Der belgische Musiker Ben Van Houdt, der sich hinter dem Projektnamen SITKA verbirgt, hat mit dem vorliegenden Album eine Tumorerkrankung in seiner linken Hand verarbeitet. Die Aufnahmen sind daher Meditationen über die Furcht, nicht mehr Gitarre spielen zu können, bzw. Ausdruck davon, unter veränderten Bedingungen das Instrument zu bedienen. Ich schreibe das, weil es in den Produktionsnotizen zum Album vermerkt ist – man würde es aber gar nicht merken, wenn der Künstler dieses Motiv nicht selbst offengelegt hätte. »Bone Flower« ist nicht die erste Veröffentlichung von Van Houdt und alle seine Arbeiten können als Ambient bzw. elektronische Musik durchgehen. Da kamen in der Vergangenheit nicht nur die Gitarre, sondern auch Synthesizer zum Einsatz und auf »Bone Flower« ergänzend Oszillatoren, Bandmaschinen und anderes. Van Houdt spielt sein Instrument sachte, mit Bogen oder E-Bow, und wenn die Saiten überhaupt klassisch angeschlagen werden, dann nur sehr behutsam. So entsteht eine dunkel grundierte, melancholisch gestimmte Musik, die – obwohl ihrer Motivation nach sehr persönlich gestimmt – vergleichbar ist mit Veröffentlichungen von Steven R. Smith, Jon Collin oder Richard Skelton. Jenseits solcher formalen Hinweise auf Nachbarschaft kann es herausfordernd sein, solche Musik zu beschreiben, denn ihr mimosenhafter Charakter erfordert einen vorsichtigen Umgang mit ihr. Die schwebenden Töne sind flüchtig, scheinen wie künstliche Atome zu zerfallen, kurz nachdem sie entstanden sind, und hinterlassen kaum eine Spur ihrer vorübergehenden Existenz. Das schmälert allerdings nicht ihre Wirkung auf die Seele. Die sieben instrumentalen Kompositionen evozieren eine Reihe ambivalenter Gefühle: Hoffnung, den Gedanken an eine ungewisse Zukunft, die Sehnsucht um Gewissheit – nicht zuletzt, weil man um einen Ursprung der Musik in der medizinischen Diagnose weiß. Aber auch ohne den Hinweis auf diesen sehr spezifischen biografischen Hintergrund lädt Van Houdts Musik zur Introspektion ein, zum Innehalten. Nun würde ich sagen, dass solche Musik immer dann besonders wirksam und daher gut ist, wenn sie nicht bloß einlullt, sondern auch beunruhigt bzw. wenn die Wanderungen durch Seelenlandschaften nicht um Abgründe herum, sondern durch sie hindurchführen. Stichwort: Katharsis. Mit Blick auf »Bone Flower« scheint es, als habe Ben Van Houdt die existenzielle Krise (nicht nur mithilfe von Musik) gemeistert und für alle anderen ist dabei ein eindrucksvolles Album instrumentaler, elektrischer Gitarrenmusik abgefallen. Sehr gut!
SITKA
»Bone Flower«
Doubtless Guilt/Dust Cutter
Unterstütze uns mit deiner Spende
skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!











