Foto: Josef Klammer

Schlagzeuger-Ballett und Satelliten-Klacken

Piotr Lyszkiewicz (Sax), Piotr Zabrodzki (b), Jan Nykiel (Tanz), Josef Klammer (Dr) am 15. 2. 2014 in der Strengen Kammer des Porgy & Bess Wien. Die subjektive Prolo-Schlagzeug-Kritik, Teil 10.

Der Tänzer spiegelt sich in der Glastüre, man kann ihn also doppelt sehen, real und als Schatten gleichzeitig – ein Stereo-Tänzer mit bloßen Füßen auf Plastik. In der Strengen Kammer im Porgy & Bess ist ein enges Viereck auf den Boden gepickt – sicher für jeden Tänzer schwer zu bespielen. »Melomaniac Corner«, heißt die Konzertreihe. Minimalismus ist gefragt. Der Schlagzeuger spielt mit Wischern auf dem Mitternacht-blauen Schlagzeug alleine vor sich hin. Der Tänzer lässt mit theatralischer Geste seine Jacke fallen. Ein schmächtiges Kerlchen mit Popper-Frisur. Schwanenartiges Getanze, Schwanenballett, Schwanensee. Doppelt mit Glasreflektion schaut es gut aus. Saxophonist Piotr Lyszkiewicz spielt schräg durch. [In letzter Zeit habe ich öfter Schlagzeuge als »Melodieinstrumente« in der Mitte von Bands gesehen. Wie die Schlagzeugerin Sara Ercegovic der Zagreber Frauenband ZEN, die Gitarre und Bass mit Kopfnicken dirigierte, oder beim Salon skug den fröhlichen, amerikanischen Jüngling Marc Holub, der den beiden anderen – Pamelia Kurstin (Theremin) und Chris Janka (E-Gitarre) im Trio BlueBlut davonsspielte, sich aber immer wieder im rasenden Lauf abstoppte und breit grinste.]
Das Sax gibt etwas tragisch-pathetische Stimmung vor. Töne macht der auch, der Tänzer? Nein, das ist der Schlagzeuger, der irgendwelche Sounds produziert, durch Bewegungen der Arme in der Luft. »Das waren chinesische Sounds«, sagt Josef Klammer später, »aus chinesischem Spielzeug, WII-Controller! Nintendo!« Der Bassist krempelt die Arme hoch und nun tanzt der Schlagzeuger, erzeugt Quietschtöne mit seinen Armen und wiegt sich hin und her. Schlagzeuger Ballett. Schlagzeuger Zirkus. »Durchs Drehen rufe ich die Töne ab, die rollen wie bei einem Hubschrauber. Beschleunigung! Ich weiß in der Luft, wo ich bin, denn ich beschäftige mich seit 30 Jahren damit.«

Weißes Fleisch vor Schlagzeug
piotr.jpgDer Tänzer schnauft mächtig, dem Bassisten hat es den Bass verschlagen. Jetzt hat der Tänzer die Hose auch noch aus. Fleisch. Dafür ist es aber zu eng hier, in der engen Kammer. Opi hält die Kamera drauf, Omi schaut entgeistert. Endlich richtiges Schlagzeug mit kleinen Nachhäckchen und lauter Basstrommel. Nachdrücklich. Triolen. Polen und weiße Unterhosen, Schatzi! Fleisch vor Schlagzeug sieht seltsam aus, vor allem nicht das »zähe« Fleisch von Alt-Punks, sondern duftig blumig-weiß. Weiß in weiß auf Plastik. Das Sax führt sich auf. Der Bassist mit goldener Kappe auf dem Kopf findet endlich rein, das Sax kreischt triumphierend. Bassist Piotr Zabrodzki spielt den Tänzer nach, mit einzelnen basshohen Tönen. Der zieht auch noch sein Unterleiberl aus. Ein gesunder, kräftiger, junger Mann wird für mich nie verletzlich aussehen. Der Saxophonist amüsiert sich. Für eine ehemalige Punk-Schlagzeugerin ist das sehr strenge Kammer hier.

Der Bass schüttelt Piotr
Elektrokrach, der Schlagzeuger steigert sich rein, quietscht auf dem Schlagzeug herum. Der Bassist dreht ihm den Strom ab. Und aus! In Gender- und Transgender-Zeiten hätte der Tänzer doch seine Militärhose anlassen können. Bassist Piotr Zabrodzki konzentriert sich schon wieder auf den Strom. Und aus. [Ûbrigens glaube ich, dass »die Autonomen« auf der Demonstration gegen den Akademikerball Hooligans waren. Wegen den Turnschuhen und den hellen Hosen. Kein echter Autonomer würde so was tragen. Im Winter! »Heutzutage geht schon ein jeder im Schwarzen Block mit«, sagte mein alter Schlagzeugerlehrer Michi.]
Der Schlagzeuger spielt durch, das kann er auch, unser Elektroniker. Bass! Jetzt finden die drei zusammen. Der Tänzer ist in Demutspose am Boden kauernd erstarrt. Jetzt tanzt der Bassist! Mit seinem Bass! Lässt ihn nachklingen und schüttelt ihn. Der Bass schüttelt Piotr zurück. Ein leeres Haus ist auf dem Prospekt des Polnischen Instituts drauf, mit offenem Dach.

Diskursives Schlagzeug über Satellit
»Von den Trommeln friere ich Töne ein, Schichtungen entstehen, wie Stimmen«, erklärt Josef Klammer, der aus Osttirol stammt, später. Klangteppich! Soundsampler! Speicher! Es »gab praktisch gar nichts«, als er sich ungefähr 1985 den ersten Atari beschaffte, den ersten Soundsampler Mirage. »Die waren erschwinglich«, meint er. »60.000 Schilling kosteten diese Geräte, daraus generierten wir ein Klangprofil der Stadt Eisenerz, auch der EinwohnerInnen, eine der ersten Sampling-Arbeiten überhaupt. Das war ein Aha-Erlebnis«, lacht er. »Wir trafen uns im Gasthaus mit der Bevölkerung, die brachten uns Klang- und Wortspenden vorbei, daraus machten wir ein Konzert – unter mäßiger Beteiligung der Bevölkerung (grins). Ich übernahm mit dem Duktus eines Schlagzeugers den diskursiven Teil, mein Kollege den harmonischen Teil, die MIDI-Gitarre. Wir machten 1987 das erste MIDI-Konzert über Telefon.« Dann redet er noch etwas von »Dialekt zwischen den Instrumenten«, »Digital Interface« und »Ûbertragungs- bzw. Steuerprotokollen«. Ich denke inzwischen an den polnischen Hardcore-Schlagzeuger, den Neonazis aus seinem Hochhaus-Block vertrieben, und an selber beobachteten polnischen Hardcore-Kapitalismus!

Das Schweigen und der Tanz
»Mir war das Schlagzeug zu wenig«, meint Klammer und schaut mich prüfend an (mir nicht by the way). »Zur Klangerweiterung machten wir Konzerte über Satelliten! Wir arbeiteten mit der Verzögerung, der Satellit war eines der teuersten Delay-Instrumente. Es ging um Klang-Ästhetik. Intel SAT 604 und 605! Du telefonierst mit Lichtgeschwindigkeit hinauf, von der Erde-Funkstelle aus. Ich habe in Sydney wen gehabt, der hielt zwei Telefonhörer umgedreht zusammen und noch wen in New York. Das hat man dann schön gehört beim Konzert, das Klacken, die Rückkehr der Geräusche, um eine halbe Sekunde verzögert, tackatackatack.«
Gerade fand er bei seinen Eltern die Rechnung für sein erstes Schlagzeug: sagenhafte 25.000 Schilling für ein Tama Fibre Star. 1976. Dann erzählt er noch von Elfriede Jelinek-Stücken, die er »vermusikalisierte«. »Nähmaschinen, New Memories, Ikarus ..«, verstehe ich. »Trommeln ist ein dehnbarer Begriff«, meint er, »ich arbeite gerade mit Fellen aus Gummi.« »Sprachsynthese, Verspätung am Bahnhof, ausgetüftelte Sprachprogramme, sinnlose Buchstaben als Musikbausteine…« Irgendwie leitet mein Hirn nicht mehr weiter, Stromstörung. »Wie hieß denn das Elfriede Jelinek-Stück?«, frage ich. »Das Schweigen«, sagt er.

Ich erzähle ihm vom tollen Salon skug-Konzert von BlueBlut, bei dem viele shakten und den Sound, den skug-Herausgeber Alfred Pranzl »beinahe progressive Rock« nannte. »Tanzbar habe ich noch nie gespielt«, sagt Josef Klammer. Er klingt aber nicht arrogant, sondern eher neugierig.