© Simone Egger

Sehnsuchtsort Heimat

Kein Begriff scheint in aktuellen politischen Diskursen umstrittener als jener von der »Heimat«, die mal geschützt, mal gefunden, mal verlassen, mal »neu interpretiert« wird. Eine Klarstellung im E-Mail-Interview mit Buchautorin Simone Egger.

Mit »Heimat: Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden« hat die Münchner Kulturwissenschaftlerin Simone Egger schon 2014 ein Standardwerk zum Thema vorgelegt, bei dem es nicht nur um eine Begriffsgenealogie geht, sondern auch – gerade im Hinblick auf aktuelle Migrationsströme – um die Möglichkeiten von Konzepten jenseits volkstümelnder und völkischer Vorstellungen von »Heimat« im Sinne einer Festung oder einer ethnisch wie religiös homogen gedachten »Volksgemeinschaft«. Kein Begriff scheint in aktuellen politischen Diskursen umstrittener als jener von der »Heimat«, die mal geschützt, mal gefunden, mal verlassen, mal »neu interpretiert« wird. Dazu kommen eigens dafür geschaffene Ministerien (quasi als »Denkmalschutz«) sowie Verankerungen in Landesverfassungen. Dabei fällt es immer schwerer, ebenso die Ambivalenz(en) des Begriffs im Auge zu behalten wie dessen Transformationen als »Bestandteil der Globalisierung«. Anlass genug, sich mittels eines ausführlichen E-Mail-Interviews mit Simone Egger des ebenso sperrigen wie leichtfertig verworfenen Begriffs zu nähern.

 skug: Seit wann gibt es eigentlich den Begriff »Heimat« im politischen Diskurs bzw. als Kampfbegriff?
Simone Egger: Der Begriff »Heimat« beinhaltet eigentlich immer schon eine politische Komponente. Im deutschsprachigen Raum ist damit zunächst ein Anspruch auf Versorgung in einer Gemeinde oder einer anderen zuständigen Stelle verbunden. Damit war »Heimat« oder genauer das »Heimatrecht« so etwas wie eine Versicherung, etwas Einschließendes, aber damit natürlich auch exklusiv. Diejenigen, die dann aus den Dörfern weggegangen sind, um in der Stadt ihr Glück zu machen, waren dann erst einmal heimatlos. Allerdings ließ sich auch das – wenn auch nach längerer Zeit, mitunter erst nach zehn Jahren – neu erwerben. Im 19. Jahrhundert wird Heimat mit der deutschen Romantik nicht nur zum idealen Ort, sondern auch zu einem nationalen Konzept. Es geht darum, eine Einheit, eine imaginierte Gemeinschaft zu beschwören, ein deutsches Reich. Mit Märchensammlungen und Liedern und Sagen … Im 19. Jahrhundert gerät durch die ökonomische Industrialisierung auch gesellschaftlich vieles in Bewegung. Heimat wird zu einem imaginierten Sehnsuchtsort – für die Heimatlosen ohne Rechte, die dann in den Vororten der wachsenden Großstädte wohnen. Lederhosen und Lodenjacken wurden von den österreichischen Kaisern und Herzögen wie von den bayerischen Königen und Prinzregenten schon im 19. Jahrhundert getragen, um sich volksnah zu zeigen. Das heißt, auch Tracht – also vorindustriell produzierte Kleidung – wird immer wieder politisch belegt. Ein Spiel mit einem Bild, wenn man so will. Bilder sind populistische Motive und funktionieren!

Du hast ja auch Untersuchungen zu den Verhältnissen zwischen Land und Stadt, Tracht(en) und »städtischer« Bekleidung in der Zwischenkriegszeit gemacht, wo »Volkskultur« als Tool zur Identitätsstiftung ja immer schon »gemacht« (bzw. verordnet) war und gleichzeitig zur Ausgrenzung anderer (etwa von Juden) diente.
Nein. Das stimmt so nicht. Mich hat interessiert, wie sich Menschen gekleidet haben und kleiden, besonders im Kontext historischer Trachten und moderner Kombinationen wie Dirndln und Lederhosen. Wichtig ist dabei vor allem die Produktion von Bildern. Das Dirndl ist im ausgehenden 19. Jahrhundert wahrscheinlich in der Gegend um Salzburg herum erfunden, sprich designt worden. Das Kleid sollte der Stimmung der Städterinnen in der Sommerfrische entsprechen. Die Herren trugen entsprechend Lodenjanker und Lederhosen, das Outfit war auch zum Bergsteigen und Wandern beliebt. Die Firma Lanz in Salzburg stellte entsprechende Modelle in Leinen für die Städter in Ferien her. Überliefert ist auch ein Bild von Siegmund Freud zur Festspielzeit in Tracht. In München war es das Unternehmen Wallach, das die entsprechende Ferienkleidung in der Stadt vertrieb. Wie dem Band »Trachten nicht für jedermann?« von Ulrike Kammerhofer-Aggermann zu entnehmen ist, wurde es in den 1930er-Jahren den jüdischen Gästen verboten, sich so zu kleiden. Allerdings wurde auch alles andere verboten, Telefonieren, Straßenbahnfahren, Autofahren etc. Das Kleidungsverbot ist aber ein besonders starkes Bild. Das heißt, eine rechte Ideologie hat sich angemaßt, die Deutungshoheit über das zu besitzen, was unter Volkskultur firmiert und immer auch ein Spiel mit Nostalgie und Vergangenheit war. Sie haben das Spielerische durch Demagogie ersetzt und nicht die Kleidung erfunden! Genau das ist für mich das Perfide: zu behaupten, dass man mit »der authentischen Kultur« einer Region verbunden ist – und das mehr als alle anderen. Dann ist man sehr schnell bei »Heimatschutz«, »Rettung des christlichen Abendlands« etc. etc.

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Wie erklärst du dir die Paradoxien zwischen all den »Heimatschutzministerien« und dem, was die Parteien, die sich so was ausdenken, dann bezüglich Themen wie Umweltschutz und Klimawandel aufführen?
Das bayerische Heimatministerium ist ja für Infrastrukturmaßnahmen zuständig. Kultur fällt bis auf Trachtenverbände, wenn ich richtig informiert bin, gar nicht ins Ressort. Hier geht es vor allem um die Behauptung: Seht her, wir haben ein Heimatministerium, das spricht vor allem Befindlichkeiten an. Damit wird demonstriert, wir sind ganz nah bei euch, wir verstehen, was euch bewegt. Die Aufgaben des Ministeriums liegen aber in einem anderen Bereich. Auf Bundesebene war das eine andere Setzung: Seehofer hat das Innenministerium zum Heimatministerium erklärt und damit ganz subtil klargemacht: Ich verteidige unser Land. Kultur = Nation = Staatsgebiet. Heimat ist das, was ich schütze, als innenpolitischer Hardliner. Heimat muss geschützt, muss verteidigt werden. Dafür braucht ihr mich, ich hab’ das drauf … Klassischer Fall von Populismus. Diejenigen, die sich nach Deutschland oder Österreich geflüchtet haben, waren oder sind noch immer heimatlos. Die sollen sich integrieren. Wichtiger wäre jedoch die Frage: Ist es möglich, dass sie irgendwo Halt finden, sich zugehörig fühlen können? Das wäre wichtig für ihre Identität. Ein Heimatministerium hätte 2019 also eine ganze Menge Aufgaben. De facto wird Heimat aber ausgrenzend verstanden, siehe Begriffe wie »Ausreisezentren« in Österreich …

Der Untertitel deines Buchs lautet ja »Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden«. Jetzt definiert Wikipedia »Sehnsucht« als »Krankheit des schmerzlichen Verlangens« und spätestens seit dem deutschen Idealismus und der davon inspirierten Romantik geht es hier auch stark um einen »Schmerz« (oder Phantomschmerz), also um ein Leiden. »Sehnsucht« zieht sich ja auch durch viele Schlager der 1960er. Alexandra singt 1968 (also 25 Jahre nach Stalingrad!) »Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga« und in Rocco Granadas »Buona Notto« lautet die Losung 1963 »Deine Sehnsucht kann keiner stillen / Wenn die Träume sich auch erfüllen«.
25 Jahre nach Stalingrad, ja diese zeitlichen Abstände muss man sich immer wieder klar machen! Diese Idee von Sehnsucht ist diffus, mal nostalgisch verklärend, mal konkreter bezogen auf einen Verlust. Deshalb funktioniert das schmerzliche Verlangen ja so gut. Es kann individuell sein – wie das Empfinden von Heimat und Zugehörigkeit. Man kann ein solches Empfinden aber auch kollektivieren: »Früher war alles besser. Die EU ist schuld. Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat.« Die Behauptung des »Bleibens« ist ja schon ungeheuerlich. Ohne die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents wäre in Österreich gar nichts mit Erdäpfelsalat. Geranien, Kartoffeln, Tomaten – die sind ja alle migriert.

Glaubst du, dass das ein spezifisch deutsches Phänomen ist?
Hier spielt auch eine Rolle, dass Heimat gerne an einem idealen Bild gemessen wird, das es so nie gegeben hat oder gibt. Hier lässt sich eine typisch deutsche Geschichte im Umgang nachvollziehen: Schlager, Heimatlieder und -filme in Zeiten der Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus. Gleichzeitig kann man starke Parallelen zu Österreich sehen.

Inwieweit?
Ich denke, das Empfinden von Zugehörigkeit, ein grundsätzliches Verstanden-Werden(-Wollen) ist ein universal menschliches Bedürfnis. Und das hängt nicht von Sprache oder Nation ab. Egal, wo ich auch herkomme auf der Welt, weiß ich, was es bedeutet, aus dem vertrauten Umfeld herauszufallen oder gerissen zu werden. Wenn ich dann nicht zurück kann, wird die Sehnsucht schmerzvoll. In Aleppo hat jemand schon vor einiger Zeit an sein Haus geschrieben: »Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um zu bleiben«.

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Innerhalb der CDU/CSU und auch der ÖVP/FPÖ gibt es aktuell bekanntlich ein immer wieder anschwellendes Gerede von einer »konservativen Revolution«, die im Grunde nichts anderes als eine revanchistische Anti-68er-Losung ist. Wie kann es sein, dass Anfang des 21. Jahrhunderts ernsthaft gedacht wird, die Welt und die Zeit der »Heimatfilme« seien jene Orte (»Sehnsuchtsorte«), die einem ein »great again« garantieren würden?
Woran sollen sie sich denn sonst festhalten? Eine Vergangenheit, die es nie gab, funktioniert doch ganz gut als Projektion. Heimat als Opium für das Volk!

Ich sage ja, dass die CSU gerade in der Zeit, als Heimat in allen Facetten Konjunktur hat, eigentlich daran scheitert, dass sie kein zeitgemäßes Konzept von Heimat hat. Die haben den Heimatzug quasi verpasst! Gleiches gilt für Trump. Warum wieder in ein patriarchales, altes, weißes Männersystem zurückfallen oder waren wir da nie raus? Kommt mir mitunter an der Uni auch so vor.

Im Fernsehen erfreuen sich seit Jahren sogenannte »Heimatkrimis« (Bayern) bzw. »Landkrimis« (Österreich) größter Beliebtheit, wo »Heimat« als soziales Umfeld – ähnlich wie im Heimatfilm der 1950er – eher unangetastet bleibt. Das heißt, das sind zwar mitunter unterhaltsame Abwechslungen von sonstiger TV-Krimi-Kost, aber was bleibt neben dem rustikalen Ambiente?
Ja, das ist meist ein Fernsehspiel mit Kulissenteilen. Ein »echter« Heimatroman ist für mich Juli Zehs »Unterleuten«, da geht es um Umwelt und Klima und Alteingesessene und Zugezogene. Da werden Autoreifen verbrannt, nur um dem Nachbar Gewalt anzutun.

Würdest du sagen, hier gibt es noch Bezüge zu Sachen wie Martin Sperrs »Jagdszenen aus Niederbayern« (1965, 1968 von Peter Fleischmann verfilmt) oder zu Reinhardt Hauffs Wildererverfilmung »Mathias Kneißl« (1971, u. a. mit Rainer Werner Fassbinder und seiner damaligen Entourage)?
Das wäre wünschenswert! Manchmal glaube ich, die kennt wohl niemand mehr. Schau mal, was die Kulturszene, auch die Freie Szene, rezipiert: Da wird nicht auf Jörg Fauser als Münchner Autor Bezug genommen und sich mit seinen Arbeiten befasst, da wird lamentiert, dass München doch eh scheiße ist. Und die Stücke, die gezeigt werden, kann man überall spielen, die sind überall gleich gehaltlos. Ästhetische Oberflächen bedienen ist wichtiger: Da zeigt man dann Regisseurin XYZ, weil sie halt schon bekannt ist, meistens aber eh nur Männer. Die Münchner Kammerspiele sind allen voran eine oberflächliche Nicht-Diskurs-Anstalt. Ich fände, die Auseinandersetzung mit Martin Sperr und Fassbinder wäre ganz wichtig, um ein Konzept wie Heimat nicht dem konservativen oder rechten Lager zu überlassen. Fassbinder ist ja vielleicht der größte Heimatfilmer überhaupt!

Du pendelst ja berufsbedingt oft zwischen Bayern und Österreich hin und her. Sind dir da eigentlich länderspezifische Unterschiede in Sachen »Heimat« aufgefallen?
Ich glaube, in Deutschland gibt es eine größere Vielstimmigkeit, was Deutungsangebote betrifft. In Österreich liegt über allem, was mit Heimat zu tun hat, eine große Schwere. Es gibt spielerische Versuche, aber die schaffen es meist nicht in den Mainstream. Gabalier verkörpert »moderne Volkskultur«, ist aber völlig frei von Ironie.

Dirndln, Lederhosen und Trachten erleben seit Jahren einen neuen Boom. Gerade um die Oktoberfest-Zeit gibt es zig Features zum Thema Tracht »neu interpretieren« oder dass es wieder »cool« sei, sich (wenn auch nur für die Wies’n) so anzuziehen. Aber so sehr ich mich auch bemühe, schaffe ich es nicht, in diesen »neuen Interpretationen« (egal ob nach »Originalvorlagen und Originalstoffen« oder in der »Plastikversion«) etwas anderes zu sehen als das (wiedererwachte/wiedererstarkte) Alte (Reaktionäre, Konservative, Völkische). Würdest du sagen, dass das mitunter auch ein rezeptionstechnischer Generationenkonflikt ist?
Das Phänomen lässt sich etwa ab dem Jahr 2000 verfolgen. Begonnen haben mit dem Trachtentragen 16- bis 20-Jährige. Also Leute, die etwa um 1980 geboren sind. Und das scheint wichtig, weil sich diese Generation nicht so von vorigen Generationen abgrenzen musste. Das ist definitiv eine Generationenfrage! Zuerst war das auch ganz spielerisch gedacht. In den vergangenen fünf Jahren sind die Kleider dann wieder viel stärker politisch belegt worden. Es geht ja immer um Dirndln und Lederhosen. Das Dirndl ist per se eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Kurze Lederhosen in der Stadt sind auch eine Setzung. Das heißt, von Anfang an ist das ein Spiel mit Bildern, ein Kostümfest im besten Sinne. Nichts ist echter als das andere. Sollen die Leute doch anziehen, was sie wollen. Das ist demokratisch. Ich kann ja auch nicht in der Fußgängerzone zu jemandem sagen: Ihr Plastikfetzen gefällt mir nicht. Das ist halt gesellschaftliche Varianz/Differenz. Das Besserwissen, was echt ist, dient ja meist eh nur der Distinktion … Die modernen Trachten in allen Preisklassen dienen auch als Medium der Verständigung. In München leben sehr viele Menschen aus aller Welt, die einen sind länger, die anderen erst seit Kurzem mit der Stadt verbunden. Dirndln und Lederhosen sind dann oft auch Symbole, um ein Ankommen zu thematisieren. Oder sichtbar zu machen, dass ich jetzt auch dazugehöre. Wenn der FC Bayern seine Titel feiert, sind die Spieler oft in Lederhosen oder Janker zu sehen. Die Mannschaft setzt sich aus ganz unterschiedlichen Menschen zusammen und ist so divers wie die Bevölkerung von München. In dem Moment aber geht es um Identitäten und Verständigung.

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Wenn man sich Trachtenmode aus den 1980ern anschaut, dann schaut das alles eher aus wie »Dallas«/»Denver«-Mode, die quasi in eine »Schwarzwaldklinik«-Welt versetzt worden ist. Also eher schreckliche 1980er als »authentisches Original«. Hatte auch »Heimat« damals vielleicht eine (ganz) andere Bedeutung (war das eher ein »Urlaubsort« als der »Sehnsuchtsort«)?
Aber das sind Geschmacksurteile auf einer ästhetischen Oberfläche! Die Leute kaufen sich Dirndln und Lederhosen, die ihrem alltäglichen Stil, sich zu kleiden, entsprechen. Das ist wie mit Jeans – die gibt es in allen Preisklassen und Varianten. Meine These ist ja, dass die Sache mit der Tracht deshalb überhaupt so gut läuft, weil sie so viel Varianz beinhaltet. Und damit ist nicht der Schnitt per se gemeint, sondern es geht um Bourdieus »feine Unterschiede«. All das Reden über »echt« und »authentisch« sind Versuche der Distinktion. Es sind Abgrenzungsmechanismen. Ich habe ja ein Dirndl von Tchibo, da hat ein Moderator von Bayern 2 mal fast einen Herzanfall bekommen, weil ich das in der Sendung erzählt hab!

Jenseits jener Ansätze, die »Heimat« per se dekonstruieren oder gleich obsolet machen wollen gibt es ja auch die (linke/links-liberale) Losung, Begriffe wie »Heimat« nicht den Rechten zu überlassen. Der ehemalige Grünen-Politiker Peter Pilz (nunmehr Jetzt/Liste Pilz) hat letztes Jahr dazu das Buch »Heimat Österreich» (mit holzschnittartigen Berggipfeln in Rot am Cover) veröffentlicht. Dazu schreibt er auf Facebook: »Mein neues Buch ist ein Aufruf zur Selbstverteidigung. Ich will, dass wir unsere Heimat Österreich gemeinsam verteidigen.« Als Gegner gilt ihm dabei »der politische Islam« und »die Parteien der extremen Rechten«, er sagt aber auch: »Wir wollen keine illegale Einwanderung und wir wollen keinen ungeregelten Zuzug von Wirtschaftsflüchtlingen.« Abgesehen von der Übernahme rechter Terminologien (»Wirtschaftsflüchtlinge«), zeigt sich hier nicht die ganze Problematik solcher Ansätze? Oder anders gefragt: Bräuchte es dazu nicht eher einen Ansatz, der z. B. bei Roland Barthes gelernt hat, dass gegen einen Mythos immer nur ein Gegenmythos hilft?
Die Losung mit der Heimat und den Rechten ist aber nicht neu. Im Bereich Kulturwissenschaften war die Beschäftigung mit Heimat immer so etwas wie ein Pulsmessen an der Gesellschaft. Das fand ich stark und deshalb hat mich der Begriff mit all seinen Konjunkturen interessiert. Wenn ich etwas über Befindlichkeiten wissen will, brauche ich nur den Debatten folgen. Ich sage aber, es gibt noch ein anderes Verständnis von Heimat, wie es in Österreich beispielsweise von der Caritas vertreten wird. Da brauche ich mich gar nicht daran abarbeiten, was die einen oder die anderen damit meinen. Ein solches Konzept muss man unterstützen und nicht die ganze Zeit mit dem andren Quatsch vertrödeln. Heimat ist hier Bestandteil politischer Aushandlungsprozesse, jede*r nutzt es, wie er*sie es braucht. Was mich mehr interessiert, sind Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten. Das heißt, ich verlange von links einen anderen politischeren Blick auf das Thema. Auch wenn man sich selbst im Abarbeiten an der FPÖ mitunter sehr gefällt. Heimat ist etwas, das die meisten Menschen beschäftigt. Und nur, weil ich mir darüber keine Gedanken zu machen brauche, finde ich das ungeheuerlich, dieses Empfinden beispielsweise jemandem aus Syrien, der oder die nichts mehr hat, abzusprechen, nur weil die Rechten den Begriff politisch besetzen. Das ist für mich absurd.

In Oberösterreich hat es die FPÖ (die »soziale Heimatpartei«) geschafft, den Begriff »Heimat« in die Landesverfassung zu bringen. Deren Landesparteiobmann sagt dazu: »Das zentrale Wort meiner Politik lautet Heimat. (…) Heimat ist für mich etwas Selbstverständliches, das Gewohnte, da, wo die Gräber der Vorfahren liegen, wo man wohnt, sich auskennt, sich beim Grüßen die Hände reicht.« Was für eine Art »Sehnsuchtsort« wird hier beschworen und herbeifantasiert? Die »Festung Heimat« im völkischen Sinn?
Das kann man jetzt ganz ernst nehmen und feststellen, dass das ein Konzept ist, das alle Menschen auf der Welt einschließt. Denn sie empfinden ja genauso. Dort wo man mich versteht, fühle ich mich zu Hause. Zur eigenen Identität gehört immer auch, dass ich weiß, wer ich nicht bin und auch wo ich nicht dazugehören will. Auch das geht allen so. Das Perfide an der Verwendung des Konzepts Heimat im genannten Kontext ist jetzt, dass damit eben nicht alle gemeint sind. Schon die Behauptung, dass »man sich beim Grüßen die Hände reicht«, lässt anklingen, dass das eben nicht jede*r tun würde. Egal ob es so ist oder nicht. Am Aufschlussreichsten ist vielleicht der Verweis auf die Gräber. Nicht ich in meiner Generation kann eine neue Heimat finden, ich muss schon seit Generationen im Land leben. Diese Mixtur aus Verständnis und Offenheit mit dem Schüren von Ängsten richtet sich eben gar nicht an eine Heimatwirklichkeit, sondern beschwört die Festung als Sehnsuchtsort.

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Ist es nicht auch paradox, dass so etwas wie Volkskultur, von der ja angenommen wird, dass sie so urwüchsig, authentisch, ursprünglich, organisch und »aus dem Volk« kommend sei, überhaupt mit Subventionen überschüttet wird, sich zeitgenössische Kunst jedoch immer öfters anhören muss, sie müsse halt schauen, wie sie sich quasi »marktkonform« (als »Geschäftsmodell«) selber bewähren muss?
Das muss ja Volkskultur genauso! Folklore ist ein Medium der Kommunikation. In den Alpen funktioniert das ganz hervorragend, aber halt nicht überall. Was Volkskultur ist, wie damit umgegangen wird, sagt die Kulturwissenschaftlerin Sabine Eggmann aus Basel, ist immer politisch, als »doing society« zu verstehen. Über den Begriff wird ausgehandelt, wer die Deutungsmacht im Lande hat. Es gibt auch viele spannende Auseinandersetzungen mit dem Konzept. Wie die Tracht wird das, was man darunter versteht, seit dem 19. Jahrhundert gemacht. Was Volkskultur ist und sein darf, muss immer wieder definiert werden. Es gibt keinen Katalog, in dem alles der Reihe nach festgehalten ist. Versteht man Volkskultur als Spielart von Populärkultur, die regionale Spezifika aufgreift, ergeben sich viele Möglichkeiten. Die Band Von Seiten der Gemeinde, die im Tiroler Dialekt rappt, hat von Seiten des Landes Tirol allerdings keine Förderung erhalten, weil sie, so die Begründung, nicht in dieses Segment passen. Das kann in kurzer Zeit anders aussehen, wenn sich der Diskurs wandelt.

Gramsci hat schon vor knapp 100 Jahren die »Volkskultur« um die »Populärkultur« erweitert (bzw. durch diese abgelöst). Würden all die Debatten um »Heimat« anders verlaufen, wenn dieser Switch (der ja auch den Migrationsbewegungen vom Land in die Stadt geschuldet war) mehr beachtet würde?
Klar, das gab es alles. Auch in der Volkskunde und den empirischen Kulturwissenschaften wurde sich vom Volksleben verabschiedet. Es kommt aber immer wieder zurück. Die Begeisterung für das Landleben, für die Sommerfrische teilten ja vor allem Künstler*innen. Auch Arnold Schönberg zog in den Ferien aufs Dorf. Und Kandinsky hat immer und immer wieder den Murnauer Kirchturm gemalt, um auf seine Abstraktion zu kommen. Vor 100 Jahren gab es schon ein Beschwören einer Idyllenheimat und gleichzeitig war anderes denkbar und möglich. Das kann man besonders gut in Lion Feuchtwangers großem Roman »Erfolg« nachlesen.

In der Lebensmittelwerbung gilt schon lange der Spruch »Zurück zum Ursprung«. Damit ist »Heimat« auch zu einem ökonomischen Faktor geworden. Andererseits streift das immer wieder an völkisches Gedankengut an (»Kauft nur deutsche/österreichische Waren«) und manche Werbung tut so, als wäre sie Teil eines Gabalier-Videos. Zeigt das nicht, dass der Begriff »Heimat« immer problematisch ist, immer nach rechts tendiert?
Ja, Äpfel aus Österreich haben manchmal so einen exklusiven Beigeschmack. Heimat ist dann an Region gekoppelt. Trotzdem bleibe ich dabei, dass Heimat nicht per se nach rechts tendiert. Ein deutscher Supermarkt hat vor einigen Jahren mit Heimatgefühlen geworben: im Angebot waren Paulaner Oktoberfestbier, Schweinefleisch und – Kopfsalat. Das ist doch auch sehr lustig!

Wenn ich dich richtig verstanden habe, appellierst du für einen »Heimat«-Begriff, der nicht statisch/stationär (also nur auf einen Ort bezogen) ist, sondern sich vor allem fließend-dynamisch versteht. Bei dem also auch Aspekte wie Flucht, Vertreibung, Diaspora eine Rolle spielen, ebenso wie das Bedürfnis, irgendwo »daheim« zu sein, ohne jetzt genau definieren zu können, wo das nun gerade ist. Aber gibt es das überhaupt in einer Art und Weise, dass es Effekte/Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben oder die Politik hätte? Oder ist das nur eine weit entfernte Idealvorstellung?
Für mich ist das die realpolitische Auslegung des Heimatbegriffs. Flucht und Diaspora sind nicht nur Randerscheinungen, sondern zentrale Aspekte der aktuellen Heimatdebatte. Politiker*innen, die besonders viel von Schutz sprechen, sind damit auf dem richtigen Weg, nur adressieren sie in der Regel die falschen Leute oder klammern Gruppen aus. Damit entlarven sich vor allem Christdemokrat*innen als weniger nächstenliebend, als sie für gewöhnlich behaupten. Sie sind gleicher als gleich. Heimat spielt für Menschen eine Rolle, als Empfindung, auch wenn sie den Begriff nicht kennen oder ablehnen (weil zu rechts). Daran, finde ich, ist nichts zu rütteln. Und warum dann nicht diese Auffassung verteidigen, eine liberale Vorstellung davon, dass es womöglich ein Recht auf Heimat geben muss?! Meine Wiener Kollegin hat gesagt, mein Heimatbegriff ist interventionistisch. Ok, auch das.

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Ist es im Moment eigentlich möglich, »Heimat« in Form von Tracht uneigentlich (also mit den berühmten postmodernen Vor-/Anführungszeichen) zu tragen? Hipster mit Hirschtattoos sind doch etwas anderes als die Überaffirmation von Tracht/Heimat bei Laibach? All die Craft-Beer-Start-ups (und das aktuelle »Lob des Handwerks«) unterscheiden sich doch von der klassischen Arts & Crafts-Bewegung des 19. Jahrhunderts (die gleichsam ja auch eine Bewegung gegen und eine Antwort auf den Manchester-Kapitalismus waren) dadurch, dass die damit verbundenen politischen Utopien damals eindeutig Richtung Sozialismus ausgerichtet waren, während wir es heutzutage mit neoliberalen Ich-AGs zu tu haben, die »Heimat« marktradikal und ausgrenzend definieren.
Sagen wir marktliberal, ja. Aber eben nicht per se ausgrenzend. Darin sehe ich noch Potenzial. Wenn ich mich mit meinem Heimat-Start-up als Akteur*in eines globalen Netzwerks sehe, bin ich vielleicht gerade über Folklore besonders offen, jemand anderem zu begegnen. In der Regel geht es ja um andere Dinge: die Singularität unserer Zeit, im Zusammenhang mit einer generell neoliberalen Ausrichtung, trennt vor allem soziale Klassen/Milieus. In den meisten Städten hat die Mittelschicht inzwischen ein gravierendes Problem: Sie wird heimatlos, weil sie nicht mehr wohnen kann. Was sind jetzt die Diskurse und Theorien, die ein anderes Miteinander denken? Was für ein Konzept von Heimat und gutem Leben bieten sie an? Meistens ein exklusives, auf das eigene Milieu bezogenes. Warum gilt das Recht auf Heimat nicht für alle Bewohner*innen einer Stadt? Warum tritt die Mittelschicht nicht dafür ein? Andere (Rechte) zu beschimpfen ist einfach, die Entwicklung von Utopien ist jedoch wirklich eine Herausforderung.

Ist »Heimat« nur als Reaktion auf Globalisierung zu verstehen oder nicht doch auch Teil eines (durchaus diffusen) Retrophänomens wie es angefangen von Simon Reynolds (»Retromania«, 2011) über Mark Fisher (»Kapitalistischer Realismus«, 2013) bis hin zu Zygmunt Bauman (»Retrotopia«, 2017) und Valentin Groebner (»Retroland: Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen«, 2018) seit einiger Zeit immer wieder beschrieben wird?
Ich sage, »Heimat« ist Bestandteil der Globalisierung. Ich habe das bezogen auf Bauman auch schon einmal in einem Vortrag formuliert: Der Sozialwissenschaftler Zygmunt Bauman macht eine Reihe von vermeintlich rückwärtsgewandten Suchbewegungen aus – die er unter dem Begriff »Retrotopia« fasst – u. a. die Sehnsucht nach einem imaginierten Stammesfeuer. »Dass es dazu kam«, schreibt er, »ist eine Nebenfolge zweier parallel ablaufender Prozesse: Der Globalisierung der Mächte (wenigstens der potentesten, die unser Schicksal zu bestimmen vermögen) und der Globalisierung der Informationsvermittlung (zumindest der Formen, die den größten Einfluss auf die Gestalt dessen haben, was man uns vorsetzt und was wir als die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu akzeptieren und zu verinnerlichen gedrängt werden); eine Nebenfolge dessen, was man die ›Erweiterung‹ oder sogar ›Auslöschung der Horizonte‹ (im Sinne der Begrenzung unseres Blicks) vor allem der wechselseitigen Abhängigkeit und Vergleichbarkeit nennen könnte«. Während Prozesse und Phänomene immer komplexer miteinander verwoben sind, lässt sich in der Rezeption der Wirklichkeit eine Reduktion feststellen. Das hat mit medialen Formaten zu tun, bedingt neue Medien, und ist auch damit verknüpft, dass viele Menschen heute nicht in der Lage sind, quellenkritisch mit der ungeheuren Flut an Wissen umzugehen, das inzwischen verfügbar ist. Wenngleich Bauman in seinem Band nur an einer Stelle das Wort Heimat verwendet und in dem Zusammenhang nicht als Konzept diskutiert, lassen sich Baumans Gedanken auf die Frage von Zugehörigkeit übertragen: Einen wesentlichen Diskursstrang bildet eine Idee von Heimat, die rückwärtsgewandt eine »reine« Idylle beschwört, einen Sehnsuchtsort, den es so niemals gegeben hat. Gleichwohl wird auch die imaginierte Vergangenheit zum wirkmächtigen Thema – im medialen Diskurs und gerade auch in der politischen Debatte.

Danke für das Interview.

Näheres zur Autorin
Dr. Simone Egger ist Kulturwissenschaftlerin und Postdoc-Assistentin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und kuratiert 2020 mit Bülent Kullukcu und Karnik Gregorian das Münchner Tanz- und Theaterfestival »RODEO_Baustelle Utopia«. Im Rahmen ihrer Habilitation befasst sie sich mit transnationalen Verbindungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: »Über Liebe. Über Kosmopolitismus. Über Europa«. Außerdem ist sie Leiterin des Museum Wattens zur Alltags- und Industriegeschichte in Tirol.

Literatur
Simone Egger: »Phänomen Wiesntracht – Identitätspraxen einer urbanen Gesellschaft: Dirndl und Lederhosen, München und das Oktoberfest«, utzverlag GmbH (Münchner ethnographische Schriften) 2008, 140 S., € 29,00

Simone Egger: »›München wird moderner‹: Stadt und Atmosphäre in den langen 1960er Jahren«, Transcript (Urban Studies) 2013, 482 S., € 32,80

Simone Egger: »Heimat: Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden«, Riemann Verlag 2014, 320 S., € 33,59