Semanthematische Mobilmachung: The Rammellzee

Auf seiner aktuellen Platte »The Bi-Conicals of The Rammellzee« (Gomma) ist die NY-HipHop-Legende The Rammellzee dabei, ein ganzes Album lang Sprache, Wörter und Buchstaben durch den HipHop-Katalysator zu jagen. Aufrüstung der Zeichen in Zeiten allgemeiner Sprach-einebnung.

(Langfassung des Artikels in  #59,6-8/2004)

Rammellzee löscht solange Zeichen, Symbole und Zusammenhänge aus, bis daraus ein großes schwarzes Loch entsteht, das sämtliche »tags« in sich aufnimmt, die überall in den Gassen aufgesprüht sind. Seine Wissenschaft, betrieben als unendliche Hermeneutik, ist die vollständige Mystifikation des Alltags, versteckt hinter lebensgroßen Masken. Die Fantasiegestalt Rammellzee ist authentischer als Rammellzee selbst. Rammellzee führt einen ikonoklastischen Angriff auf die Götzenanbeter des HipHop, um sich gleich darauf als abenteuergestählter Titan, als Replikant für eine bessere Welt, selbst zu lobpreisen.

Ramm3_1.jpgGeboren 1960 in Far Rockaway/Queens, machte er seit 1979 die Straßen und das Untergrundbahn-Netz von New York unsicher, er ist eine Graffiti-Legende, von dessen Wort- und Zeichenverklausulierungen sich Leute wie Goldie inspirieren ließen, Spray-Visionäre wie Futura2000 und er sind seit halben Ewigkeiten Soul Buddies.

So praktisch nebenbei zeichnete er mit seinem damaligen Partner Jean Michel Basquait für den Track »Beat Bop« verantwortlich. 1983 veröffentlicht, ist dieses HipHop-Electro-Monster letztes Jahr auf MoWax/SoulJazz wieder-veröffentlicht worden. Sein Langzeit-Partner in crime K-Rob ist auf »The Bi-Conicals« mit der Neuversion als »Beat Bop pt. 2« ebenfalls vertreten. Als aggressive »Prä-Rap«-Nummer verschrien, ist »Beat Bop« die Vorwegnahme des Gangsta-Styles unter Realo-Streetlive-Bedingungen. Glamour im herkömmlichen Sinn ist nicht Ramm’s Intention: Rammellzee betreibt Wissenschaft, die unendliche, oder vielmehr endliche Wissenschaft vom Beat. »HopHop zu einer Folge formaler Operationen emporzuabstrahieren, ist der erste Schritt in Rammellzees Militarisierung der Beatkultur.« (Kodwo Eshun: »More Brilliant Than the Sun«, S. 36).

Weitere Stationen auf der Reise in den eigenen Kontinent waren etwa sein Gastauftritt auf »Rhythm Killers« von Sly & Robbie 1987 und natürlich sein Beitrag in »Wildstyle« (R.: Charlie Ahearn, 1982), dem HipHop-Film schlechthin und zwei Jahre später in dem Jim-Jarmusch-Juwel »Stranger Than Paradise«. Die »legendäre« Graffiti-Dokumentation »Style Wars« mit Rammellzee als einer ihrer Protagonisten ist 2003 zum 20.sten Jubiläum auf Doppel-DVD wiederveröffentlicht worden. 

 

Rammellzee und die Maschine: Die Affirmation des Junk Ramm2.jpg

Welch eine auf den ersten Blick abstruse Mischung: Ein kosmischer Maschinenmensch, als wenn die Schall-Aliens von Sun Ra und »Tetsuo« ineinander geschmolzen wären. Kein Magus aber, sondern eine Junk-Version davon, amerikanisches »Streetstyle« und seine japanische Ausprägung unter den Vorzeichen des Maschinenmenschen, der die akustischen Abfallprodukte der modernen Großstadt verarbeitet. Ein schamanistischer Mystiker mit dem Charme eines guten Monsters aus einem Animée.

Rammellzee bringt die Mensch-Maschine-Diskussion auf eine aktuelle Ebene: Ähnlich wie Grandmaster Flash & The Furious Five, die 1982 mit der Vocoder-Stimme in »Scorpio« schwerste De-Humanisierung betrieben und so eine neue Qualität in den HipHop gebracht hatten, ist auch Rammellzee an einer Abstraktionserhöhung dran, den Körper in neue Bewusstseinszustände umzulagern.

»Jamin Zabar« kommt mit der Wucht eines Maschinentitanen daher, der durch eine apokalyptische Großstadt streift und die Wahnsinnigkeiten rundherum nicht begreifen kann. Tanzen ist hier nicht angesagt, man kann schon froh sein, wenn man selbst nach mehrmaligem Hören die Tracks wiedererkennt. Komplexitäts-steigerung mit mehrfach gebrochenen Beatmustern: Dabei knallen einem Lyrics um die Ohren, die mehr Schüttelreime als sonst etwas sind. Sein Futurismus speist sich aus der bildhaften Umdeutung von Sprache, der von ihm miterfundene »Wildstyle« macht aus den »tags« ineinander verzahnte Buchstaben-Anhäufungen.

Indem er sich auf die »tags« bezieht und sie »ikonoklastischen Panzerismus« nennt, verleiht Rammellzee dem Afrofuturismus semiotische Qualitäten, von denen sich Greg Tate – seines Zeichens auch kein Unbescholtener auf diesem Gebiet mit seinem Text »Yo! Hermeneutics«, der Namensgeber für den 1993-er Sammelband im ID-Verlag werden sollte – und eben Kodwo Eshun hellauf begeistert zeigten und mit Vergleichsnamen wie Houston Baker (»Blues, Ideology«; 1987) zur Stelle waren. Rammellzee ist auf den bildlich-grafischen Symbolgehalt des Buchstaben aus, nicht auf seine phonetischen Zusammenhänge, auf eine Hermeneutik, die die Realität auslöscht. Er verbindet, was zusammengehört: So bezeichnet das englische »character« nicht nur einen Typen, sondern auch eine Type.

Japan – Deutschland – USA: Rammellzee hat seine Andock- und Beschleunigerstationen überall, quer durch Zeit und Raum: Zusammen mit dem Münchner Produzenten Munk (u. a. zuständig für Elektro-Rockabilly der Marke ElectroniCat) und der Death Coment Crew war über das Label Gomma bald ein Bündelungsfokus gefunden: Rammellzee hatte sich lange Zeit in den USA, aber verstärkt in Japan herumgetrieben, war bei vielen Konzerten als Haupt- oder Gastrapper aufgetreten und mit DJ Kensai und Jaws der Poets of Rhythm abgehangen. Aber hauptsächlich in den Gebieten Bildende Kunst unterwegs, vornehmlich mit Bill Laswell, Collagenmalerei und Erforschung seines Kontinents des »Gothic Futurism«. Oder, wie er es auf der Nummer »Do we have to show a resume?« ausdrückt: »Den elektromagnetischen Code absorbiert«.

Rammellzee ist der Hohepriester der De-Materialisation semiotischer Psychosen. Er macht auf den bösen Priester-Onkel, vor dem uns reihenweise die puritanischen Filme warnen wollen: Von seiner Kanzel aus indoktriniert er die, die zuhören wollen. Ein Mensch mit Sendungsbewusstsein. Aber auch er ist vor den Konsequenzen nicht gefeit: »I gave them a lecture but still I walk alone.«

 

Die Gutenberg-Galaxis durchpflügen

Es gibt den universellen, den elektromagnetischen Code, an den alles Denken und jede Äthervibration angeschlossen ist. Rammellzee zapft diesen Code, der in jedem von uns pulst, an und inszeniert so eine allgemein gültige, indes subkutan zirkulierende Zeichensprache, die »Krypto[Gram]matik«. Dieser Code ist aufgeladen mit sonischen Destabilisierungstechnologien. Mit ein paar wenigen Platten schafft es Rammellzee, die Quintessenz unserer Kommunikation zu HipHop gerinnen zu lassen. Das Raumschiff Rammellzee hat die Gutenberg-Galaxis schon längst verlassen. Seine Wörter sind mathematische Gleichungen x-ter Ordnung, semantisch x mathematisch = semanthematisch.

Rammellzee bastardisiert Brion Gysin: Beide malen Worte und setzen so die in die Zukunft weisende Energiebündelung der Akronyme in Kraft. Daher fragt Rammellzee auch gleich im ersten Track auf »The Bi-Conicals«: »Do we have to show a resume?«, das er zusammen mit den Tokyoter Breakern Taketo & Ferris Wheel in den Äther schickt. Welch tektonische Kontinentaldriftungen heftigster Natur hier vonstatten gehen, lässt sich ansatzweise erahnen, wenn auf »Resume« marokkanische Flöten durch die elektrifizierte Distortion-Kammer gejagt werden und dort in bester MC-Escher-Manier zu schlingern beginnen.

»Gothic Futurism«: Rammellzees Manifeste, in denen mathematische Systeme auf metaphysische beschleunigt werden, sind jenseits aller Zentrifugal-Logiken. So wie die Mönche des Mittelalters in kunstvollen Minuskeln den »secret code« der Bibelübersetzungen weitergaben, so kommunizieren Rammellzees »gothic tags« über die Bild-/Symbolebene. »Sigma 1« kündet davon: Reverend Rammellzee indoktriniert in zu Elementarteilchen zerhackten Funk-Licks, die sich gegen Ende per Phaser in ein anderes Bewusstsein verschieben.

Ramm1.jpgAuf »The Bi-Conicals« sind Linearitäten nicht vorgesehen, weil Stillstand einer Auslöschung gleichkommt. In unendlich viele Fragmente zergliedert, zerdreht und dekonstruiert, abstrahiert Rammellzee seine, wie es Eshun nennt, »Beatkultur« und destilliert daraus Kommunikationsviren, die an den Straßen-wänden als semantische Sprengfallen in Form von Graffitis detonieren. Mit ähnlicher Besessenheit wie in dem Film »Möbius« lässt Rammellzee Interaktionsplots zwischen »realer« und »virtueller« Wissenschaft derart miteinander kollidieren, dass sie sich gegenseitig aufheben. Ist erst einmal diese Unendlichkeit erreicht, hebelt das Destabilisierungsinstrumentarium des Dr. Rammellzee den Hörer aus: Praktisch die Verdopplung der Unendlichkeit, des Schattens. Siehe der Name der Platte und ein Cover, das zwei sich gegenüberstehende Hohlspiegel suggeriert, mit den »explosive lenses« aka The Rammellzee dazwischen.

»Ich werde das Unendlichkeitszeichen auslöschen.« (Aus dem »Gothic-Futurism-Manifest«).

RAMM:?LL:Z??