen werden kann. Hoffnungen auf die Impfungen sind berechtigt und es sollten so viele Menschen wie möglich daran teilnehmen, nur, es ist sicherlich nicht die schnelle, lockere und saubere Lösung, die uns weisgemacht werden soll.

Wie wirkt ein Lockdown?
Bleibt also nur ein Lockdown als Maßnahme gegen das Virus. Nur, die Lockdowns wirken immer weniger. Beim Blick auf die Zahl der Neuinfektionen in Österreich zeigt sich ein Plateau, das nur ganz langsam absinkt. Es gab jüngst einen Tag in Österreich, an dem die Zahl der Genesenen um genau eine Person über der Zahl der Neuinfektionen lag. Langsamer geht es kaum. Das Problem mit diesem Virus ist, wie mit jedem anderen, dass es sich dauernd wandelt. Diese Mutationen sind meist für das Virus schädlich, manchmal erlauben sie ihm aber auch eine bessere Anpassung. Dies ist bisher in mindestens drei Fällen passiert: in Großbritannien, Südafrika und Brasilien. Je mehr Wirte es für das Virus gibt, desto mehr Möglichkeiten hat es, zu mutieren und sich anzupassen. Deshalb müsste im Grunde jede einzelne Übertragung verhindert werden. Davon sind wir in der Welt – bis auf die Ausnahme einiger weniger Länder – sehr weit entfernt.

Der letzte Sommer war ganz okay. Es gab – unter strengen Auflagen und Sicherheitsmaßnahmen – beispielsweise Salon skug Veranstaltungen an der frischen Luft und ein paar in gut gelüfteten Räumen. Der letzte Sommer wurde aber durch einen konsequenten Lockdown im Frühjahr »erarbeitet«. Dieser halb-offene Sommer war möglich wegen unvergleichlich niedrigerer Zahlen, als wir sie heute haben und als wir sie heute überhaupt noch anstreben. Wenn die Zahlen aber nicht wieder so weit heruntergedrückt werden, dann kann die Krankheit im nächsten Sommer schneller und stärker wieder aufflammen und gleich den vierten und fünften Lockdown liefern. Sicherlich, wenn zu diesem Zeitpunkt schon genügend Menschen geimpft wären, dann wäre dies vielleicht unerheblich. Die bisherige Logistik der Krisenbewältigung lässt nicht wirklich darauf hoffen. Pleiten, Pech und Pannen war bislang das Motto. Sei es beim Testen, bei der Corona-Ampel oder jetzt beim Impfen. Eingedenk der großen Schwierigkeiten sieht es ein bisschen so aus, als konnten oder wollten die Staaten als »ideelle Gesamtkapitalisten« nie richtig in den Krisenmodus springen. Lieber sollten, mal hier mal da, die Krankenpfleger*innen oder die Kindergärtner*innen das alles ausbaden, während anderswo brav weiterverdient wurde.

Zero Covid
Dem soll nun mit dem Konzept »Zero Covid« ein Ende gemacht werden. Mit einem wirklichen Lockdown, der auch die bislang geschützten Wirtschaftsbetriebe beinhaltet, soll die Zahl der Neuinfektionen auf null gedrückt werden. Diese »solidarische Arbeitspause« soll finanziert werden durch konsequente Beteiligung derjenigen, die sich in der Krise bislang einen schlanken Fuß gemacht haben. Eine europaweite Covid-Solidaritätsabgabe soll auf große Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen erhoben werden. Die Infrastruktur der sozialen Gesundheitseinrichtungen soll ausgebaut und kein Mensch in der Pandemie zurückgelassen werden. Was epidemiologisch sicherlich leicht zu begründen wäre, nämlich die wesentlich umfassendere Kontaktbeschränkung, weil auch die Arbeitsplätze betreffend, wurde bislang immer ausgespart. Dieser »echte« Lockdown würde zumindest der Lockdown-Müdigkeit entgegentreten, denn es würde damit eindeutig signalisiert: »Es ist ernst« und nicht: »Es ist schon irgendwie ernst, aber Skikurs geht eh und Hackeln müss’ ma sowieso.«

Das von zahlreichen Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und auch beispielsweise von Menschen aus der Pflegearbeit unterstützte Konzept, mit einem wirklich harten Lockdown das Virus zu bekämpfen, klingt selbstverständlich ein wenig übergeschnappt. Und ist es vermutlich auch. Eine Null, ein Zero ist wohl kaum zu erreichen. Ziemlich sicher müsste dieser Versuch auch vor Erreichen der Null abgebrochen werden. Viele Fertigungsbetriebe können nicht dauerhaft stillstehen, sie müssen irgendwann weiterarbeiten und das wäre wohl auch im sonnigsten Sozialismus so. Der Ansatz ist nur sehr wichtig, jetzt einmal entschieden die Frage zu stellen, weshalb immer die Vermögenden, der Besitz ganz allgemein und die daraus resultierende Machtverhältnisse aufrechterhalten werden. Egal, was passiert. Gern wird in Krisenzeiten in der Politik pompös vom »Krieg« geredet. Na bitte, führe man mal einen metaphorischen Krieg gegen das Virus, bei dem die Schüsse nur per Nadel in den Oberarm gehen und bei dem übergangsweise eine »Kriegswirtschaft« eingeführt wird. Die stellt die Zuteilung des Nötigen (»Kriegswichtigen«) über den Gewinn und zwingt auch Vermögende zur Beteiligung. (In der Theorie zumindest – selbstverständlich konnte man sich historisch immer aus der »patriotischen Pflicht« freikaufen und am Krieg gewaltig verdienen.)

Auch ist jedem*jeder Hobbyökonom*in klar, dass diese Maßnahmen einen gigantischen Eingriff in unser Wirtschaftssystem darstellen, und das ist auch immer mit gewissen Risiken verbunden – gelinde gesagt. Nur, wenn nicht jetzt, wann dann? Außerdem, die wohlartikulierten mahnenden Stimmen der Wirtschaft, die ihre Vertragsautor*innen ohnehin an den »richtigen Stellen« haben, werden sicherlich das Modell ausreichend abschleifen, damit auch keinem Shareholder-Value was passiert. Sage niemals jemand, Musikkulturjournalist*innen seien naiv, wenn es ums große Geld geht. Es ist aber wirklich erstaunlich, wie völlig überspannt beispielsweise die »Süddeutsche Zeitung« über »Zero Covid« schreibt. Da wird gleich mal »Venezuela« ausgepackt und die Leser*innen können froh sein, dass nicht noch ein »Gulag« draufgelegt wird. Die »halbtotalitäre Fantasie« legte dann gleich die »taz« nach. Ja eh, ganz lieb, warum sollten wir auch ausgerechnet jetzt über den Kapitalismus reden, der uns diese Krise mittels industrialisierter Landwirtschaft eingebrockt hat? Wo kämen wir denn da hin, wenn wir einmal das Gespräch wagen würden, jenen einen Beitrag abzuverlangen, die davon profitieren, dass wir genau da angelandet sind, wo wir jetzt sind?

Eine wirkliche gemeinsame Anstrengung, eine internationale, eine solidarische sollte jetzt her. Einfach wird das nicht. Die Diskussion muss aber endlich einmal in Gang gebracht werden. Unterschrieben werden kann auf zero-covid.org und nach guter aktionistischer Sitte können die Politiker*innen des eigenen Vertrauens, und am besten jene aus der nächsten Nähe, einmal gefragt werden, was sie davon halten. Den Mandatar*innen einfach den Link zur Website oder sogar diesen Artikel schicken. Wir freuen uns übrigens auch bei skug immer wieder über Einsendungen, denn wir lieben jede Art von Bedenken. Glauben aber auch, dass Krisen zu Änderungen führen sollten. Und so geht’s nicht weiter.

Link: https://zero-covid.org/